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Dienstag, 19. September 2017

Bach, Johann Sebastian - Matthäus-Passion

Chronist Matthäus als Thronerbe


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als Kultabende gelten Ballett-Aufführungen von John Neumeiers Hamburger Version von Bachs Matthäuspassion. Ein Mitschnitt einer Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden in einer Arthaus-DVD zeigt, warum.

Bei den Tanzabenden im Festspielhaus Baden-Baden im März 2005 agieren John Neumeier und sein Hamburg Ballett als unzertrennliche Einheit. Neumeier selbst hat damals letztmals den Christus seiner eigenen Choreographie von Bachs Matthäuspassion verkörpert. Er wollte sich und seinem Hamburg Ballett mit den von Südwestrundfunk und Bayerischem Rundfunk aufgezeichneten Aufführungen damit ein Denkmal setzen. Arthaus hat den Mitschnitt der ungekürzt getanzten Aufführung jetzt als DVD herausgebracht.

Keine Frage, John Neumeiers 1981 angefangene tänzerische Beschäftigung mit der Passion gilt inzwischen unwidersprochen als adäquate gestische, rituelle und sakrale tänzerische Umsetzung der biblischen Leidens- und Erlösungstat Jesus Christus‘. Religion und ritueller Tanz sind eben keine Gegensätze, sondern wurzeln in gemeinsamen Ursprüngen menschlicher Äußerungen zum Wirken einer höheren Kraft und setzen beide humanistische Kräfte frei. Neumeier, dessen Tanzschöpfungen zu erheblichen Teilen in tänzerischen Umsetzungen bedeutender Werke der Sakralmusik bestehen, weist auf die gemeinsamen kultischen Ursprünge von Religion und Tanz im dreisprachigen Textheft (englisch, deutsch, französisch) der DVD hin. Er glaubt an die Mission des Tanzes auf dem gesamten Menschenweg von einem Ursprung bis zur Endzeit. Es hat etwas visionär Metaphysisches, wenn und wie der damals 62-jährige Neumeier den Versöhner inmitten seiner aggressiv-wütenden Widersacher und unter seinem trauernden, aber zu ihm haltenden Gefolge tanzt. Die Überhöhung zur Botschaft lässt dank immer schlüssiger Aktionen in keinem Moment Blasphemie aufkommen.

Entkrampfte Fäuste

Sein Hamburg Ballett folgte Leiter, das es inzwischen in über 40 Spielzeiten inspiriert hat, auch auf diesen Stationen des Passionsgeschehens nach Matthäus und Bach in bedingungslosem Einverständnis. Das Verbindende zwischen Schöpfer und den Darstellern ist in ungezählten Blicken, Berührungen und Konstellationen mit Händen zu greifen. Die äußeren Umstände wie Verrat, Abendmahl, Gefangennahme, Verhör, Spott, Kreuzigung und Grablegung werden in den zeitlos lockeren weißen Kostümen oft nur angedeutet. Die Symbolik wird dann umso stärker ausagiert. Das geht von der Pantomime des nach dem Petrusverrat krähenden Hahns mit abgewinkelten Armen im Eingangs-Chor über viele wutgeballte Fäuste, harsche Abweisungen, trauernde Enttäuschungen, dem beim Verrat den Boden unter den Füßen verlierenden Petrus von Peter Dingle und dem wankelmütigem Vor- und Zurück-Trippeln des entrüsteten Volkes beim Lästern bis zur fühlbaren Entkrampfung der Fäuste der Christus-Feinde zum Choral 'Wenn ich einmal soll scheiden' und zu den hoch fliegenden Freudenreigen über die Heilsgewissheit ('Mache dich mein Herze rein').

In solchen Momenten zeigt sich, dass Neumeier die geistliche Essenz vollgültig umzusetzen weiß. Da sind die von Carsten Jung als harschem Widersacher verkörperten Figuren von Judas und Pilatus, deren Schuld am Ende vom Neumeier-Christus in geometrischer Kreuz-Symbolik auf die eigenen Schultern genommen wird. Mit seinen Engels-Begleitern Edvin Revazov und Sébastien Thill segnet er in Bergpredigt-Manier jene, die ihn fluchten. Die ihren Neumeier-Christus verratenden, schlagenden und tretenden Akteure werden zur ergriffenen, mitleidenden und visionär hoffenden Gemeinde des Schlusschors. Das tänzerische Arsenal Neumeiers ist reich. Die Palette geht von der im Ballettschuh exerzierten klassischen Danse d’école mit himmelwärts strebenden Levers und freudvollen Jetés, deren sich vor allem Heather Jurgensen und Silvia Azzoni ebenmäßig befleißigen, über die energiegeladenen Modern-Dance-Motionen zur Schilderung der Konflikte bis zum rituell gemessenen Schreiten.

Galgen und Kreuz

Die Bildregie der Baden-Badener Aufnahmen bleibt in einem sinnvollen Gleichgewicht zwischen der Totale für die Massenszenen mit den immerhin 41 Hamburger Tänzerinnen und Tänzern und der Nahaufnahme für Zweier- und Dreier-Konstellationen. Das Heranholen verdeckt dann im einen oder anderen Fall leider die Bühnengestaltungs-Symbolik der abweisenden grauen Bänke, mit denen unter anderem Galgen und Kreuz gebaut werden. In der Nahaufnahme ist auch das tiefe Einverständnis zwischen Neumeier-Christus und seinem designierten Nachfolger als Hamburger Ballettchef Lloyd Riggins in der Rolle des Chronisten Matthäus zu beobachten.

Bei der an sich schon aufwändigen Produktion an den drei Aufführungsabenden vom März 2005 im Festspielhaus Baden-Baden wäre wohl eine gleichzeitige, direkte Einspielung der Musik möglich gewesen. Im Textheft bedauerte Neumeier den Verzicht mit Platzproblemen, die in Baden-Badens großem 2.500-Zuschauer-Haus eigentlich hätten gelöst werden können. Stattdessen wurde auf eine Band-Aufnahme von Bachs Passion mit den Hamburger Kräften von St. Michaelis unter Günther Jena aus dem Jahre 1980 zurückgegriffen. Sie wirkt für heutige Begriffe etwas klangdick und ist nicht gerade ein Musterbeispiel für historisch informierte Praxis. Aber von unschlagbarer Intensität leuchtet darauf auch heute noch der Evangelistenpart von Peter Schreier heraus. Im lesenswerten Textheft mit Beiträgen von Neumeier (‚das tiefste Erlebnis meines bisherigen Arbeitslebens‘) und seiner Choreologin Susanne Menck vermisst man die Zuordnung der Rollen zu den Tänzerinnen und Tänzern, deren Namen im Booklet gedruckt ebenso wie im DVD-Abspann eingeblendet nur alphabetisch-summarisch genannt sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Rollenbesetzung und Musik
    Danke für den ausführlichen Artikel. Ich selbst habe in diesem und letztem Jahr Aufführungen der Matthäus-Passion in Hamburg gesehen. Natürlich in größtenteils anderer Besetzung als auf der DVD - welche meines Erachtens der "DVD-Besetzung" in nichts nachsteht. Zu der Anmerkung zur fehlenden Information zur Rollenbesetzung darf ich das Buch "Photographien und Texte zum Ballett der Matthäus-Passion" von 1983 empfehlen. Durch die Lektüre ergeben sich ungeahnte Einblicke und wesentlich tieferes Verständnis der gesamten Kreation. Es wird dadurch auch deutlich, dass eine Erklärung der Rollenbesetzungen schwierig ist, da einzelne Tänzer verschiedene (historische) Figuren tanzen, wodurch sich eine interpretatorische Verknüpfung ergibt. Zur Anmerkung zur Musik vom Tonband: Ich finde es auch etwas schade. Allerdings denke ich, dass diese spezielle Aufnahme vom Chor St.Michaelis eine besondere Bedeutung hat, zumal die Uraufführung des Balletts in St.Michaelis stattgefunden hat - mit eben diesem Chor unter der Leitung Günther Jena.

    Aquilegia, 15.05.2017, 13:56 Uhr
    Registriert seit: 10.11.2015

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Matthäus-Passion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
3
11.03.2016
EAN:

4058407092186


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Bach, Johann Sebastian


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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