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Sonntag, 20. Oktober 2019

Purcell, Henry - Dido and Aeneas

Remember me!


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Colin Davis spielte Henry Purcells Dido-Passion vor gut 45 Jahren ein. Das neue Mehrkanal-Remastering dieser frühen Philips-Quadrophonie-Aufnahme wertet eine konzeptionell originelle, künstlerisch beeindruckende Interpretation auf.

Das 2001 von ehemaligen Philips-Mitarbeitern gegründete holländische Label Pentatone hat bekanntlich Zugriff auf den Back-Katalog des renommierten Philips-Plattenlabels (das im Universal-Konzern ja inzwischen unter dem Label Decca völlig verschwunden ist). Zu diesen Altbeständen gehören auch die vor allem in den 1970er Jahren betriebenen Vierkanal-Projekte der Holländer. Die Pentatone-Reihe ‚Remastered Classics‘ im hübschen ornithologischen Design von Joost de Boo erfüllt seit 2014 die Aufgabe, neben der immer schon zur Labelstrategie gehörigen SACD-Produktion auch alter Philips-Stereoaufnahmen gerade solche ‚quadrophonen‘ Schätze durch digitale Umwandlung der Originalbänder ohne Einsatz von Mischpulten ‚in all ihrer Pracht ohne Umweg auf die Super-Audio-CD‘ zu übertragen. Das – in diesem Fall mit typischem Siebzigerjahre-Studio-Hall – außerordentlich plastische Surround-Erlebnis ist also gewissermaßen ein ‚historisch-authentisches‘.

Dieses Prädikat darf Colin Davis' prägnante Darstellung von Purcells singulärer ‚Opera‘ sicherlich nicht beanspruchen. Davis folgte 1970 allerdings den aktuellen Tendenzen eines auf neusachlichen Kammerorchesterklang ausgerichteten Barockbilds seines Landsmanns Raymond Leppard und arbeitete mit der Academy of St Martin in the Fields und Neville Marriner als deren Konzertmeister zusammen. Desweiteren bekam der Part des Continuo-Cembalos stärker als je zuvor eine Führungsrolle zugeteilt: John Constable spielt hier, aufnahmetechnisch außerordentlich präsent, keineswegs den ‚Klavierauszug‘ der alten Purcell-Gesamtausgabe von 1889 (wie in manchen älteren Mitschnitten), sondern fasziniert mit einer äußerst kreativen eigenen Aussetzung der Generalbass-Stimme, die sich oft zum Spiegel oder Dialogpartner der Vokal-Protagonisten entwickelt, manchmal aber auch von ihrem beständigen Schatten, dem etwas zu schwer und monoton besetzten tiefen Streicher-Basso, dominiert wird. Constable am Cembalo ist aber tatsächlich als Regieführender der vielen rezitativischen Dialoge ebenso spiritus rector dieser Aufnahme wie Colin Davis. Varianten wie Lauten- oder Fagottklänge und andere Mixturen im basso continuo, die seit 30 Jahren jede Neuaufnahme von 'Dido and Aeneas' zum Unikat machen, kennt diese Produktion noch nicht.

Als ‚Dirigent‘ dieser Aufnahme ist Davis vielmehr für einige Grundsatzentscheidungen verantwortlich: Er verleiht der dem britischen Masque-Typus nahestehenden ‚Opera‘ deutlich oratorienhaftere Züge als in der – zumal heute grundsätzlich historisierenden – Aufführungsgeschichte gewohnt. Der satte Largo-Streicherklang in den Akt-Vorspielen akzentuiert das fast durchgängige Lamento-Sujet (bis hin zu Aeneas‘ kurzem 'Jove's commands shall be obey‘d' als Finale des zweiten Akts) und bildet auch den Abschluss des Werks, denn Davis ließ den Schlusschor 'With drooping wings' überraschend erst ganz a cappella (ohne basso und Instrumente colla parte) und dann noch einmal ganz orchestral wortlos im Streicherchor musizieren – die Wirkung hat etwas für sich. Zudem ist der John Alldis Choir tatsächlich ‚chorisch‘ besetzt (entgegen eher solistischer Chorbesetzung manch neuerer Aufnahmen) und singt ganz wunderbar sauber und klangschön die das Geschehen tatsächlich aus der Sicht Umherstehender im antiken Chor-Sinne reflektierenden ‚Turba-Chöre‘, manchmal gar motettisch, manchmal fast choralhaft.

Die Solisten – zu einem Oratorium passend, werden sie auf dem Cover nicht mehr genannt – passen zu diesem Konzept ‚geistigen‘ Theaters. Thomas Allen singt den – heute eher höher besetzten – Spirit ‚Merkur‘ so nobel und klangschön, dass man ihm hier auch die Rolle des Prinzen wünschen würde, in der John Shirley-Quirk leider punktuell etwas knödelt. Helen Donath ist eine ganz leichte, perlige Belinda, fast zwillingshaft flankiert von Delia Wallis als Second Woman (und First Witch). Mit Elizabeth Bainbridge hat Davis einen fast männlich, counter-tenoral klingenden Mezzo als Zauberin besetzt (der wenig theatralische, kaum bannende Grusel-Effekt der beiden Hexenszenen ist vielleicht ein kleiner Minuspunkt). Die Zauberin tritt so mit einer wenigstens einmal gut erkennbaren Ausstrahlung ihrer Gegnerin Dido gegenüber, die von Josephine Veasey allerdings nicht ganz in der Heroinen-Tradition Kirsten Flagstads als Dido-Brünnhilde in Erscheinung tritt, sondern auch eine gewisse kammeropernhafte Leichtigkeit der Britten-Tradition ins Spiel bringt (man kann sich eine Koppelung von 'Dido and Aenes' mit 'The Rape of Lucretia' – vielleicht unter dem Titel ‚Über Frauenleichen‘ – einmal sehr gut vorstellen und sich eine Hauptdarstellerin wie Veasey nur wünschen). So viel mehr Vibrato als bei Véronique Gens in der Aufnahme mit William Christie (1995) ist hier in 'When I am laid in earth' auch nicht zu finden. Und Colin Davis hat mit seiner Version der chromatischen Bass-Einleitung dieses Lamento-Evergreens einen geradezu uneinholbaren Genieblitz dieser Aufnahme.

'Dido and Aeneas' als die herausragende Oper zwischen Monteverdi und Mozart zu bezeichnen, ist dann aber doch etwas vermessen, und der neuverfasste Booklettext von Franz Steiger ist keineswegs fehlerfrei und in nicht nur dieser Einschätzung verwegen (wie auch in der Unterschlagung der Funktion des ja leider selten mit der Oper präsentierten gesprochenen Prologs). Überhaupt ist das Innere der schönen Vogelbox etwas spartanisch und schlicht gehalten. Dafür entschädigt aber die wahrhaft zeitlose, dem aktuellen Authentizismus mit Belindas Worten gegenüberzustellende Musik: 'Shake the cloud from off your brow'!


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Purcell, Henry: Dido and Aeneas

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
11.03.2016
Medium:
EAN:

SACD
827949023064


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Purcell, Henry


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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