> > > Suk, Josef und Dvorak, Antonin: Violinkonzerte
Donnerstag, 13. August 2020

Suk, Josef und Dvorak, Antonin - Violinkonzerte

Böhmische Spätromantik


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Geiger Christian Tetzlaff und das Helsinki Philharmonic Orchestra unter John Storgårds liefern eine überzeugende Lesart der konzertanten Violinwerke von Josef Suk und Antonín Dvořák.

Die CD beginnt mit einem wahren Ausbruch: Ein wildes Orchestertutti mit rhythmisch gezackt geführten Melodielinien über einem prägnant gehämmerten Akkorduntergrund ist da zu hören, nach dem sich ebenso überraschend die Solovioline zu Wort meldet und – die Unruhe der Eingangstakte aufgreifend – eine voller gestischer Energien steckende Replik formuliert, die sich rasch ins Deklamierende wendet, bevor sich dann erneut das Orchestertutti zurückmeldet. Vielversprechend ist es, was Christian Tetzlaff und das Helsinki Philharmonic Orchestra unter Leitung von John Storgårds hier präsentieren. Nach ihrer letzten bei Ondine erschienenen Produktion – den beiden Violinkonzerten Dmitrij Schostakowitschs gewidmet – hat es das aufeinander eingespielte Team nun in die Zeit der böhmischen Spätromantik verschlagen. Der Schwerpunkt liegt dabei zwar ganz klar auf den beiden konzertanten Violinwerken Antonín Dvořáks, doch ist die eigentliche Überraschung dieser klanglich brillanten SACD die eröffnende Fantasie g-Moll op. 24 von Josef Suk aus dem Jahr 1902.

Tetzlaffs Einspielung des schwierigen und vielleicht deshalb auch recht selten zu hörenden Werkes ist – auch Dank tatkräftiger Unterstützung des Orchesters – atemberaubend: Nicht nur greifen die Interpreten die Energie ihrer Eröffnung immer wieder auf, so dass weite Teile des rund 24-minütigen Einsätzers davon bestimmt sind; auch die kontrastierenden Abschnitte, in Bezug auf Dynamik und Tempo oft weit vom 'Allegro impetuoso'-Gestus des Beginns entfernt, fügen sich in diese Interpretation, da sie als Ruhepunkte dienen, in denen die Musik plötzlich ganz andere Richtungen einschlägt. Der Titel 'Fantasie' ist hier Programm: Unerwartet sind die Wendungen, die Suk durch Umschlag des Ausdrucks oder fließende Übergänge erzielt, vielfältig sind die Stimmungen, die er dabei streift, und reichhaltig sind die kompositorischen Lösungen, die er ausnutzt, um das Soloinstrument immer wieder anders ins Verhältnis zum Orchester zu setzen. Tetzlaffs Vortrag ist ungemein stark, da der Geiger auf engstem Raum die ganzen Facetten seines Spiels vom fast verlöschenden, zerbrechlichen Tonfall bis hin zum emphatischen Appassionato auslotet.

Im Anschluss daran erklingt Dvořáks Violinkonzert a-Moll op. 53 in einer Wiedergabe, die zunächst im Kopfsatz nach dem dramatischen Potenzial sucht: Tetzlaff stimmt die immer wieder nach oben strebenden Arpeggien mit Schwung an, ohne viel im Tempo nachzugehen, lässt aber an all jenen Stellen, an denen die Kantilene zum Zug kommt, auch der Agogik Raum. Dass der Satz in strafferem Grundzeitmaß als in vielen anderen Einspielungen erklingt, mag zunächst ungewohnt sein, lässt ihn dadurch aber viel stärker auf das unmittelbar ohne Pause anschließende 'Adagio' ausgerichtet erscheinen, das damit zum emotionalen Mittelpunkt des Werkes wird. Hier kehren – verknüpft mit einer klangfarblich fein realisierten Verzahnung von Violinpart und solistischen Orchesterstimmen – alle im Kopfsatz gestreiften Stimmungen wieder und erfahren zugleich eine Ausdrucksvertiefung, die den Geiger wiederum alle Register seines Könnens ziehen lässt. Die Wildheit, die Tetzlaff dann an einigen Stellen des Finale entfaltet und bis in eine widerborstige Ruppigkeit hinein steigert, stehen dem Furiant-Charakter des Rondos gut zu Gesicht und erinnern daran, dass es sich bei dem Werk tatsächlich um ein Virtuosenkonzert ersten Ranges handelt.

Als Abrundung der Produktion schließt sich noch Dvořáks zarte f-Moll-Romanze op. 11 an. Das Stück lässt vor allem noch einmal die variantenreiche Tongebung Tetzlaffs zum Zuge kommen: Die unterschiedlichen Nuancen zwischen Kantabilität und Dramatik, die der Komponist diesem kleinen Stück eingeschrieben hat, sind bislang selten so plastisch zu Gehör gebracht worden wie in diesem Fall, wozu auch Storgårds souveräner Umgang mit dem Orchester beiträgt. Wenn dann die musizierenden Parteien am Ende in einem gemeinsamen Dur-Akkord verklingen, stellt sich das Gefühl ein, man habe eine Geschichte erzählt bekommen. Besser lässt sich eine an Höhepunkten reiche und interpretatorisch überzeugende Veröffentlichung nicht abschließen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Suk, Josef und Dvorak, Antonin: Violinkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
26.02.2016
Medium:
EAN:

SACD
761195127957


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Dvorák, Antonín
Suk, Josef


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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