> > > Schostakovich, Dimitri: Drei Kammersinfonien
Sonntag, 16. Mai 2021

Schostakovich, Dimitri - Drei Kammersinfonien

Seelenvoll


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Kiewer Solisten legen mit messerscharfer Präzision offen, was Schostakowitsch in den Subtext seiner Streichquartette verlagerte und Barshai durch seine Kammer-Symphonie-Arrangements verstärkte.

Ein Konglomerat aus Verdrängung, Flucht, höchster Seelennot und einem lauten Aufschrei der Rebellion hinter der Maske scheinbarer Linientreue bestimmen die Streichquartette von Dimitri Schostakowitsch. Rudolf Barshai war ein enger Freund des Komponisten. Zwischen 1945 und 1953 spielte er im berühmten Borodin-Quartett, leitete in den 1960er Jahren als Dirigent die Uraufführung von Schostakowitschs Symphonie Nr. 14 und erklärte es zu seiner Sache, auch nach Schostakowitschs Tod dessen Werke einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dafür wählte er unterschiedliche Wege. In den 1990er Jahren beispielsweise arrangierte Barshai fünf Streichquartette von Schostakowitsch und verhalf ihnen über Nacht zu einer Popularität, wie sie im kammermusikalischen Umfeld kaum zu erreichen wäre. Gleichzeitig setzte er damit eine Auseinandersetzung mit einem Komponisten in Gang, der von der Fachwelt aufgrund seiner Symphonien und Filmmusiken bis dahin als angepasst und restaurativ eingestuft worden war - und nach diesen neuen Hörerkenntnissen gründlich revidiert werden musste.

Die Kiewer Solisten sind ein Zusammenschluss hochrangiger Instrumentalisten aus der Ukraine. 2014, während der erbitterten Kämpfe zwischen den pro-russischen Separatisten und der russischen Armee, spielten sie unter der Leitung des Dirigenten und Solocellisten Dmitry Yablonsky drei dieser fünf Kammer-Symphonien ein. Yablonsky ist in Moskau geboren, mit 16 Jahren emigrierte er in die USA; mittlerweile ist er vor allem in Russland und Aserbaidschan unterwegs, um über die Musik die Gemüter aufzuwühlen. Bestes Beispiel ist diese Einspielung.

Stalin verstand es wie kein anderer, Kunst zu seinem Nutzen zu funktionalisieren. Bei Dimitri Schostakowitsch erkannte er dessen Charisma und zwang ihn, im diktatorischen UdSSR-Staat nach außen ein Leben zu führen, das dem eines Popstars glich. Schostakowitsch übernahm offizielle Funktionen, hielt zu zahlreichen Anlässen Reden und repräsentierte die sowjetische Kultur. Dass dies alles erzwungen und nur Maskerade war, die Schostakowitsch aus purem Überlebenswillen soweit perfektionierte, dass man ihn nach seinen immer irrwitziger werdenden öffentlichen Bekenntnissen als Gottesnarr bezeichnete, konnte selbst sein enger Kreis nur vermuten. Mit einer in den Jahren gewachsenen Perfektion verstand es Schostakowitsch, seine wahre Gesinnung vor allem in den Subtext seiner Kammermusikwerke hineinzupacken.

Sein Achtes Streichquartett nimmt hier eine Schlüsselstellung ein. Offiziell ist es ‚Den Opfern von Faschismus und Krieg‘ gewidmet, weil es – so will es die Legende – 1960 im zerbombten Dresden komponiert wurde. Das geschah allerdings im Nachgang. Tatsächlich entstand es in einer Phase, in welcher Schostakowitsch an Selbstmord dachte, weil man ihn zum Eintritt in die KPdSU gezwungen hatte. Daher widmete er es in Andenken an sich und schuf wohl eines der persönlichsten Musikdokumente überhaupt. Darauf deutet das grundlegende Thema über die Initialen des Komponisten DEsCH. Es erklingen weitere Themen aus seiner Ersten, Achten und Zehnten Symphonie, seinem Trio op. 67, seinem Ersten Cellokonzert und seiner Oper 'Lady Macbeth' sowie Passagen, die an Wagners 'Götterdämmerungs'-Trauermarsch und den erste Satz von Tschaikowskys letzter Symphonie erinnern. Durch diesen ‚netten Mischmasch‘, wie er selbst schrieb, entzog er dem Werk jegliche Basis zur eindeutigen Definition, was im Übrigen für alle seine 15 Streichquartette gilt.

Mit den Initialen beginnt der erste Satz. Die Stimmeinsätze erfolgen fugiert. Die Kiewer Solisten intonieren es mit Apathie ausstrahlender Fahlheit und grenzenloser Bedrückung, aber so stimmig, als spiele nur ein Instrument je Stimme, aber eben mit raumfüllender Klangstärke. Mit peitschender Brutalität jagen sie durch den zweiten Satz, ein irrwitziger Gnom tänzelt im dritten Satz über den Trillern und zur balaleikaartigen Begleitung, im vierten Satz entziehen sie dem Ausdruck mit ihrer so energisch ausgespielten Kraftlosigkeit fast jeden Hoffnungsstrahl, wären nicht jene kurzen Sequenzen, die auch hier solistisch besetzt eine süßliche Wehmut verbreiten. Zum Finale stimmen sie noch einmal das Initial-Thema an, doch jetzt überraschend zuversichtlich.

Doppelbödigkeit aus dem Ersten Streichquartett op. 49 herauszuhören, fällt schwer. Tatsächlich beherrschte Schostakowitsch zum Zeitpunkt der Komposition 1938 die pure Überlebensangst, nachdem er in den beiden Jahren zuvor von der Kritik als Systemfeind deklariert worden war. Mit dieser scheinbaren Einfachheit wollte er in die Normalität des Alltags zurückkehren. Bruchfrei hält Schostakowitsch den neoklassizistischen Stil bei, bezeichnet ihn als ‚fröhlich, frühlingshaft und unbeschwert‘, seine Kritiker überschreiben es als ‚lyrisches Intermezzo‘. Scheinbar munter beginnen die Kiewer Solisten ihr Spiel. Sehr bedächtig entwickelt sich das Bratschen-Solo im zweiten Satz. Die Antwort der weiteren Instrumente markieren die Kiewer Solisten als Gespräch zu Viert, das einzelne Gedanken zulässt. Heiterkeit und Getriebenheit lösen sich im dritten Satz mit scheinbar volkstümlicher Leichtigkeit ab, die im vierten Satz groteske Züge annimmt und am Ende trotzige Entschlossenheit im Fortissimo unterstreicht.

Auch Schostakowitschs Viertes Streichquartett aus dem Jahr 1949 entstand in einer Zeit größter Anfeindungen. Für die Außenwelt in diesem Jahr hörbar wurden nur sein Oratorium 'Das Lied von den Wäldern' und die Musik zum Film 'Der Fall von Berlin'. Beides sind beste Beispiele für Schostakowitschs mittlerweile perfektionierte Methode, sich den Repressionen des Sowjetregimes zu entziehen. Sein Streichquartett blieb bis nach Stalins Tod in der Schublade. Im Arrangement dieses Werkes verlässt Barshai die reine Streicherbesetzung, nutzt die Klangfarben von Englischhorn, zwei Hörnern, Trompete und Schlagzeug, um das Subtile unter der vordergründigen Klangpracht zu verstärken. Die ganze Dimension menschlicher Seelenpein ergreift den Zuhörer im zweiten Satz zum Englischhorn-Solo, das Schlagzeug verstärkt die peitschend vorangetriebenen pulsierenden Begleitmotive zu den bezwingenden Klagegesängen. Yablonsky und seine Kiewer Solisten interpretieren hier wie in den beiden anderen Kammer-Symphonien mit schneidender Direktheit und offenbaren damit selbst Kennern dieser Werke bislang Ungehörtes.

Die CD ist bei Naxos erschienen. Es ist bedauerlich, dass man die Angaben im Booklet auf das Minimum zu Werk und Ausführenden reduzierte und es lediglich in englischer Sprache abgedruckt hat. Die Interpretationen sind unbequem, aufwühlend und packend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakovich, Dimitri: Drei Kammersinfonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
25.03.2016
Medium:
EAN:

CD
747313346677


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Schostakowitsch, Dimitri


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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