> > > Lindberg, Magnus: Al Largo / Cellokonzert 2 / Era
Montag, 25. Oktober 2021

Lindberg, Magnus - Al Largo / Cellokonzert 2 / Era

Virtuose des Orchesters


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Magnus Lindbergs Fähigkeit, aus Elementen der musikalischen Tradition einen eigenen, höchst eindringlichen und überzeugenden Stil zu bilden, zeigt sich beispielhaft in den drei hier zu hörenden Orchesterwerken.

Magnus Lindberg (Jahrgang 1958) genießt als Komponist so hohe internationale Anerkennung, dass ihn einige (deutsche) Kritiker offenbar nicht leiden können. Immer wieder wird das Œuvre des Finnen pauschal als eklektisch bezeichnet, als ob damit bereits ein Qualitätsurteil verbunden wäre. Merkwürdig – waren doch fast alle großen Komponisten Eklektiker in dem Sinne, dass sie Einflüsse aus vergangenen Epochen in ihren individuellen Stil einflochten. Entscheidend ist wohl weniger der Stilpluralismus an sich als vielmehr die Frage, zu welchem Ergebnis er führt. Und hier muss Lindberg keinen Vergleich scheuen: Vor allem seine Orchesterwerke sind in den Konzertsälen (nicht nur) Europas ähnlich präsent wie auf Tonträgern. Yefim Bronfman, Pekka Kuusisto und Kari Kriikku sind nur drei der zahlreichen Solisten, die Lindbergs Solokonzerte eingespielt haben. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen beim finnischen Label Ondine wiederholt auf Stücke ihres erfolgreichen Landsmannes zurückgreifen, so auch auf der vorliegenden CD. Sie enthält zwei Kompositionen mit den für Lindberg charakteristischen metaphorisch-kurzen Titeln, in diesem Fall 'Al largo' aus den Jahren 2009/10 und das 2012 komponierte 'Era'. Daneben steht das 2013 entstandene zweite Cellokonzert mit dem Solisten Anssi Karttunen. In allen drei Werken dirigiert Hannu Lintu das finnische Radio-Symphonieorchester.

Das An- und Abschwellen von beeindruckenden Klangflächen mit feinsten instrumentalen Verästelungen und raffinierten Kombinationen ist einer der großen Vorzüge von Lindbergs Orchesterwerken, so ist es auch in 'Al largo'. Man sollte aus dem Titel nicht auf ein moderates Tempo schließen, stattdessen geht es in diesem Stück oft höchst rasant zu. Dem moderat (aber mit Schlagwerk, Harfe und Klavier) besetzten Orchester gewinnt der Tondichter ein Höchstmaß an Farbigkeit ab; dabei wahrt er, trotz einiger klanglicher Herbheiten, durchgehend eine Zugänglichkeit für jene Hörer, die der Musik unserer Zeit zumindest nicht völlig abgeneigt sind. Dass all diese Faktoren nicht zu einem einfachen Nebeneinander von nur handwerklich guten Passagen, sondern zu einem schlüssigen und zwingenden akustischen Gesamteindruck führen, ist sicherlich Lindbergs Können zuzuschreiben, ebenso aber der Leistung von Dirigent und Orchester. Das teilweise höchst anspruchsvolle Werk ist bei Lintu und den Musikern aus Helsinki bestens aufgehoben, die dynamischen Abstufungen gelingen in feinsten Nuancen. Besonders hervorzuheben ist die präzise klangliche Integration des Klaviers, ein heikler Punkt bei vielen Orchesterwerken, die dieses Instrument als Bestandteil des Ensembles verwenden. Oft tritt es dann unangemessen in den Vordergrund. Nicht so bei Lintu – die gewünschte klangliche Färbung des Ensembleklanges mit Hilfe des Klaviers gelingt ihm exzellent.

Ein ähnliches Meisterwerk der Balance ist das zweite Cellokonzert mit dem vorzüglich aufgelegten Solisten Karttunen, der sich vom einleitenden Dialog mit den Holzbläsern an die Möglichkeit, in allen drei Sätzen sein umfassendes Können zu demonstrieren, nicht entgehen lässt. Unter anderem durch die zumindest im Kern gewahrten traditionelle Dreisätzigkeit ist das Konzert die zugänglichste der drei hier versammelten Kompositionen und knüpft an die Klangsprache der von Lindberg im Beiheft genannten Meister Bartok und Prokofjew an. Doch wie schon zu Beginn erwähnt – der Tonfall bleibt, bei allen erkennbaren Einflüssen, immer derjenige Lindbergs. Trotz der stets vorhandenen Durchhörbarkeit mit fast kammermusikalisch anmutenden Passagen fehlt es auch hier nicht an jener orchestralen Opulenz, die das Werk des Finnen fast immer auszeichnet. Man darf mit einigem Recht behaupten, dass dem Tondichter hier ein Meilenstein der Gattung gelungen ist. Die interpretatorisch wie klangliche hervorragende Einspielung unterstreicht diesen Eindruck.

Eine Nuance blasser – wenn auch immer noch eindrucksvoll – wirkt hingegen 'Era'. Obwohl ein gutes Stück kürzer als 'Al largo', kann sich die Faszination der Lindberg‘schen Klangflächen hier nicht ganz so fantasievoll entfalten. Der Komponist nennt im Beiheft unter anderem die vierte Sinfonie von Sibelius als Inspirationsquelle, so dass man auch hier wieder vergleichen kann, ohne jemals ein genaues 'diese Stelle klingt wie...' zu finden. Die suggestive Klanglichkeit von Lindbergs Stück wird von den Musikern ebenso plastisch und eindringlich eingefangen wie in 'Al largo' und im zweiten Cellokonzert, vor allem die Virtuosität der Holzbläser ist hier zu loben. Wenn man also nicht gerade einer jenen beckmesserischen Kritiker sein möchte, die Lindbergs souveränen und höchst erfolgreichen Umgang mit der musikalischen Tradition nicht lieben, dann muss man den drei hier zu hörenden Werken jeden Respekt zollen: Es handelt sich um erstklassige Musik, die ebenso erstklassig gespielt wird und auch klanglich bestens eingefangen wurde. Zusammen mit Altmeister Rautavaara und Kalevi Aho steht Lindberg ohne Zweifel an der Spitze der zeitgenössischen Musik – aber eben nicht nur in Finnland, wie es hierzulande so mancher Beobachter gerne hätte, sondern international.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Lindberg, Magnus: Al Largo / Cellokonzert 2 / Era

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
26.02.2016
Medium:
EAN:

SACD
761195128152


Cover vergössern

Lindberg, Magnus


Cover vergössern

Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Von Dr. Michael Loos zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Konzert für Orchester: Vorliegende Zusammenstellung einer Auswahl von fünfzehnn Orchesterwerken des finnischen Komponisten Magnus Lindberg auf vier CDs macht die stilistische Spannweite und Entwicklung deutlich. Zudem wird die Musik mit höchstem Engagement in Klang umgesetzt. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 23.03.2012)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ondine:

  • Zur Kritik... Mit absoluter Innigkeit: Lars Vogt meistert Brahms Klavierkonzert Nr. 1 D-Moll mit der Royal Northern Sinfonia. Dazu 4 Balladen op. 10 in solider Interpretation Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Test bestanden: Lars Vogt empfiehlt sich für weitere Mozart-Aufgaben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Konsequente Stilschmelze: Erst Rockstar, dann Solist am Cello im Barockensemble: Genregrenzen überwindet der finnische Komponist Olli Virtaperko, indem er sie sich einverleibt. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle Kritiken von Ondine...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Solide Handwerkskunst in spritziger Interpretation: Das Konzert für Englischhorn und Streichorchester ist ohne Zweifel das gelungenste der drei hier versammelten Stücke aus der Feder von Josef Schelb. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Melancholisch und introvertiert: Vasily Petrenko dirigiert das Oslo Philharmonic Orchestra in zwei Symphonien, die sich ähneln, aber doch qualitativ unterscheiden: Myaskowsky hat die Nase in diesem Fall klar vor Prokofiev. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Auf Chopins Spuren: Auch wenn Michał Bergson sein Vorbild Chopin nicht erreichte, ist doch zumindest sein Klavierkonzert ein hörenswertes Werk. Von den übrigen Stücken auf dieser CD kann man dies aber leider nicht behaupten. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unsentimental: Maurizio Paciariello spielt die drei Klaviersonaten aus dem Jahr 1936 von Paul Hindemith. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Zu Bachs und Händels Schaden: Eine etwas betuliche Hercules-Doppelkantate aus Halle. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich