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Dienstag, 22. August 2017

Arditti Quartet - Kammermusik

Erstklassige Quartettperformance


Label/Verlag: bmn
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer exzellenten Live-Einspielung von Werken der Komponisten Emanuel Nunes, Alfred Zimmerlin, Morton Feldman und Helmut Lachenmann liefert das Arditti Quartet einen Beleg für seine beachtliche Gestaltungsfähigkeiten.

Mit der Reihe ‚First Performance‘ hat das Bonitz Music Network, das ‚audiovisuelle Label aus Basel‘ (Klassik live), während der vergangenen Jahre eine innovative Präsentationsform für zeitgenössische Musik entwickelt. Kern ist einerseits – der Titel deutet es an – die Fokussierung auf Live-Konzerte, die um eine Uraufführung neuer Kompositionen gruppiert sind, andererseits aber auch die doppelte mediale Dokumentation dieser Ereignisse in Gestalt eines klangtechnisch hochwertigen Audio-Mitschnitts auf CD und, zusätzlich mit einem einführenden Gespräch versehen, eines qualitativ entsprechenden HD-Video-Mitschnitts auf Blu-Ray. Der sechste Teil der Reihe widmet sich einem Kammermusikabend des Arditti Quartets vom 1. Dezember 2015 im Hans-Huber-Saal Basel. Im Rahmen dieser Veranstaltung – es handelte sich um eine Würdigung zum 80. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Jürg Wyttenbach – erklang erstmals das Streichquartett Nr. 4 (1915) von Alfred Zimmerlin (*1955).

Zimmerlins Werk besteht aus vier Sätzen, die  allesamt der Idee folgen, ‚Form aus kleingliedrigen Episoden‘ (Zimmerlin) entstehen zu lassen und dies auch durch ihre jeweiligen Titel ('11 Episoden', '14 Momente', '23 Episoden', '14 Variationen') signalisieren. Grundlage sind Momente unterschiedlicher Struktur und Intensität, aus denen der Komponist abwechslungsreiche Formverläufe voller satztechnischer Subtilitäten entwickelt. Die konzentrierte Wiedergabe durch das Ensemble steckt voller Feinheiten, zu denen das klangfarbenreiche Tasten innerhalb der Pianobereiche ebenso gehört wie die zarte Nachzeichnung melodischer Konturen und das gleichsam gestische Ertasten mikrointervaller Spannungen. Als beliebig zu platzierenden Einschub in das Werk hat Zimmerlin die humorvolle 'Fatrasie – Hommage à Jürg Wyttenbach' komponiert, einen kurzen Satz, der auf einem Text karnavalesker nordfranzösischen Dichtungen aus dem 13. Jahrhundert beruht und hier zwischen dem ersten und zweiten Satz erklingt. Die Musiker tragen – man hört ihrem Vortrag die augenzwinkernde Freude an diesem Einfall geradezu an – die Worte auf bizarre Weise in Altfranzösisch, allerdings mit der Sprachfärbung ihrer jeweiligen Muttersprache, vor und begleiten sich dabei mit instrumentalen Rhythmen, die aus einer systematischen Sammlung von Marschtrommel-Rhythmen aus dem 16. Jahrhundert stammen, indem sie anstelle eines Bogens chinesische Essstäbchen benutzen.

Die um diesen Mitschnitt gelagerten Werke sind nicht nur hervorragende Beispiele für die Kunst der Quartettkomposition aus den letzten Jahrzehnten, sondern verdeutlichen zudem, mit welchem Facettenreichtum das Arditti Quartet bei seinen Interpretationen zu Werke geht. Prägnant werden etwa die klanglichen und rhythmischen Charakteristika der einzelnen 'Structures for String Quartet' (1951) von Morton Feldman (1926–1987) eingefangen, wodurch das kurze Werk wie ein konzentriertes Gegenstück zum Werk Zimmerlins erscheint. 'Chessed III' (1990–91) von Emmanuel Nunes (1941–2012) erweist sich hingegen als extrem polyphones Gebilde voller Dichteänderungen, die vom Arditti Quartet zu einem plastischen Klanggebilde aus einander überkreuzenden, nervös-fiebrigen Stimmsträngen geformt wird.

