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Mittwoch, 17. August 2022

Lalo, Edouard - Instrumentalkonzerte

Ein französischer Romantiker


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine 3-CD-Edition mit Solisten der Chapelle Musicale Reine Élisabeth und dem Orchestre Philharmonique Royal de Liège unter Jean-Jacques Kantorow widmet sich den Konzerten Édouard Lalos.

Dies ist mittlerweile die dritte Veröffentlichung, die unter Mitwirkung von Solistinnen und Solisten aus dem Umfeld der Chapelle Musicale Reine Élisabeth – der bedeutendsten belgischen Institution zur Musikerausbildung – und mit Beteiligung des Orchestre Philharmonique Royal de Liège das Konzertschaffen französischsprachiger Komponisten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Fokus rückt. Nach einer Edition sämtlicher Violinkonzerte des Belgiers Henri Vieuxtemps (Fuga Libera, 2011) und einer Box mit allen Solokonzerten, die Camille Saint-Saëns unter Beteiligung von Violine und Violoncello schrieb (Zig-Zag Territoires, 2013), widmet sich die jüngste, bei Alpha erschienene Veröffentlichung unter Leitung des Dirigenten Jean-Jacques Kantorow den konzertanten Werken des Komponisten Édouard Lalo. Und auch diesmal bekommt der Hörer einen konzentrierten Eindruck von einer lediglich in groben Umrissen bekannten und zum größten Teil auch kaum jemals im Konzertsaal erklingenden Musik.

Exotik und Volkston

Dass Lalos Namen heute noch präsent ist, verdankt sich vor allem seiner 'Symphonie espagnol' op. 21 (1874), einer für den Geiger Pablo de Sarasate entstandenen Komposition, deren fünf Sätze die im späten 19. Jahrhundert so beliebten Spanien-Exotismen in konzertanter Form verdichten. Der Geiger Lorenzo Gatto sorgt für ein nicht nur im Hinblick auf die Tongebung sinnliches Vergnügen, das zudem durch einen facettenreichen Umgang mit der Dynamik überzeugt. Einer der positivsten Aspekte ist die klare orchestrale Umsetzung, die viele Schattierungen hinzutreten lässt und klangliche Seiten des Werkes zur Geltung bringt, die – wie beispielsweise die oftmals eingesetzten filigranen Holzbläserfigurationen – in anderen Einspielungen leider häufig verloren gehen. Dass Gatto mit seinem Spiel permanent auf diese Orchesterfarben Bezug nimmt, trägt wesentlich zum Gelingen der Aufnahme bei. Technisch und musikalisch ist dies alles makellos, und man staunt über die Gewandtheit, mit welcher der junge Solist das Stück zu behandeln versteht, wobei er – wie im dritten Satz – manchmal ungemein zart musiziert oder – wie im Finale – die schwierigen Läufe einfallsreich in die Kontexte instrumentalen Gesangs einbindet.

Dass Lalo sich auch in anderen Violinwerken auf folkloristische Elemente bezog, ist weniger bekannt. Das viersätzige 'Concerto russe' op. 29 (1879), eigentlich ein Pendant zur 'Symphonie espagnole', gehört daher zu den großen unbekannten Stücken der Violinliteratur. Interpretiert von Elina Buksha, bietet es eine Fülle schöner und effektvoller Momente, die hier mit viel Gespür für die Feinheiten des Ausdrucks dargeboten werden. Besonders schön gerät das akkordische Thema des 'Allegro'-Satzes, das sich aus einer langen, bedächtig ausgebreiteten Einleitung entwickelt, in der Orchester und Solist zunächst getrennt voneinander auftreten, bevor sie am Ende musikalisch zusammenfinden. Der an zweiter Stelle stehende 'Lento'-Satz steht demgegenüber ganz im Zeichen einer schlichten Volksmelodie, deren Varianten von Solistin und Orchester vielfach abgetönt und unter Ausnutzung großer dynamischer Kontraste nachgezeichnet werden. Auch Lalos dreisätziger 'Fantaisie norvégienne' (1878), von Vlydyslava Luchenko mit großer farblicher Wandlungsfähigkeit vorgetragen, spielt ein solcher ‚Volkston‘ eine zentrale Rolle. Dabei strahlt gerade im letzten Satz dieses Werks das Spiel der Solistin eine lockere und passagenweise auch humorvoll umgesetzte Heiterkeit aus, die den oft melancholischen Duktus der ersten beide Sätze aufhebt.

