> > > Reimann, Aribert: Spiralat Halom, Eingedunkelt, Neun Stücke
Dienstag, 21. November 2017

Reimann, Aribert - Spiralat Halom, Eingedunkelt, Neun Stücke

Vokal inspirierte Orchesterwerke


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christoph Eschenbach und das NDR-Sinfonieorchester überzeugen mit dieser orchestralen Hommage an Aribert Reimann zu dessen 80. Geburtstag.

Aribert Reimann, der im März diesen Jahres seinen 80. Geburtstag feierte, kann auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurückblicken. Sein internationaler Ruf als Komponist überstrahlt heute das Renommee des Pianisten, obwohl Reimann zunächst am Klavier (und hier insbesondere als Liedbegleiter) Bekanntheit erlangte. Brigitte Fassbaender und Dietrich Fischer-Dieskau sind nur die berühmtesten Sänger, die mit Reimann zusammenarbeiteten. Die lebenslange Faszination für die menschliche Stimme zeigt sich nicht nur in den Opern (vom 1964 entstandenen 'Traumspiel' bis zur 'Medea', die 2010 in Wien uraufgeführt wurde), sondern auch in vielen instrumentalen Werken des Tondichters; fast überall ist der vokale Duktus offen oder versteckt spürbar.

Dies gilt auch für die zwei auf dieser CD versammelten Orchesterwerke, die 'Neun Stücke' aus dem Jahr 1993 und die Komposition 'Spiralat halom', entstanden 2002. Beide Kompositionen hängen eng mit dem ebenfalls hier zu hörenden Zyklus 'Eingedunkelt' zusammen, den Reimann 1992 für Brigitte Fassbaender schrieb. Wie er im Beiheft-Interview erläutert, habe er nach der Komposition das Bedürfnis gehabt, ‚noch einmal dieses Stück zu komponieren für Orchester ohne Stimme‘ – das Original von 'Eingedunkelt' ist für Sologesang ohne Begleitung geschrieben. So entstanden rasch darauf die 'Neun Stücke'. Bei 'Spiralat halom' bildet ein hebräisches Lied die Ausgangsbasis. In allen drei Stücken musiziert das NDR-Sinfonieorchester unter Christoph Eschenbach, die Interpretation von 'Eingedunkelt' wird vom Countertenor Tim Severloh bestritten.

Wer Reimann als virtuosen Beherrscher des Orchesters kennt und schätzt, der wird sich sowohl in 'Spiralat halom' als auch in den 'Neun Stücken' bestätigt fühlen. Obwohl ein schroffer, herber und mitunter aggressiver Klang die Grundlage bildet, ist doch immer wieder Platz für jene lyrischen Inseln, die vielen orthodoxen Vertretern der Avantgarde als verdächtig gelten. Etwa im vierten oder im neunten der 'Neun Stücke' – immer wieder haben die Holzbläser oder Streicher hier Zeit für verhaltene, fast spätromantisch wirkende Momente, ehe das Blech schroff dazwischenfährt. Die heftigen Klangballungen und starken dynamischen Kontraste, die den gesamten Zyklus prägen, stellen an die Orchestermusiker höchste Herausforderungen – das NDR-Sinfonieorchester zeigt sich hier von seiner besten Seite und musiziert mit höchster Präzision und Souveränität, auch in rasanten Passagen wie etwa im fünften Stück. Eschenbach ist jederzeit Herr der Lage und schafft es, auch die komplexesten Schichtungen noch so durchhörbar erscheinen zu lassen, wie es bei dieser Musik eben möglich ist. Hin und wieder jedoch, wenn etwa die Pauken im massiven Fortissimo dazwischenfahren, ist ein Ende der klanglichen Transparenz erreicht. Das liegt dann aber wohl eher an den Stücken selbst als an der wirklich vorzüglichen Interpretation.

Die orchestralen Tiefen, aus denen Reimann das zwanzigminütige 'Spiralat halom' entstehen lässt, wirken beeindruckend – hier geht es nicht um billige Effekte, sondern eine stringente und den Hörer mitnehmende orchestrale Reise, wie sie nur wenigen zeitgenössischen Komponisten gelingen dürfte. Wer sich den Perspektiven und Möglichkeiten der heutigen Musik nicht völlig verschließt, wird das Werk mit Gewinn hören, woran auch die erneut herausragende Interpretation der NDR-Musiker einen erheblichen Anteil hat. Die Extreme des Werkes werden in dieser Aufnahme sehr gut eingefangen, auch das Klangbild präsentiert sich bestens gelungen und gut ausbalanciert – die eine oder andere Schockwirkung durch harte Kontraste inklusive. Etwas blasser und abwechslungsärmer wirkt hingegen die Countertenor-Fassung von 'Eingedunkelt', obwohl sich Severloh rein technisch nicht zu Schulden kommen lässt und der Herausforderung vollauf gewachsen ist. Doch der im Werk selbst ohne Zweifel vorhandene Variantenreichtum springt nicht auf den Hörer über, vielleicht liegt dies auch an einer Hör-Erwartung, die Gesang ohne Begleitung (durch Klavier oder Orchester) kaum kennt. Eine klangliche Sogwirkung, wie sie von den beiden Orchesterwerken ausgeht, kann der Vokal-Solo-Zyklus leider nicht entfalten.

Insgesamt ist diese Reimann-CD dennoch eine gelungene Hommage zum 80. Geburtstag des Komponisten und ein vielfältiger Einblick in einen Werk-Kosmos, der in seiner Vielfalt und Tiefe kaum von einem anderen Tondichter unserer Tage erreicht wurde. Gewiss, ein Schwerpunkt Reimanns liegt auf dem Schaffen für Musiktheater, doch dass er auch als Orchesterkomponist auf eine einzigartige Mischung aus handwerklicher Meisterschaft, höchster Inspiration und – bei allen Herbheiten – gewisser Zugänglichkeit für den aufgeschlossenen Hörer zurückgreifen kann, zeigt diese Veröffentlichung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reimann, Aribert: Spiralat Halom, Eingedunkelt, Neun Stücke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
WERGO
1
11.03.2016
61:10
2004
EAN:
BestellNr.:

4010228733723
WER 73372


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Reimann, Aribert
 - Spiralat halom Traum Spiralen - Dream Spirals -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan I. Wirfst du den beschrifte -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan II. Deutlich, weithin -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan III. Über die Köpfe hinweg -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan IV. Angefochtener Stein -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan V. Bedenkenlos, den Vernebe -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan VI. Nach dem Lichtverzicht -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan VII. Eingedunkelt -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan VIII. Vom Hochseil herabgez -
 - Eingedunkelt Neun Gedichte nach Paul Celan IX. Füll die Ödnis -
 - Neun Stücke I -
 - Neun Stücke II -
 - Neun Stücke III -
 - Neun Stücke IV -
 - Neun Stücke V -
 - Neun Stücke VI -
 - Neun Stücke VII -
 - Neun Stücke VIII -
 - Neun Stücke IX -


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"Anlässlich des 80. Geburtstags von Aribert Reimann wurde für die vorliegende CD eine bemerkenswerte Zusammenstellung gewählt: Ein Zyklus unbegleiteter Lieder für Solostimme reiht sich zwischen zwei Orchesterstücken ein, denen – und dies ist das verbindende Element – ein Lied als Kompositionsidee dient. Der Zyklus „Eingedunkelt“ nach neun Gedichten von Paul Celan, ursprünglich für Brigitte Fassbaender geschrieben, wird in der vorliegenden Aufnahme von dem Countertenor Tim Severloh gesungen. Der Interpretation des Liederzyklus liegt dadurch eine völlig andere Klangfarbgebung zu Grunde. Kurzerhand komponierte Reimann eben diesen Gedicht-Zyklus noch einmal für Orchester ohne Stimme... Es entstanden die „Neun Stücke“: Orchesterstücke, die einen vollkommen anderen Weg gehen als diese neun Gedichte von Paul Celan und auch als die Vertonung für Gesang. Reimanns „Spiralat Halom“ (Traum Spiralen) basiert auf dem Lied „Zomtei Halom“ (Traum Knoten), das er nach einem Gedicht in hebräischer Sprache von David Rokeaj komponiert hatte. Der Titel imaginiert einen epischen und ruhigen Ansatz; das Klangbild jedoch lässt an einen nervösen und unruhigen Traum denken: „ein Traum, der sich immer wieder dreht und immer wieder in vollkommen andere Bereiche und Farben vorstößt.“ (Reimann) "


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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