Als Lehrstück in Sachen Gestaltung erweist sich schließlich Helmut Lachenmanns (*1935) Streichquartett Nr. 3 'Grido' (2001–02), das vom Arditti Quartett uraufgeführt wurde und zum festen Repertoire des Ensembles gehört. Gegenüber der zehn Jahre alten Studioeinspielung (Kairos, 2008) hat sich der Zugang der Musiker inzwischen zu mehr klanglicher Wärme und größerer Beweglichkeit hin entwickelt: In der Live-Situation wird die Musik zu einem filigranen Netzwerk aus Klang- und Geräuschaktionen geformt, dessen Erscheinungsweise sich unter den Händen der Quartettmitglieder beständig verändert und zu immer wieder neuen Gestalten findet – etwa wenn die Klänge ihren Halt zu verlieren scheint, wenn sich Linien oder Tremoli bewegen, verschieben und aneinander reiben. Damit ist die Produktion nicht nur ein Beleg für die nach wie vor beachtliche Leistungsfähigkeit des Arditti Quartets, sondern auch ein erstrangiges Dokument für einen interpretatorischen Wandel. Dabei fängt die Aufnahmetechnik die Spannung des Konzerts so ein, dass jede noch so kleine Nuance bis hin zur körperlichen Komponente des koordinierenden Atems erfahrbar wird und die Hörwahrnehmung mitbestimmt.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Arditti Quartet: Kammermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
bmn
1
15.04.2016
EAN:

7629999019041


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Visualisierung von Klang – ein immer grösseres Thema zu Zeiten der medialen Sintflut. Allerdings: sucht man das Mass und versteht sich strikt zur Entfernung von Extremen, gibt zu denken, dass wir den Begriff der Synaesthesie schon lange kennen; denn um diesen geht es: um die Vermittlung der verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen und zwar zu je idealem Anteil – Hegel würde sagen: das „Umschlagen“ des einen ins andere. Von diesem Umschlag geht die praktische Überlegung der Visualisierung von Musik aus; und die richtet sich konsequent gegen die von den Medien heute normierte Art der visuellen Umsetzung von Musik, sprich: klassischer Musik. Denn sie ist empfindlich, zieht sich zurück, wenn man ihr und ihrer Botschaft optisch wehtut. Der Musik-Zuschauer wird von der Musik interpretenzentrisch durch die Art der Visualisierung getrennt und weiss kaum mehr, worum sich die bildlich vorgeführten Akteure bemüht hatten. In sanfteren Fällen wird die Musik bestenfalls zerstreut.

Musik, solche mit Botschaft, braucht Sammlung. Sie teilt sich, zumal die herausfordernde Klassik aus dem Geiste eines Beethoven und seiner Folgen, ohne Sammlung sich nicht mehr mitteilt, vielmehr zerstreut geradezu als Fälschung beim Zuschauer ankommt, dem das reine Hören gleichsam visuell verboten wird. Dem entgegenzuwirken, gab es zu wenige probate Ansätze. Einer ist derjenige, den der Regisseur Jan Schmidt-Garre experimentell mit Beethovens späten Quartetten entwickelt hat: die reale Konzertsituation wird radikal als Ausgangspunkt für eine einzige, konsequente Einstellung genommen, die bildlich - auch durch konzentrierte Ausleuchtung - dergestalt focussiert, dass ein Hör-Bild entsteht, das nur eben das sehen lässt, was man im Konzert wirklich "sieht" oder sehen kann, sozusagen ein ideales Sehen im Hörvorgang zeigt, ideal im Sinne des musikalischen Anspruchs. Hier ist dem Rezipienten zumindest die Möglichkeit gegeben, die Musik im Prozess ihres Gemachtwerdens mit Ohr und Auge in hoher Konzentration wahrzunehmen, ohne die Augen schliessen zu müssen...

Daraus entsteht so etwas wie eine optische "Ästhetik" der Musik im Moment des Vollzugs, im sogenannten Hier und Jetzt. Das Wesen der Musik, ihr Ereignis im "idealen Jetzt", wird dabei zum Mass der Dinge.


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