> > > Vasks, Peteris: Streichquartette 1,3 & 4
Montag, 3. August 2020

Vasks, Peteris - Streichquartette 1,3 & 4

Der zweite Streich


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer Aufnahme der Streichquartette Nr. 1, 3 und 4 vollendet das Spīķeru String Quartet seine außergewöhnliche Gesamteinspielung der Streichquartette von Pēteris Vasks.

Mit einer 'Elegie' hebt das fünfsätzige Streichquartett Nr. 4 (1999) von Pēteris Vasks an und entführt den Hörer sofort in die eigenartige Klangwelt des lettischen Komponisten: Eine zarte Kantilene, im Pianobereich vielfach abschattiert und von einem Instrument zum nächsten weitergereicht, entfaltet sich über filigranen Flageolett- und Trillertexturen und wird gelegentlich in die harmonische Klangspur des gesamten Instrumentalsatzes gehüllt. Abrupt zerschneidet dann eine 'Toccata' mit scharf akzentuierten, rhythmisch gegeneinander verschobenen Akkorden diesen Gesang, erschöpft sich aber bald, um einem zunächst breit dahinfließenden, im Charakter des Ausdrucks allerdings auch vielfach wechselnden 'Choral' Platz zu machen. Von diesem emotionalen Zentrum des Werkes aus bewegt sich die Musik durch eine allmählich sich verfestigende, mit polyphonen Abschnitten durchzogene Wiederaufnahme der 'Toccata' wieder weg, um dann – hier erstmals auch durch eine Pause von den übrigen Sätzen getrennt und damit einen Neuanfang markierend – in einer weit ausgesponnenen 'Meditation' ihr Ziel zu finden.

Die beinahe 35 Minuten Spieldauer dieses herausfordernden Werkes verlangen den Mitgliedern des Spīķeru String Quartet (Marta Spārniņa und Antti Kortelainen, Violine; Ineta Abakuka, Viola; Ēriks Kiršfelds, Violoncello) ein Maximum an Ausdrucksvermögen ab. Nachdem das Ensemble erst im November vergangenen Jahres mit einer Einspielung der Streichquartette Nr. 2 und Nr. 5 glänzte, folgt nun – wiederum bei Wergo – der ähnlich dicht geratene zweite Teil, der die pünktlich zum 70. Geburtstag des Komponisten vorliegende Gesamteinspielung aller bisherigen Streichquartette abschließt. Was hier einerseits in Bezug auf klangliche Feinheiten der Umsetzung, andererseits aber auch im Hinblick auf die spieltechnische Präzision der musikalischen Realisierung geboten wird, lässt einen beim Hören staunen: Scheinbar mühelos wechseln die Musiker von einer atmosphärisch genau umschriebenen Situation in die nächste, sorgfältig zeichnen sie Übergänge nach oder legen Bruchstellen der Musik offen, geben polyphone oder rhythmisch verschachtelte Konstruktionen mit erstaunlicher Klarheit wieder und erreiche mitunter – so vor allem in der 'Meditation' des vierten, aber auch im einleitenden 'Moderato' des dritten Streichquartetts – eine Intensität, die dem Hörer das Gefühl einer Stillstellung von Zeit vermittelt.

Dabei profitiert die CD auch vom Gegenüber der jeweils unterschiedlichen musikalischen Ansätze, die Vasks in all diesen Werken verfolgt. Das 1977 entstandene und 1997 überarbeitete Streichquartett Nr. 1 ist beispielsweise wesentlich harscher und unerbittlicher im Tonfall: Die 'Intrada' beginnt tumultartig, gibt aber bald darauf schon intervallisch minimal changierenden Klangbändern Raum, die dann wiederum von hart in den Tonraum gemeißelten Akkorden abgelöst werden. Vasks fordert Hörer und Musiker gleichermaßen heraus, da sie sich auf ständige Wechsel einstellen müssen. Dies gilt auch für die im Zentrum des ersten Quartetts stehende 'Sonata' mit ihrer Mischung aus zerklüfteten Abschnitten und solistisch deklamierten Soli einzelner Instrumente oder auch für das 'Allegro energico' aus dem Streichquartett Nr. 3 (1995) – beides Sätze, die in spieltechnischer Hinsicht zu den herausforderndsten Abschnitten der Werke gehören und vom Spīķeru String Quartet mit kaum zu überbietender Genauigkeit umgesetzt werden. Und wenn sich die Musiker dann in der 'Melodia' des ersten oder im 'Adagio' des dritten Streichquartetts ganz der Entfaltung und klanglich permanent variierten Einfärbung der melodischen Phrasen hingeben, ist die Musik genau dort, wo sie der Komponist gedanklich immer wieder verortet: beim Gesang.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vasks, Peteris: Streichquartette 1,3 & 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
WERGO
1
08.04.2016
77:19
2014
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228733020
WER 73302


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Vasks, Péteris
 - String Quartet No. 4 Elegy -
 - String Quartet No. 4 Toccata -
 - String Quartet No. 4 Choral -
 - String Quartet No. 4 Toccata -
 - String Quartet No. 4 Meditation -
 - String Quartet No. 1 Intrada -
 - String Quartet No. 1 Sonata -
 - String Quartet No. 1 Melodia -
 - String Quartet No. 3 Moderato -
 - String Quartet No. 3 Allegro energico -
 - String Quartet No. 3 Adagio -
 - String Quartet No. 3 Moderato - Allegro -


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""Ich habe immer davon geträumt, dass meine Musik einmal an Orten zu hören sein würde, an denen unglückliche Menschen versammelt sind – in Krankenhäusern und Gefängnissen, in überfüllten Straßenbahnen und Bussen … tröstend und fragend", sagt Pēteris Vasks. Vasks’ Musik enthält charakteristische Symbole: Vogelgesang, der mit ultimativer Freiheit verbunden wird; Elemente der lettischen Volksmusik als Erinnerung an die lettische Identität; toccatenähnliche Passagen, die eine finstere, brutale Kraft ausdrücken, und aleatorische Episoden, die Szenen voller Verzweiflung und Chaos beschreiben. Neben dem allumfassenden Humanismus sind auch das Schicksal und die Geschichte von Vasks’ Heimat Lettland in seiner Musik immer präsent. Vasks, der 1946 in Aizpute, einer Stadt im Westen Lettlands, geboren wurde, hat die meiste Zeit seines Lebens unter sowjetischer Herrschaft verbracht und sowohl die Unterdrückung der lettischen Sprache als auch die bewusste Russifizierung des lettischen Volkes miterlebt. Der tief empfundene Schmerz seines unterdrückten Volkes, dessen bedrohte Identität und die Darstellung von Totalitarismus in seiner brutalsten Form wurden zum dramatischen Hauptbestandteil von Vasks’ Musik. Die vorliegende Aufnahme der Quartette 1, 3 und 4 komplettiert das bereits beim Label WERGO eingespielte Streichquartett-Œuvre von Pēteris Vasks; sämtliche Streichquartette sind anlässlich des 70. Geburtstags des lettischen Komponisten veröffentlicht worden. Alle fünf Streichquartette wurden zu verschiedenen Zeiten komponiert und umfassen nahezu dreißig Jahre seiner kreativen Erfahrung und veranschaulichen deutlich die Grundprinzipien von Vasks’ Musiksprache."


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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