> > > Wagner, Richard und Beethoven, Ludwig van: A Tribute to Hans Knappertsbusch
Sonntag, 21. Juli 2019

Wagner, Richard und Beethoven, Ludwig van - A Tribute to Hans Knappertsbusch

A tribute to slowness


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arthaus legt den Konzertmitschnitt der Wiener Festwochen mit Knappertsbusch von 1962 neu auf, dieses Mal zuzüglich der Einspielung des ersten Walküre-Aktes von 1963. Ein kluger Schachzug, denn die konzertante Walküre kann den schwachen Konzertabend kompensieren.

‚A Tribute to Hans Knappertsbusch‘ betitelt das Label Arthaus die vorliegende DVD und stampft damit eine Neuerscheinung aus dem Boden, die eigentlich gar nicht so neu ist. Vielmehr handelt es sich um eine Wiederauflage der Arthaus-DVD von 2011 mit neuem Zusatz in Form des Konzertes der Wiener Festwochen vom 21. Mai 1963. Dem Knappertsbusch-Fan, der noch nicht im Besitz der Vorläufer-DVD ist, kann es egal sein – man wird sich auf rund zweieinhalb Stunden Videomaterial mit dem Meister freuen. Die beiden Konzerte aus dem damals neu restaurierten Theater an der Wien warten darüber hinaus mit großen Namen auf und lassen demnach auf ein spannendes historisches Videodokument hoffen.

Umso größer ist am Ende die Enttäuschung in Anbetracht der musikalisch dürftigen Darbietung des ersten Konzertes vom 31. Mai 1962. Im Schneckentempo beginnt die ‚Leonoren‘-Ouvertüre Nr. 3, was bei Knappertsbusch gewiss auch so zu erwarten war, allerdings gelingen die hierdurch normalerweise so spannungsgeladenen organischen Bögen bei weitem nicht. Im Verlauf der Ouvertüre entsteht vielmehr der Eindruck einer starren Unbeweglichkeit in Knappertsbusch Temponahme. Wer sich allerdings ein Bild von der Aura des Dirigenten machen will, kommt durchaus auf seine Kosten: Obgleich die Wiener Philharmoniker ausgesprochen lustlos und uninspiriert zu Werke gehen, strahlt Knappertsbusch zu jeder Zeit eine große Autorität aus. Altersbedingt auf einen Stuhl angewiesen und mit einem sehr sparsamen Dirigat, genügt es, dass sich der große ‚Kann‘ vom Stuhl erhebt, um in der finalen Apotheose eine beeindruckende Klanggewalt zu entfachen.

Besser wird es dann im Vierten Klavierkonzert von Beethoven mit Wilhelm Backhaus als Solisten. Die Philharmoniker agieren hier nicht mehr so hölzern wie noch zu Beginn und haben mit Backhaus einen bescheidenen Pianisten zu begleiten, der zu einer Beethoven-Interpretation fähig ist, die aufhorchen lässt. Mit 78 Jahren werden in seinem Spiel zwar keine Rekorde in Sachen Virtuosität gebrochen; Präzision und sauberes Zusammenspiel bleiben entsprechend auf der Strecke. Gleichzeitig eröffnet sich aber dadurch eine alles andere als festgefahrene Interpretation. Die Taktgrenzen scheinen nicht selten aufgehoben und speziell in der Solo-Kadenz des ersten Satzes fesselt das ausdrucksstarke Spiel von Backhaus, der mit einer flexiblen Agogik und perlend weichen Skalenläufen einen romantischen Beethoven formt, welcher im Zeitalter der historisch informierten Aufführungspraxis nahezu in Vergessenheit geraten ist.

Im 'Tristan'-Vorspiel beweisen dann Knappertsbusch und die Wiener Philharmoniker endlich, warum sie einen so großen musikalischen Rang genießen. Das Orchester legt die vorangegangene Lethargie ab und Knappertsbusch gelingt das, was ihn bei Wagner so stark auszeichnet: eine organische Interpretation aus einem langsamen Zeitmaß heraus; er baut das Vorspiel zu einer einzigen großen Steigerungswelle auf und offenbart in diesem Sog bestens die Sehnsucht des Tristan-Stoffes.

Birgit Nilsson als Schatten ihrer selbst

Wie enttäuschend ist nach diesem so gelungenen Vorspiel im Anschluss der ‚Liebestod‘ dargeboten von der Starsopranistin Birgit Nilsson. Wer die bayerische Fernsehserie ‚Monaco Franze‘ kennt, wird sich an die Opernkritik erinnern, durch die der kulturdesinteressierte Franz für einen amüsanten Eklat im Snob-Kreis sorgt: ‚Die war nicht herausragend, nicht einmal indisponiert, sondern einfach hundsmiserabel schlecht!‘ So drastisch muss man es nicht formulieren, allerdings ist Nilsson in diesem Mitschnitt zweifelsohne ein Schatten ihrer selbst, konnte sie in zahlreichen Einspielungen (auch in anderen Videomitschnitten!) doch stets beweisen, zu welch einem begeisternden ‚Liebestod‘ sie normalerweise imstande war. Stattdessen sind es nun große Probleme in der Intonation, wie auch eine seltsame Distanz zwischen Nilsson und dem Orchester, was die Interpretation ausmacht. Der Funke kann so selbst beim ‚Weltatem‘ nicht überspringen und auch das von ihr stets so berührend weich im Piano gehauchte letzte ‚Lust‘ wirkt effektlos und dünn. Das Publikum dankt durch mäßigen Applaus – die namhafte Besetzung konnte in diesem Fall keinen unvergleichlichen Abend garantieren.

Der Lenz ist da

Wie gut, dass Arthaus dieses Mal den Mitschnitt der Wiener Festwochen aus dem Folgejahr 1963 mitveröffentlichte. Knappertsbusch und die Wiener bestätigen hier den Eindruck, dass sie bei Wagner besser aufgehoben scheinen als bei Beethoven und zeigen mit erneut extrem breiten Tempi eine fesselnde Darbietung, die auch vonseiten des homogenen Sängertrios überzeugt. Josef Greindl setzt sein so gewöhnungsbedürftiges Vibrato wundervoll stechend scharf ein, sodass sein Hunding nicht nur sehr präsent und autoritär wirkt, sondern auch die nötige Bedrohlichkeit ausstrahlt. Fritz Uhl wird mit seiner baritonal gefärbten dunklen Tenorstimme dem Titelhelden gerecht, was die kämpferische Note angeht, ist als romantischer Liebhaber speziell in den Lenzes-Preisungen jedoch nicht ganz so überzeugend. Besser macht es Claire Watson als Sieglinde, die zunächst noch unauffällig beginnt, im weiteren Verlauf dann aber immer mehr zum Highlight der Aufführung wird. Mit warm timbrierter Stimme beweist sie Sicherheit in den tiefen Stellen ihrer Erzählung ‚Der Männer Sippe saß hier im Saal‘ und meistert ebenso problemlos die hohen Spitzentöne in ‚Du bist der Lenz‘.

Insgesamt hinterlassen die Videomitschnitte durchaus gemischte Gefühle, wobei für alle, die von den Audioaufnahmen von Knappertsbusch begeistert sind und ihn nun einmal in Aktion erleben wollen, diese DVD dennoch eine Kaufempfehlung wert sein dürfte. Am Ende kann der gute Mitschnitt des 'Walküre'-Aktes die Schwächen der ersten Aufführung sicherlich kompensieren. Wer bereits die erste DVD-Erscheinung mit lediglich dem ersten Konzert besitzt, wird sich ärgern, nicht auf diese Veröffentlichung gewartet zu haben.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard und Beethoven, Ludwig van: A Tribute to Hans Knappertsbusch

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
11.03.2016
Medium:
EAN:

DVD
4058407092124


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Beethoven, Ludwig van
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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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