> > > Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op.5 Vol.2
Dienstag, 12. Dezember 2017

Corelli, Arcangelo - Violinsonaten op.5 Vol.2

Süße Trompete


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vollendet: Auch der zweite Teil der Einspielung von Arcangelo Corellis Violinsonaten Opus 5 durch Enrico Onofri und sein Ensemble Imaginarium begeistert mit Frische und Stilsicherheit.

Wie eine ‚süße Trompete‘ klang das Violinspiel des Arcangelo Corelli: Diese Beschreibung soll sein Schüler Francesco Geminiani, selbst ein Geiger und Komponist von Rang, gegeben haben. Sollte dies jemanden befremdlich anmuten – wie kann eine Geige wie eine Trompete klingen, und was ist eine ‚süße Trompete‘? –, höre sich die Einspielung von Corellis Opus 5 an, deren Abschluss Enrico Onofri und sein Ensemble Imaginarium nach einem hervorragenden ersten Teil jetzt vorgelegt haben.

Onofri brilliert mit leuchtend-luftiger Klanggebung, außerordentlich dicht und rund gebildetem Geigenton – der mancherorts tatsächlich auf verblüffende Art an den Klang von Bläsern erinnert. Freilich: Der Interpret möchte sich nicht als Auferstehung Corellis stilisieren, sondern dem ‚Geist der Sonaten‘ auf die Spur kommen, wie er im Beiheft-Text der CD schreibt. Das Ergebnis dieser Bemühung ist eine Einspielung, die sich keineswegs in klanglichen Effekten erschöpft, sondern eine interpretatorisch durchdachte, außerordentlich flüssige und hinreißend beredte Lesart der Corelli’schen Sonaten bietet.

Kundige Herangehensweise

Zu dieser tragen selbstverständlich Onofris Mitstreiter einen gehörigen Teil bei. Cello, diverse Zupf- und Tasteninstrumente sorgen in der kundigen Herangehensweise der Musiker für interpretatorische Plastizität, für Differenzierung von Klangkolorit und Struktur. Jede Sonate erhält auf diese Weise eine individuelle Kontur. Die e-Moll-Sonate Nr. 8 wird nur von der Erzlaute (Simone Vallerotonda) begleitet und entfaltet so eine betont intime Atmosphäre.

Zum hellen Charakter von Nr. 11 (E-Dur) passt der durchsichtige Klang des Cembalos, während in Nr. 2 (B-Dur) Cembalo und Orgelpositiv (Riccardo Doni) wechseln. In der neunzehnten 'Follia'-Variation arbeitet Alessandro Palmeri (Cello) den Bass-Kontrapunkt zur Violinstimme heraus, während die Theorbe und später auch das Cembalo für harmonische Unterfütterung und klangliches Volumen sorgen: Erfreulich, wie da selbst auf engem Raum klanglich-interpretatorisch nuanciert wird. Andernorts setzt die Gitarre (Alessandro Tampieri) perkussive Akzente. Bedauern kann man lediglich, dass das Bass-Register technisch nicht immer adäquat behandelt wird. So wirkt das Figurenwerk des Continuo in der Follia etwas unartikuliert-dumpf, während im zweiten Satz der E-Dur-Sonate die Sechzehntel des Cembalos, für sich genommen musikalisch wenig erheblich, die Violinstimme dominieren.

Taufrisch

Das hervorragende Gesamtbild der Aufnahme wird dadurch nicht wesentlich getrübt, aber schade ist es doch, denn die Violine ist eben doch die Hauptsache dieser Sonaten – zumal, wenn sie von einem wie Onofri gestrichen wird. Technik und musikalische Phantasie des Geigers sind gleichermaßen stupend. Die schnellen Sätze sind durch Aufgewecktheit und Frische gekennzeichnet, die langsamen durch Onofris reich florierende Verzierungskunst, die an historischen Vorbildern orientiert ist, sich aber Spontaneität und originäre Ausdruckskraft bewahrt. So haben die Sonaten nichts Museales oder Monumentales – sie sind quicklebendige, taufrische Musik. So zum Beispiel jenes 'Allegro' aus der E-Dur-Sonate: ein humorvolles, charmantes Kabinettstück, dem 'Tempo di Gavotta' aus der neunten Sonate (A-Dur) vergleichbar, das auf der ersten CD der Einspielung zu hören ist: Onofri pointiert solche Sätze treffsicher und mit verbindlicher Liebenswürdigkeit.

Bei all dem erweist sich sein Geigenspiel stets als unfehlbar stilsicher. In der 'Follia' scheint Onofri sich auf den ursprünglich tänzerischen Charakter des musikalischen Modells zu besinnen – und liefert eine flexible, noble Lesart des Stückes, die exaltierte Gestik und Kraftmeierei nicht nötig hat. Manchmal waltet dabei eine überraschende Diskretion des Ausdrucks, die an Untertreibung grenzt. In der Schlussvariation scheint ganz dem Basso continuo die Bühne überlassen zu sein, während die Geige eigentümlich zurückgenommen agiert, aber gerade dadurch eine federnde Dynamik freisetzt, die den Hörer bezwingt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op.5 Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
08.01.2016
EAN:

5425004150110


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Corelli, Arcangelo


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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