> > > Rimski-Korsakow, Nikolai und Denissow, Edison: Klaviertrios
Samstag, 20. Januar 2018

Rimski-Korsakow, Nikolai und Denissow, Edison - Klaviertrios

Wiederentdeckung kammermusikalischer Kostbarkeiten


Label/Verlag: NCA - New Classical Adventure
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der russische Geiger Mark Lubotsky hat bislang kaum gehörte Klaviertrios seiner Landsmänner eingespielt. Es sind kammermusikalische Kleinodien, die entdeckt werden müssen - auch wenn ihre Schöpfer daran nicht interessiert waren.

Mark Lubotsky wird auch im hohen Alter nicht müde, die Musik seines Landes international bekannt zu machen. 1929 in Leningrad geboren ging er im Moskauer Konservatorium bei Abram Jampolski und David Oistrach in die Schule. In dieser Zeit wohnte er im Komponisten-Gemeinschaftshaus. Täglich hörte er, was die sowjetischen Komponisten zu Papier brachten, gab geigerische Ratschläge, wenn es um Violinpartien ging, traf sich regelmäßig zum Musizieren. In dieser Zeit lernte er Dimitri Schostakowitsch und dessen Freund Wissarion Schebalin kennen und begründete Freundschaften mit Alfred Schnittke und Edison Denissow. Sein tiefer Zugang zur russischen Moderne aus dieser Zeit machte ihn zum Anwalt für die Verbreitung russischer Gegenwartsmusik, auch dann noch, als er nach seiner Emigration nach Holland in Westeuropa und den USA international Erfolge feierte. Als Dank dafür widmeten die Komponisten ihm ihre Werke und bestanden häufig auf seine Mitwirkung bei der Uraufführung. Dazu zählen vor allem Alfred Schnittke mit seinen beiden Violinkonzerten und seinen Violinsonaten, Arvo Pärt und Edison Denissow.

Edison Denissow gilt als einer der führenden Repräsentanten der russischen Moderne nach 1945. 1929 im damaligen Leningrad geboren, studierte er zunächst Mathematik, bevor er in Tomsk in die Kompositionsklasse von Nikolai Peiko und Wissarion Schebalin aufgenommen wurde. 1956 wurde er Lehrer für Komposition und Analyse, ab 1961 Dozent für Instrumentation am Moskauer Konservatorium. Während seine Werke außerhalb der Sowjetunion wegen ihrer Kompromisslosigkeit als entscheidende Beispiele der sowjetischen Nachkriegsavantgarde international anerkannt waren, stand Denissow im eigenen Land unter kritischer Beobachtung. Zeitweise durften seine Werke nicht aufgeführt werden. Eine Lockerung der angespannten Situation erlebte er ab den späten 80er Jahren. Nach der politischen Wende unterstützte er maßgeblich die Wiedergründung der ‚Assoziation für zeitgenössische Musik‘ (ASM) und ebnete damit den Weg für die Gründung des ASM-Ensembles zur Verbreitung der russischen Avantgarde im In- und Ausland.

Denissows Personalstil ist von einer überwiegend dodekaphon geprägten Klangsprache dominiert. Er experimentierte mit elektronisch erzeugter Musik und postulierte eine von allem Unnötigen befreite Musik. In den 1970er Jahren folgte er seiner Idee von der ‚Schönheit des Gedankens, wie sie von Mathematikern verstanden wird‘. Erst in seiner späten Schaffensphase, in welcher er sich verstärkt mit existentiellen und religiösen Themen beschäftigte und neben der Oper Oratorien und Messen vertonte, zeigten sich in seinen Werken unterschwellig auch Einflüsse der Klassiker wie Mozart, Schubert und Debussy.

Das Klaviertrio op. 5 passt in keines dieser Raster und verwirrt. Denissow schrieb es während seines Kompositionsstudiums um 1955. Für den Hörer absolut überraschend steht es in einer Tradition, die von russischen Leitbildern im tonalen Raum geprägt ist. Das kurze Klavier-Solo zur Eröffnung des 'Moderato'-Satzes erinnert an Mussorgsky, mit dem Einsatz der Streicher folgt eine Gangart im Stile von Schostakowitschs frühen Streichquartetten. Das 'Allegro' sprüht durch folkloristische Elemente, die er mit klassischen Formen fundamentiert. Für das 'Largo' hat Denissow eine wunderschöne elegische Melodie erfunden, die sich zu einem hochdramatischen expressiven Trio entwickelt. Das abschließende 'Allegro' mit seinem fugierten Anfang strahlt heitere Unbekümmertheit und witzige Ausgelassenheit aus.

Rimski-Korsakow wollte vor allem als Opernkomponist wahrgenommen werden. Der Kammermusik widmete er sich nur gelegentlich, quasi als Hobby und nur für den Hausgebrauch. An Sorgfalt ließ er es dennoch nicht fehlen. Sein 1897 komponiertes Klaviertrio c-Moll steht ganz in der Tradition russischer Kammermusik um die Jahrhundertwende, wie sie Borodin oder Tanejew prägten. Das gilt vor allem für die ersten drei des vier Sätze umfassenden Werkes. Mit kantablem Schmelz, tänzerisch oder meditativ führt Rimski-Korsakow die Kernmotive ein und spinnt sie variantenreich fort. Im Zentrum steht das schwelgerisch aussingende Cello, das im Zusammenspiel mit Klavier und Violine orchestrale Dichte erzeugt. Der vierte Satz fällt allein von seiner Anlage her aus dem Rahmen. Zweifache Tempiwechsel zwischen Adagio und Allegro strukturieren den Schlusssatz in vier Teile. Zunächst erfolgt ein Dialog zwischen Klavier und Cello als Zwiegespräch der musikalischen Stile. Das Klavier repräsentiert den barocken Stil, das Cello improvisiert im spätromantischen Stil. Sehr spät am Ende des dritten Teils setzt die Violine solistisch ein. Mit ihren Anklängen an die Neutöner der russischen Moderne scheint der Blick weit über die Entstehungszeit hinaus gerichtet zu sein. Doch es bleibt nur eine Überleitung in ein rasantes Finale mit einer herrlichen Kantilene, die an den Anfangssatz erinnert. So schließt sich der Kreis.

Lubotsky verdient für diese Entdeckungen höchstes Lob. Seine Mitstreiter Olga Dowbusch-Lubotsky (Violoncello) und Amir Tebenikhin (Klavier) fühlen sich jedoch nicht nur als Anwalt dieser kammermusikalischen Kostbarkeiten. Mit Verve folgen sie der musikalischen Energie, die hinter den Noten steht, musizieren eng verzahnt, überaus transparent und mitreißend schön.

Nicht minder detailreich und mit großer Sorgfalt ist das Booklet verfasst. Es gibt Aufschluss über die Komponisten und Instrumentalisten und die Zusammenhänge untereinander, die eine solche Einspielung auf den Weg brachten. Man kann sich nur wünschen, dass es viele Nachahmer gibt. Diese Musik verdient es.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rimski-Korsakow, Nikolai und Denissow, Edison: Klaviertrios

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
NCA - New Classical Adventure
1
25.09.2015
74:23
2015
EAN:
BestellNr.:

885150340929
234092


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Denissow, Edison W.
Rimsky-Korsakow, Nikolai


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"Erstaufnahme des Klaviertrios op. 5 von Edison Denissow. Edison Denissow zählt zu den bedeutendsten Komponisten der russischen Moderne. "


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NCA - New Classical Adventure

20 Jahre NCA

Als im Jahre 1992 das Klassiklabel NCA ins Leben gerufen wurde, dachte niemand daran, dass man heute das 20-jährige Jubiläum feiern könnte. In zwei Jahrzehnten wurde ein Katalog geschaffen, der mehr als 150 Produktionen umfasst und zum Besten gehört, was die Klassik zu bieten hat.

NCA steht für neue Interpretationen bekannter Werke, steht für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit Musik in den verschiedensten, vielleicht auch ungewohnten Besetzungen, steht für auserlesene, oft zu Unrecht selten oder bisher noch nie eingespielte Werke in allen Stilistiken der klassischen Musik, was insgesamt zum Markenzeichen des Labels wurde und ist damit die ideale Ergänzung für den Plattenschrank eines Klassikliebhabers werden.Dabei ist selbstverständlich Grundvoraussetzung eine hohe künstlerische und technische Qualität der Einspielungen.

Bei NCA findet sich keine Trennung des Repertoires, sondern alle Einspielungen dienen gleichberechtigt dem einen Zweck, das Phänomen ?Musik? im Sinne eines Mosaiks ganzheitlich (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) entstehen zu lassen.

Viele Einspielungen aus sämtlichen Genres der klassischen Musik wurden von der Fachpresse hochgelobt und mit diversen Preisen ausgezeichnet. Viele berühmte und weltbekannte Künstler zeugen von der höchsten Qualität der Produktionen. Ein besonderes Augenmerk gilt der Förderung junger und aufstrebender Künstler, um ihnen ein Sprungbrett in die weite Welt der Klassik zu bieten.

Wenn Sie Lust auf klassische Abenteuer im besten Sinne des Wortes haben, dann sollten Sie sich NCA nicht entgehen lassen!

Klaus Feldmann
A&R Managing Director


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