> > > Gluck, Christoph Willibald: Iphigenie auf Tauris
Samstag, 24. Juni 2017

Gluck, Christoph Willibald - Iphigenie auf Tauris

Endlich!


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Endlich ist die legendäre 'Iphigénie en Tauride' unter Carlo Maria Giulini und dem erstklassigen Ensemble des Festivals in Aix-en-Provence 1952 wieder auf CD erhältlich.

Beim Label Profil Edition Günter Hänssler ist die legendäre Aufnahme von Christoph Willibald Glucks 'Iphigénie en Tauride' aus dem Jahr 1952 wieder auf CD erschienen. Als ursprüngliche Produktion der EMI ist die Einspielung schon seit längerer Zeit nicht mehr als CD greifbar, zuletzt bei MDV Classics 2007. Die Aufnahme entstand im Juli 1952 im Rahmen der Festspiele in Aix-en-Provence. Es handelt sich aber nicht um einen Mitschnitt, sondern um Aufnahmen, die gegen Ende der damaligen Aufführungsserie vor Ort unter mehr oder weniger Studiobedingungen produziert wurden. Dem hervorragenden Ensemble hört man in jeder Sekunde die lebendige, aktuelle Theatersituation in Aix-en-Provence an, und Carlo Maria Giulini hält am Pult des Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire Paris die Fäden wie ein Klangmagier in seiner strengen Hand. Diese 'Iphigénie' setzt noch heute Maßstäbe, und es ist verwunderlich, weshalb sie so lange mit unverdienter Missachtung auf dem Plattenmarkt gestraft wurde.

Zugegeben, der stilistische Zugriff unterscheidet sich hörbar von heutigen Gluck-Interpretationen. Mit Marc Minkowskis oder Martin Pearlmans Aufnahmen, die mit historisch geschulten Instrumental-Ensembles agieren, oder selbst mit John Eliot Gardiners für seine Zeit ambitionierter Einspielung bei Philips hat das Klangbild in Aix-en-Provence 1952 wenig zu tun. Aber Giulinis Zugriff ist zweifellos theatral und zupackend. Man wird hier Zeuge, wie Glucks Reformopern in den 1950ern wieder neu entdeckt werden. Romantische Überfrachtung im Sinne der Bearbeitungen von Wagner und im Fall der 'Iphigénie en Tauride' von Richard Strauss sind ebenfalls meilenweit entfernt – und das, obwohl man selbst noch zehn Jahre später die Strauss-Fassung als durchaus gültige Version noch in diversen Opernhäusern zu spielen pflegt. Giulini entscheidet sich für den originalen Gluck. Schon das muss man dem Dirigenten hoch anrechnen. Denn es zahlt sich aus. Alle Solisten sind in der Lage, die Gefühlswelten ihrer Partien mit stilistischer Raffinesse und großer Gesangskultur zu transportieren, ohne zusätzliche Vokaldramatik zu bemühen. Diese 'Iphigénie' ist in all ihrer Purheit ungemein mitreißend.

Die Sänger, die damals in Aix-en-Provence zur Verfügung standen, sind mit Sicherheit die besten Gluck-Interpreten ihrer Zeit. Allen voran muss man hier den frankokanadischen Tenor Léopold Simoneau nennen. Sein Pylade ist von so edler Faktur, dass man beim Hören der beiden Arien in Ehrfurcht verstummen muss. Allein schon die elegante Phrasierung und der schlanke, frei schwingende Ton, der bei aller emotionalen Vielschichtigkeit absolute Kontrolle vermittelt, gehören zum Schönsten, was von Simoneau auf Tonträger zu finden ist. Auch der Oreste von Pierre Mollet darf als Idealbesetzung gelten. Die Partie hat eine unangenehm hohe Tessitura, die vielen Sängern große Kraftanstrengung abverlangt – nicht so Mollet. Sein ohnehin hoch gelagerter und jugendlich hell timbrierter Bariton passt perfekt zu Glucks Oreste, auch in Kombination mit Léopold Simoneau.

Die Sopranistin Patricia Neway gehört leider zu den mittlerweile fast vergessenen Künstlerinnen der 1950er Jahre. Auf Platte gibt es nur wenige Aufnahmen mit ihr, wie beispielsweise ihre Magda in Menottis 'The Consul', ansonsten verliert sich ihre Spur auf den internationalen Opernbühnen recht bald. Dabei ist sie eine stimmlich souveräne, manchmal gar flammende Interpretin der Titelpartie. Ihre Iphigénie strahlt großes Selbstbewusstsein aus, ihr Gesang ist von einer Entschiedenheit, die oftmals an eine brillant singende Schauspielerin denken lässt. Solch eine Form von dramatischer Wahrhaftigkeit in der Oper könnte Gluck durchaus vorgeschwebt haben.

Als Thoas ordnet sich der gerade mal 27-jährige Robert Massard blendend ins Ensemble ein und trumpft mit prächtigem Stimmmaterial und markanten Farben auf. Einige Jahre später wird Massard selbst ein umjubelter Oreste in Glucks 'Iphigénie' sein.

Klanglich ist diese Wiederveröffentlichung bei Profil tadellos aufgearbeitet worden, redaktionell hält sie einige Enttäuschungen bereit. Abgesehen von Fehlern im Beiheft war es der Redaktion anscheinend nicht möglich, die vollständige Besetzung dieser alten EMI-Aufnahme in Erfahrung zu bringen. Ärgerliche N.N.s zieren die Rollen der Diane und des Tempeldieners, von den beiden stimmschönen Priesterinnen, dem Skythen und der griechischen Frau ist noch nicht einmal die Rede. Das alles könnte man begreifen, wenn hier alte Bänder wiederaufgefunden worden wären, deren Inhalt nur partiell dokumentiert wurde. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. Ein kurzer Blick in einschlägige Foren und Bücher löst das Rätsel schnell und erstaunlich problemlos: Micheline Rolle singt die Diane, Robert Lamande ist der Tempeldiener, als Priesterinnen kommen Arlette Roche und Ann-Marie Carpenter zum Einsatz, Georges Abdun singt den Skythen und Simone Codinas ist die unbekannte Griechin. Bei einem No-Name-Billig-Label würde man über diese unzureichenden Angaben hinwegsehen, von Profil Edition Günter Hänssler ist man Besseres gewohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Gluck, Christoph Willibald: Iphigenie auf Tauris

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
2
08.04.2016
EAN:

881488160086


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Gluck, Christoph Willibald


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Profil - Edition Günter Hänssler

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