Unbekanntere Kompositionen

Mühelos wirkt Luchenkos Spiel darüber hinaus in der 'Romance-Sérénade' (1879), wo die Geigerin den weit geschwungenen Gesang geschickt mit feiner Ornamentik zu verbinden weiß und auch die Stimmungswechsel der Musik – so die Wendung des Mittelteils ins Erregtere – farbenreich und, wie in den Rahmenteilen, mit sprichwörtlicher Eleganz umsetzt. Darüber hinaus agiert sie auch als Solistin in zwei wenig bekannten konzertanten Kompositionen, die dem Umfeld von Lalos Ballett 'Namouna' entstammen: 'Fantaisie-Ballet' (1885) und 'Introduction et Scherzo' (1885). In ersterem Werk nimmt sie sich viel Zeit zur Gestaltung der Gesangspassagen, um dann im abschließenden Walzer die virtuosen Kunstgriffe – etwa Pizzicati mit der linken Hand und Flageoletts – mit viel Eleganz einzusetzen; in der letztgenannten Komposition wiederum überzeugen vor allem die fragilen Violinpassagen im Einleitungsteil, deren Verspieltheit dann nahtlos ins schwierige Scherzo mündet.

Dass manche von Lalos Werken nicht zu Unrecht vergessen scheinen, belegt das von Whoo Hyung Kim vorgetragene Violinkonzert F-Dur op. 20 (1873), das sich trotz schöner Momente als schwächeres Werk entpuppt, weil es musikalisch unbeholfen wirkt und immer wieder auf der Stelle tritt: Von der Qualität der Einspielung zeugen jedoch die Gestaltung der f-Moll-Einleitung, die über die Pausen hinweg gehaltene Spannung bei der Soloexposition des Kopfsatzthemas, das flinke Laufwerk mit seinen dramatischen Einsprengseln oder fein ausformulierte Pianostellen über einem zart agierenden Orchester – Momente, die sich teils auch in Kims Interpretation des kurzen, ursprünglich für Violine und Klavier entstandenen Salonstücks 'Guitarre' op. 28 (um 1877) finden. Unbekannt ist heute auch Lalos Klavierkonzert f-Moll (1888/89): Zwar gibt sich der Pianist Nathanaël Gouin redlich Mühe, seinen Part zu gestalten – die Dialogsituationen mit dem Orchester erweisen sich nicht nur im Hinblick auf klangfarbliche und dynamische Gestaltung als gelungen und spannungsreich –, doch ist auch in diesem Fall Lalos thematische Gestaltung wenig prägnant und mutet gelegentlich sogar etwas plump an.

Ein Höhepunkt

Gegenüber diesen beiden Konzerten gehört das Violoncellokonzert d-Moll (1877), das hier in einer klanglich intensiven und die Dramatik des Soloparts bis zur Neige auskostenden Wiedergabe mit dem Solisten Ori Epstein erklingt, zu den spätromantischen Repertoirewerken für das Soloinstrument. Gerade die Nähe zum Operngesang und zur dramatischen Opernszene kommt dabei besonders gut zur Geltung: Der rhapsodische Beginn mit seiner Anlehnung an das Rezitativ, immer wieder durch die spitze Tuttischläge des Orchesters angefeuert, klammert sich mit nicht nachlassender Intensität an diesen Duktus, bis sich allmählich ein zarterer Gesang durchzusetzen beginnt. Im zweiten Satz wiederum bezaubert das Klangszenario mit gedämpften Streichern und darüber entfalteter Cellokantilene, das mit einem tänzerischen, flockig von rhythmisch verzahnten Holzbläsern gestützten Kontrastteil abwechselt, in dem Epstein seinen Solopart in verspieltere Regionen mit heiterem Tonfall führt. Auch wenn sich nicht alle Werke Lalos auf dieser Höhe bewegen, lohnt doch die nähere Bekanntschaft mit dieser zumindest interpretatorisch überzeugenden 3-CD-Edition.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lalo, Edouard: Instrumentalkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
3
04.03.2016
Medium:
EAN:

CD
3760014192333


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Lalo, Edouard


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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