> > > Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op.5 Vol.2
Dienstag, 28. Januar 2020

Corelli, Arcangelo - Violinsonaten op.5 Vol.2

Süße Trompete


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vollendet: Auch der zweite Teil der Einspielung von Arcangelo Corellis Violinsonaten Opus 5 durch Enrico Onofri und sein Ensemble Imaginarium begeistert mit Frische und Stilsicherheit.

Wie eine ‚süße Trompete‘ klang das Violinspiel des Arcangelo Corelli: Diese Beschreibung soll sein Schüler Francesco Geminiani, selbst ein Geiger und Komponist von Rang, gegeben haben. Sollte dies jemanden befremdlich anmuten – wie kann eine Geige wie eine Trompete klingen, und was ist eine ‚süße Trompete‘? –, höre sich die Einspielung von Corellis Opus 5 an, deren Abschluss Enrico Onofri und sein Ensemble Imaginarium nach einem hervorragenden ersten Teil jetzt vorgelegt haben.

Onofri brilliert mit leuchtend-luftiger Klanggebung, außerordentlich dicht und rund gebildetem Geigenton – der mancherorts tatsächlich auf verblüffende Art an den Klang von Bläsern erinnert. Freilich: Der Interpret möchte sich nicht als Auferstehung Corellis stilisieren, sondern dem ‚Geist der Sonaten‘ auf die Spur kommen, wie er im Beiheft-Text der CD schreibt. Das Ergebnis dieser Bemühung ist eine Einspielung, die sich keineswegs in klanglichen Effekten erschöpft, sondern eine interpretatorisch durchdachte, außerordentlich flüssige und hinreißend beredte Lesart der Corelli’schen Sonaten bietet.

Kundige Herangehensweise

Zu dieser tragen selbstverständlich Onofris Mitstreiter einen gehörigen Teil bei. Cello, diverse Zupf- und Tasteninstrumente sorgen in der kundigen Herangehensweise der Musiker für interpretatorische Plastizität, für Differenzierung von Klangkolorit und Struktur. Jede Sonate erhält auf diese Weise eine individuelle Kontur. Die e-Moll-Sonate Nr. 8 wird nur von der Erzlaute (Simone Vallerotonda) begleitet und entfaltet so eine betont intime Atmosphäre.

Zum hellen Charakter von Nr. 11 (E-Dur) passt der durchsichtige Klang des Cembalos, während in Nr. 2 (B-Dur) Cembalo und Orgelpositiv (Riccardo Doni) wechseln. In der neunzehnten 'Follia'-Variation arbeitet Alessandro Palmeri (Cello) den Bass-Kontrapunkt zur Violinstimme heraus, während die Theorbe und später auch das Cembalo für harmonische Unterfütterung und klangliches Volumen sorgen: Erfreulich, wie da selbst auf engem Raum klanglich-interpretatorisch nuanciert wird. Andernorts setzt die Gitarre (Alessandro Tampieri) perkussive Akzente. Bedauern kann man lediglich, dass das Bass-Register technisch nicht immer adäquat behandelt wird. So wirkt das Figurenwerk des Continuo in der Follia etwas unartikuliert-dumpf, während im zweiten Satz der E-Dur-Sonate die Sechzehntel des Cembalos, für sich genommen musikalisch wenig erheblich, die Violinstimme dominieren.

Taufrisch

Das hervorragende Gesamtbild der Aufnahme wird dadurch nicht wesentlich getrübt, aber schade ist es doch, denn die Violine ist eben doch die Hauptsache dieser Sonaten – zumal, wenn sie von einem wie Onofri gestrichen wird. Technik und musikalische Phantasie des Geigers sind gleichermaßen stupend. Die schnellen Sätze sind durch Aufgewecktheit und Frische gekennzeichnet, die langsamen durch Onofris reich florierende Verzierungskunst, die an historischen Vorbildern orientiert ist, sich aber Spontaneität und originäre Ausdruckskraft bewahrt. So haben die Sonaten nichts Museales oder Monumentales – sie sind quicklebendige, taufrische Musik. So zum Beispiel jenes 'Allegro' aus der E-Dur-Sonate: ein humorvolles, charmantes Kabinettstück, dem 'Tempo di Gavotta' aus der neunten Sonate (A-Dur) vergleichbar, das auf der ersten CD der Einspielung zu hören ist: Onofri pointiert solche Sätze treffsicher und mit verbindlicher Liebenswürdigkeit.

Bei all dem erweist sich sein Geigenspiel stets als unfehlbar stilsicher. In der 'Follia' scheint Onofri sich auf den ursprünglich tänzerischen Charakter des musikalischen Modells zu besinnen – und liefert eine flexible, noble Lesart des Stückes, die exaltierte Gestik und Kraftmeierei nicht nötig hat. Manchmal waltet dabei eine überraschende Diskretion des Ausdrucks, die an Untertreibung grenzt. In der Schlussvariation scheint ganz dem Basso continuo die Bühne überlassen zu sein, während die Geige eigentümlich zurückgenommen agiert, aber gerade dadurch eine federnde Dynamik freisetzt, die den Hörer bezwingt.



Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op.5 Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
08.01.2016
Medium:
EAN:

CD
5425004150110


Cover vergössern

Corelli, Arcangelo


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Gero Schreier zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Am besten im Team: Das belgische Ensemble Oxalys ist für Jean Cras ein überzeugender Anwalt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Echte Alternative: Diese CD nähert sich Tschaikowsky konsequent anders: Die 'Rokoko-Variationen' erklingen hier mit Klavierbegleitung. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Gero Schreier:

  • Zur Kritik... Explosiv, dissonant, introvertiert: Das Arcadia-Quartett hat Béla Bartóks Streichquartette eingespielt. Frühere Aufnahmen des Ensembles weckten hohe Erwartungen. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Über die Liebe: Einen Erkundungsgang ins musikalische Mittelalter bietet das Ensemble Trobar e Cantar. Die Liebe ist das verbindende Thema. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Frisch im Duktus: Frieder Bernius und seine Stuttgarter Ensembles legen eine weitere Einspielung einer Zelenka-Messe vor. Die lässt sich hören. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Gero Schreier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Aus einem Guss: Ronald Brautigam und die Kölner Akademie musizieren Beethoven für das 21. Jahrhundert. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Leuchtendes Rotgold: Die Compagnia del Madrigale begreift Gesualdos zweites Madrigalbuch absolut zutreffend: Die Vokalisten überfrachten die Musik nicht mit den ästhetischen Ansprüchen der späteren Sammlungen. Und sie singen ganz einfach hinreißend. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ehrenwertes Handwerk: Louise Farrenc war eine veritable Klavierkomponistin, doch Aufnahmen ihrer Solo-Werke bleiben eine Seltenheit. Biliana Tzinlikova schließt einerseits diskographische Lücken und liefert zudem zwei gute Alternativ-Einspielungen. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2020) herunterladen (2483 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich