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Dienstag, 7. Juli 2020

Lutoslawski, Witold - Konzert für Orchester

Autonome Klangsprache von Weltruf


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das NDR Sinfonieorchester hat mit dem polnischen Dirigenten Krzysztof Urbański prägende Werke des polnischen Komponisten Witold Lutoslawski eingespielt. Das Ergebnis ist schlichtweg herausragend.

Eins vorweg: Diese Platte ist Pflicht! Sie macht geradezu süchtig. Witold Lutosławski (1913-1994) zählt zu den renommiertesten Komponisten des 20. Jahrhunderts und ist einer der größten Komponisten (nicht nur) Polens. Seine Tonsprache ist universell, hat Nerv und Individualität. Das wissen wahrlich noch zu wenige Musikfreunde hierzulande. Dass das NDR Sinfonieorchester (NDR SO) zu den Top-Klangkörpern in Deutschland gehört, wissen da schon deutlich mehr. Schließlich unterhält dieser Klangkörper vier etablierte Konzertreihen in Hamburg, Kiel, Lübeck und Wismar und nennt sich ab Januar 2017 NDR Elbphilharmonie Orchester; das neue schicke Gebäude der Elbphilharmonie soll ja tatsächlich seine baldige Eröffnung erleben: Die Bauabnahme ist für den 31. Oktober 2016 terminiert, die öffentliche Plaza zwischen Alt- und Neubau wird ab November 2016 für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Eröffnung des Konzerthauses soll mit einem Konzert am 11. Januar 2017 erfolgen, wie der NDR mitteilt. Hier in dieser Neuveröffentlichung in der ‚20th –Century‘-Reihe des Labels Alpha Classics haben sich zwei musikalische Giganten gefunden, die unter der Leitung des aktuellen Principal Guest Conductor des NDR SO Krzysztof Urbański (seit September 2015) einen ganz modernen, maßstabsetzenden Sound kreieren. Derzeit ist Urbański übrigens in seiner fünften Amtszeit Chef beim Indianapolis Symphony Orchestra.

Die etwas älteren Leser werden noch die Titelmusik des ZDF-Magazins (1969–1988) kennen. Sie entstammt dem ersten Satz ('Intrada') des 1950–1954 entstandenen Konzerts für Orchester von Witold Lutosławski, in welchem das betreffende Motiv nach etwa zwei Minuten erstmals erklingt. So modern und atonal es wirkt, erscheint doch bereits 180 Jahre zuvor ein sehr ähnliches Motiv kurz in einem Werk von Carl Philipp Emanuel Bach, nämlich in dessen Hamburger Sinfonie Nr. 5 in h-Moll (Wq182 / H661) wenige Takte nach Beginn des dritten Satzes. Das NDR SO eröffnet die 'Intrada' mit Dynamik und unerhörter Motorik. Repetierendes Schlagwerk und aufstrebende Streichermotive geben diesem Satz ein rhythmisch-motorisches Gepräge. Holz- und Blechbläser scheinen hier bestens aufgelegt und intonatorisch glänzend abgestimmt. Sie werfen sich gekonnt die Bälle zu. Die Streicher brillieren bei sattem Sound und wendiger Aktion. Der zweite Satz 'Capriccio notturno e arioso' ist von flüchtigem Wesen. Rasende Streicher, Flöten huschen da durch das Klangbild. Alles ist da beim ersten Hören nicht zu erhaschen. Die unverhohlen eingestreute Akkordik erinnert stark an Bartók, ein wenig an Strawinsky, manchmal an Schostakowitsch, doch bleibt die Tonsprache sehr eigenständig. In jedem Fall technisch eine Herausforderung für jedes Orchester. Das NDR SO ist hier sowohl in der faszinierenden Live-Aufnahme vom 17.-19. Dezember 2014 aus der Laiszhalle (Konzert) sowie auch bei der Studioproduktion (23.-26. Juni 2015) der anderen beiden Werke wirklich bestens präpariert. Ein besonderes Fluidum verströmt der letzte Satz des Orchesterkonzerts 'Passacaglia, Toccata e Corale'. Mit gut fünfzehn Minuten ist dies auch der längste Satz. Einerseits Gereiztheit, teils bis hin zu verstörenden Klängen, überraschenden Akkordschlägen; in der Mitte wird es bei wildem Getümmel ganz schön fatalistisch, inklusive Grüßen an D.Es.C.H. (Dmitri Schostakowitsch), rauschend geht es ganz am Schluss zu.

Witold Lutosławski war die ideologische Prägung der westlichen Nachkriegsavantgarde suspekt und trotzdem schrieb er auf der Höhe der Zeit: Avanciert in seinen Techniken, streng in der Organisation und zugleich der Schönheit und Magie seiner Klänge verpflichtet, heißt es in einer neuen Lutosławski-Biografie (Pfau-Verlag). Lutosławski war unter anderen Wegbereiter der Avantgarde in Polen und visionärer Doyen des Festivals Warschauer Herbst. Verantwortungsbewusst handelte er in unterschiedlichen nationalen wie internationalen Gremien.

Die viersätzige Kleine Suite ('Mała Suita') erlebte ihre Uraufführung (Orchesterversion) im April 1951. Es ist eigentlich ein Auftragswerk für ein Folklore-Ensemble des polnischen Rundfunks. Alle Sätze dieser Miniatur haben ein naturnahes Idiom: Der 'Fujarka' huldigt der Hirtenmusik mit dem Piccolo. Das motorische repetierende Streicher-Element, das Lutosławski dann wenig später im Konzert für Orchester verwendete, ist schon hier in seiner Anlage als Kontrastmotiv enthalten, freilich nur als würzendes Beiwerk. In der 'Hurra'-Polka führen die Oboen das Thema ein, ehe das Tutti mit dem dreimal wiederkehrenden ‚Hurra-Akkord‘ anhebt. Da flackert und flirrt das ganze Orchester. 'Piosenka' ist ein introvertiertes Lied, das zwei Klarinetten im Duett anstimmen. Die Flöte gesellt sich als dritte, die Oboe als vierte im Bunde hinzu. Eine nachdenklich stimmende Weise, die die Violinen fortspinnen. Der abschließende 'Taniec' (Tanz) ist ein Rausschmeißer mit melancholischer Note.

Vermeintlich filmmusikartig mit sphärischen Klängen und in völliger Ruhe startet die einsätzige, gut zwanzigminütige Symphonie Nr. 4. Sie ist kein Schwergewicht der Symphonik des 20. Jahrhunderts, aber doch gespickt mit Kommentaren zur Gegenwart. Die Sinfonie hat – wie so oft bei diesem Komponisten – eine Zweiteilung: Nach der Exposition gibt es einen Durchführungsteil mit Epilog. Beim ersten Hören ist das Werk in seinen Details kaum zu erfassen. Einspielungen gibt es von diesem Werk bereits einige: zweimal mit dem Polnischen Nationalen Radioorchester (davon eine Produktion unter der Leitung des Komponisten), eine mit dem Schlesischen Philharmonischen Orchester Katowice sowie zwei Einspielungen mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra (beide unter Esa-Pekka Salonen) sowie nun zwei deutsche Produktionen. Im weiteren Verlauf der Sinfonie gesellen sich eindrückliche Harmonien, Cluster, Gesäusel, Hexenküchen-, Rausch- und Schlagwerkkulissen dazu. Dabei fällt die höchste Präzision auf, mit der Krzysztof Urbanski zu Werke geht und das Orchester formt. Das dreisprachige Booklet enthält ansprechende Texte und Informationen in Wort und Farbbild zu den Ausführenden. Das Werk Lutosławskis verdient es, sich mit ihm näher auseinanderzusetzen. Seine Zeit ist gekommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lutoslawski, Witold: Konzert für Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
04.03.2016
Medium:
EAN:

CD
3760014192326


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Lutoslawski, Witold


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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