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Freitag, 6. Dezember 2019

Brahms, Johannes - Klaviermusik

Brahms neu verlinkt


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dass sie Bachs Geigen-Chaconne 'mit Links' spielt (so ihre Homepage), ist ein ebenso hübscher wie naheliegender Gag. Darüber hinaus eröffnet Anna Vinnitskayas Brahms-Auffassung viele neue ideelle und emotionale Verlinkungen.

Brahms' viertelstündiges Bach-Arrangement für die linke Hand bezeichnet Vinnitskaya im Booklet-Text gegenüber der Busoni-Bearbeitung als die ‚ehrliche‘ Version, welche Pianist(inn)en zwar weniger virtuos-spektakulär fordere, aber eine ‚Spannung‘ - wohl manuell wie in der Konzentration – verlange, die Bachs genuiner Aufgabe für die Geiger womöglich ganz nahe komme. Gefordert sind spieltechnische Lösungen, aber auch Ideen der Tempogestaltung und Klangkultur. Vinnitskaya ist – als gestandene Rachmaninow-Interpretin – selbstredend zum Aufspannen solcher Spannungsbögen mit nötigem Gefühl für Rubati und Beschleunigung ebenso in der Lage wie zu vielfältigen Klangschattierungen (nicht ganz so naheliegende Links führen hier zu ihren Ravel- und Prokofjew-Platten).

Große Bögen, feine Farben, harte Ausbrüche

Der scheinbar ‚kleinen‘ Welt der Klavierstücke des bärtigen Riesen bekommt das umso mehr: Da tobt in der ersten, längsten Rhapsodie aus Opus 79 tatsächlich ein Titan im Sandkasten, der volle Zugriff Vinnitskayas demonstriert regelrecht auch etwas Maskulin-Herbes, Wucht und Wut; schön zurückgenommen hingegen der Mittelteil, glockenähnlich die repetierten Außentöne, schlicht, fast schon etwas farblos und distanziert statt melancholisch die sich windende Melodielinie. Erst der Epilog wird resignierend abschattiert, eingehüllt. Das ist Referenz, wie auch die ebenso tatendurstig wie in der Marschentwicklung selbstbewusste Klangrede in der zweiten Rhapsodie – deren ‚fallendes‘ zweites Thema den trotzigen Dauerzug voran kaum verlangsamt, aber Verzweiflung spüren lässt. Großartig. Wie auch die im Booklet von Clemens Matuschek gekonnt in die Werk-Erläuterungen eingebauten Statements der Pianistin, die zudem ein gewisses Maß an Humor signalisieren.

Sie möchte ‚die Musik nicht unnötig [...] versüßen‘

Ein Attribut wie ‚bezaubernd‘ ist mir angesichts mancher Äußerung und Einzelgestaltung in den Sammlungen opp. 76 und 116 natürlich auch eingefallen; es wurde sofort wieder aus dem Titel getilgt: keine femininen Klischees als Verkleinerungen. Vielmehr beherrscht Vinnitskaya jede Idee, nahezu jeden motivischen Gedanken, den Brahms hier in den Intermezzi und Capricci äußert und entwickelt, weniger (aber auch) als Klangzauberin, sondern vielmehr als souveräne, resolute Regisseurin, mit Macht auf Wahrheit des Ausdrucks, auf Unmittelbarkeit drängend. Rücknahmen ins Versonnen-Analytische findet man hier nicht, keinen intellektuellen Rückzug auf ‚verborgene Stimmen‘ wie in der ebenfalls gerade neu erschienenen Deutung von Opus 76 durch Jonathan Plowright, keine wie dort fast ins Unbeteiligte abgeleitende Verlangsamung zwecks Sezierung der Struktur. Vinnitskaya versinkt, aber singt dennoch hinreißend in den langsameren Intermezzi (op. 116 Nr. 2). Und sie entdeckt auch Verborgenes, etwa im zunächst etwas spröde beleuchteten as-Moll-Intermezzo op. 76 Nr. 3 die fast an Prokofjew gemahnende eigenartige Physiognomie der Begleitfigur. Hier wie dort – etwa im machtvoll ausgespielten Gefühlsrausch des schumannesken Capriccio op. 116 Nr. 3 – sind es dann aber wieder die bezwingenden Kantilenen und Gefühle, die hervorbrechen und das genial komponierte Detail quasi für selbstverständlich nehmen, um die nötige Dringlichkeit des kompakten, komplexen Ausdrucks zu erreichen. Nur Ausgesuchtes von Rubinstein, Rösel, Kissin oder Richter kommt da heran. Wahrscheinlich die beste Brahms-Klavierplatte der letzten Jahre.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Klaviermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
04.03.2016
Medium:
EAN:

CD
3760014192319


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Brahms, Johannes


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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