> > > Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op.5 Vol.2
Freitag, 18. Januar 2019

Corelli, Arcangelo - Violinsonaten op.5 Vol.2

Süße Trompete


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vollendet: Auch der zweite Teil der Einspielung von Arcangelo Corellis Violinsonaten Opus 5 durch Enrico Onofri und sein Ensemble Imaginarium begeistert mit Frische und Stilsicherheit.

Wie eine ‚süße Trompete‘ klang das Violinspiel des Arcangelo Corelli: Diese Beschreibung soll sein Schüler Francesco Geminiani, selbst ein Geiger und Komponist von Rang, gegeben haben. Sollte dies jemanden befremdlich anmuten – wie kann eine Geige wie eine Trompete klingen, und was ist eine ‚süße Trompete‘? –, höre sich die Einspielung von Corellis Opus 5 an, deren Abschluss Enrico Onofri und sein Ensemble Imaginarium nach einem hervorragenden ersten Teil jetzt vorgelegt haben.

Onofri brilliert mit leuchtend-luftiger Klanggebung, außerordentlich dicht und rund gebildetem Geigenton – der mancherorts tatsächlich auf verblüffende Art an den Klang von Bläsern erinnert. Freilich: Der Interpret möchte sich nicht als Auferstehung Corellis stilisieren, sondern dem ‚Geist der Sonaten‘ auf die Spur kommen, wie er im Beiheft-Text der CD schreibt. Das Ergebnis dieser Bemühung ist eine Einspielung, die sich keineswegs in klanglichen Effekten erschöpft, sondern eine interpretatorisch durchdachte, außerordentlich flüssige und hinreißend beredte Lesart der Corelli’schen Sonaten bietet.

Kundige Herangehensweise

Zu dieser tragen selbstverständlich Onofris Mitstreiter einen gehörigen Teil bei. Cello, diverse Zupf- und Tasteninstrumente sorgen in der kundigen Herangehensweise der Musiker für interpretatorische Plastizität, für Differenzierung von Klangkolorit und Struktur. Jede Sonate erhält auf diese Weise eine individuelle Kontur. Die e-Moll-Sonate Nr. 8 wird nur von der Erzlaute (Simone Vallerotonda) begleitet und entfaltet so eine betont intime Atmosphäre.

Zum hellen Charakter von Nr. 11 (E-Dur) passt der durchsichtige Klang des Cembalos, während in Nr. 2 (B-Dur) Cembalo und Orgelpositiv (Riccardo Doni) wechseln. In der neunzehnten 'Follia'-Variation arbeitet Alessandro Palmeri (Cello) den Bass-Kontrapunkt zur Violinstimme heraus, während die Theorbe und später auch das Cembalo für harmonische Unterfütterung und klangliches Volumen sorgen: Erfreulich, wie da selbst auf engem Raum klanglich-interpretatorisch nuanciert wird. Andernorts setzt die Gitarre (Alessandro Tampieri) perkussive Akzente. Bedauern kann man lediglich, dass das Bass-Register technisch nicht immer adäquat behandelt wird. So wirkt das Figurenwerk des Continuo in der Follia etwas unartikuliert-dumpf, während im zweiten Satz der E-Dur-Sonate die Sechzehntel des Cembalos, für sich genommen musikalisch wenig erheblich, die Violinstimme dominieren.

Taufrisch

Das hervorragende Gesamtbild der Aufnahme wird dadurch nicht wesentlich getrübt, aber schade ist es doch, denn die Violine ist eben doch die Hauptsache dieser Sonaten – zumal, wenn sie von einem wie Onofri gestrichen wird. Technik und musikalische Phantasie des Geigers sind gleichermaßen stupend. Die schnellen Sätze sind durch Aufgewecktheit und Frische gekennzeichnet, die langsamen durch Onofris reich florierende Verzierungskunst, die an historischen Vorbildern orientiert ist, sich aber Spontaneität und originäre Ausdruckskraft bewahrt. So haben die Sonaten nichts Museales oder Monumentales – sie sind quicklebendige, taufrische Musik. So zum Beispiel jenes 'Allegro' aus der E-Dur-Sonate: ein humorvolles, charmantes Kabinettstück, dem 'Tempo di Gavotta' aus der neunten Sonate (A-Dur) vergleichbar, das auf der ersten CD der Einspielung zu hören ist: Onofri pointiert solche Sätze treffsicher und mit verbindlicher Liebenswürdigkeit.

Bei all dem erweist sich sein Geigenspiel stets als unfehlbar stilsicher. In der 'Follia' scheint Onofri sich auf den ursprünglich tänzerischen Charakter des musikalischen Modells zu besinnen – und liefert eine flexible, noble Lesart des Stückes, die exaltierte Gestik und Kraftmeierei nicht nötig hat. Manchmal waltet dabei eine überraschende Diskretion des Ausdrucks, die an Untertreibung grenzt. In der Schlussvariation scheint ganz dem Basso continuo die Bühne überlassen zu sein, während die Geige eigentümlich zurückgenommen agiert, aber gerade dadurch eine federnde Dynamik freisetzt, die den Hörer bezwingt.



Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op.5 Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
08.01.2016
EAN:

5425004150110


Cover vergössern

Corelli, Arcangelo


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Gero Schreier zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Luzide: Bachs Weihnachtsoratorium mit der Musica Fiorita kammermusikalisch: Das funktioniert ästhetisch gut. Nach den Explorationen und Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte ist man geneigt zu fragen: Warum auch nicht? Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Altenglische Kostbarkeiten: Eine betörende Sammlung von altenglischen Preziosen, kongenial dargestellt. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Il Gardellino spielt Beethovens Kammermusik für Blasinstrumente: Auch wenn es sich bei dieser Aufnahme nicht um eine Rarität handelt, hat sie doch einen gewissen Seltenheitswert, sodass der geneigte Hörer sicher bereit ist, bei kleinen Schönheitsfehlern ein Auge zuzudrücken. Weiter...
    (Sonja Jüschke, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Gero Schreier:

  • Zur Kritik... Frisch im Duktus: Frieder Bernius und seine Stuttgarter Ensembles legen eine weitere Einspielung einer Zelenka-Messe vor. Die lässt sich hören. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Nichts Elektrisierendes: Luca Ranieris Aufnahme von Hindemiths Sonaten für Bratsche allein bei Brilliant Classics fehlt es trotz einiger guter Ansätze an interpretatorischem Profil und spieltechnischem Niveau. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Feuer und Asche: Diese Aufnahme mit Gamben-Stücken von Marin Marais, die Jay Bernfeld und sein Ensemble Fuoco e Cenere vorlegen, mutet unspektakulär an – aber nur auf den ersten Blick. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Gero Schreier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche: Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Lebendige Musik: Rubén Dubrovsky interpretiert zusammen mit Andreas Scholl, dem Salzburger Bachchor und dem Bach Consort Wien Werke von Antonio Vivaldi aus seiner Zeit als künstlerischer Leiter in einem venezianischen Waisenhaus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Nordisch: Wenn Sjaella die anderen Himmelsrichtungen mit der gleichen Verve und dem gleichen künstlerischen Temperament angeht, dann besteh Grund zur Vorfreude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2019) herunterladen (2248 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Theodore Dubois: Violin Concerto in D minor - Allegro giocoso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich