> > > Bertali, Antonio: La Maddalena
Sonntag, 20. Oktober 2019

Bertali, Antonio - La Maddalena

Zu edel


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bertalis Oratorium der reuevollen Sünderin Maria Magdalena ist eine echte musikalische Entdeckung, wird aber dann doch zu edel gesungen. Mehr Ausdruck, Trauer und Dramatik wäre am Platz gewesen.

'La Maddalena' des nahezu unbekannten Barockkomponisten Antonio Bertali (1605-1669) heißt die zu besprechende CD, aber der Titel verrät nur die halbe Wahrheit. Das Oratorium von Bertali, von überraschender, ja überragender musikalischer Qualität, die sich durchaus mit Monteverdi oder Cavalli messen lassen kann, ist nämlich recht kurz und dauert nur eine knappe halbe Stunde. So haben sich der Produzent Jérôme Lejeune und der musikalische Leiter der Scherzi Musicali, Nicolas Achten, dazu entschlossen, Bertalis Stück mit Theatermusik zu ergänzen. Und zwar mit Theatermusik, die für ein Stück komponiert wurde, das sich ebenfalls mit Maria Magdalena beschäftigt und 1617 in Mantua uraufgeführt wurde.

Maria von Magdala, la Maddalena also, war für die Künstler des Barock eine durchaus interessante, schillernde Figur. Historisch weiß man aus den biblischen Quellen von ihr nicht viel, aber dieses biblische Bild wurde ergänzt bis hin zu einer Tradition, die in Maria von Magdala die Ehebrecherin, von der im Johannes-Evangelium die Rede ist, oder auch die Geliebte von Jesus von Nazareth, sah. Wie dem auch sei: Das Theaterstück, für das die fünf Musikstücke komponiert wurden, u.a. ein Prolog von Monteverdi, der eine leicht erkennbare Kopie des Prologes seiner Oper 'L’Orfeo' ist, stammt von Giovan Battista Andreini. Ein richtiger Renner war das Stück offenbar nicht, denn Andreini arbeitete den Stoff noch einmal um, kürzte die fünf auf drei Akte und gab ihm den Titel:‚ La Maddalena, lasciva e penitente’, die laszive und reuevolle also. Das zog dann offenbar mehr und zeigt auch die Spannung, die man damals an Maria von Magdala so interessant fand: eine heilige Sünderin.

Die Aufnahme hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen ist man überrascht von der ausgesprochen hohen musikalischen Qualität Bertalis. Das Oratorium ist eine echte Entdeckung, und es ist ein Gewinn, dass dieses Stück eingespielt wurde. Die fünf Stücke zu Beginn der Aufnahme, die Theatermusik also, kommen kaum an das musikalische Niveau heran und sind auch merkwürdig distanziert musiziert, und insofern zerfällt die Aufnahme etwas in einen leicht zähen ersten Teil, um dann im zweiten Teil deutlich an Fahrt aufzunehmen.

Aber auch für das Oratorium gilt: Die Musikerinnen und Musiker singen und spielen zwar wunderschön, auch abwechslungsreich - aber insgesamt bei vielen Stücken deutlich zu edel und beinahe ausdrucksschwach. Das gilt besonders für die Sängerinnen und Sänger: Wenn im Text von Verzweiflung oder Angst die Rede ist, in der Klage des Maria Magdalena beispielsweise (Deborah Cachet mit klarem Sopran), wird das im Gesang nicht umgesetzt. Wenn, dann findet das Drama in der reichen Orchesterbegleitung statt. So umgibt die Aufnahme eine leichte Patina des Schönen, Erhabenen, die wenig zu der Musik passt. Freilich gibt es auch Ausnahmen: Die Klage des Sünders zu Beginn des dritten Teils, von Dávid Szigedvári mit hellem, sehr klaren Tenor vorgetragen, ist berührend gesungen, aber auch die Totenklage von Maria zu Anfang des zweiten Teils hinterlässt den Hörer trotz der schönen Stimme von Luciana Mancini ohne wirkliche Erschütterung. Das Booklet bringt eine fundierte Einführung, aber nur eine englische und französische Übersetzung des Librettos.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bertali, Antonio: La Maddalena

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
04.03.2016
Medium:
EAN:

CD
5400439003675


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Bertali, Antonio


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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