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Mittwoch, 30. September 2020

Sterben - Ensemble Musikfabrik

Annäherung an eine Grenze


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neueste Produktion des Ensemble Musikfabrik befasst sich anhand dreier Kompositionen mit dem Vorgang des Sterbens.

Nach ‚Scherben‘ nun also ‚Sterben‘. Die Kreativität der Titelfinder für die Themen-CDs des Ensembles Musikfabrik kennt offensichtlich keine Grenzen. Angesichts des Schwerpunkts dieser neuesten Produktion ist die Entscheidung jedoch sehr gut nachvollziehbar. Im Mittelpunkt steht nämlich die Ersteinspielung von Mauricio Kagels letztem, unvollendetem Werk, einem während der Jahre 2007 und 2008 entstandenen Liederzyklus für Tenor und Ensemble, der sich – der Titel 'In der Matrazengruft' deutet es bereits an – mit Heinrich Heines dichterischer Reflexion seiner fortschreitenden, ihn während der letzten acht Lebensjahre ans Bett bindenden Erkrankung befasst. Indem der Komponist als Untertitel die Bemerkung ‚Versuch einer Beschreibung‘ hinzufügte, brachte er die Problematik auf den Punkt: Es geht letzten Endes um einen bedeutsamen Punkt im Leben – in unser aller Leben –, über den wir aber aus eigener Erfahrung nichts berichten können.

Kagels Zugriff auf die Texte ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Er benutzt den Stimmpart – hier mit vielen vokalem Ausdruckswechseln von Tenor Markus Brutscher dargeboten – als eine Art Projektionsfläche für die Musik und konfrontiert Heines poetische Reflexionen über Krankheit und Sterben mit immer anderen Facetten des solistisch besetzten Kammerensembles. Jeder der fünfzehn Werkteile ist wird daher von anderen Instrumentenkombinationen, Klangfarben und Satztechniken dominiert, wodurch sich die Komposition wie ein großer, mosaikhafter und bisweilen auch ironisch pointierter Rückblick auf verschiedene historische Gestaltungsmittel und Besetzungen lesen lässt. In musikalischer Hinsicht erfährt Kagels Fragment unter Leitung von Emilio Pomàrico eine zwingende Umsetzung, deren kammermusikalische Vielfalt dort am spannendsten gerät, wo dem Tenor nur wenige Instrumentalisten gegenüberstehen oder wo sich im Dialog zwischen Stimme und einzelnen Musikern miniaturisierte, aufs Äußerste reduzierte Theaterszenen ergeben.

Kagels 38-minütigem Fragment werden auf der CD zwei weitere Werke vorausgeschickt: Da ist einmal Francesco Filideis Komposition 'Finito ogni gesto' für sechs Instrumente (2010) deren Bezug zum Thema der Produktion eher abstrakt bleibt. Die auskomponierten Gesten, die – mal fein in Gestalt von zerbrechlichen Streicherflageoletts, mal als dicke, gepresst hervorgebrachte Holz- oder Blechbläseraktionen – in den Raum gesetzt und miteinander konfrontiert werden, lassen sich unschwer mit Momenten des Aufbäumens und Verlöschens in Bezug bringen. Dies ist freilich weniger wichtiger als die überzeugende musikalische Dramaturgie, die daraus für die zwölfminütige Komposition, von Ensemble unter Leitung von Marcus Creed präzise musiziert, erwächst.

Michael Beils 'Black Jack' für Ensemble mit Live-Video und Zuspiel (2011) ist dagegen eine denkbar ungünstig gewählte Abrundung für die Produktion: Weil Beils Arbeiten generell auf intermedialen Konzeptionen basieren und daher immer auch das Verhältnis zwischen Ton, Bild, Aktion und Playback bei ihrer Wahrnehmung eine entscheidende Rolle spielt, bleibt der Audiomitschnitt der Uraufführung, aufgenommen unter Leitung von Otto Tausk, unzureichend. Es wird zwar deutlich, wie der Komponist Phasen der Stille und Wiederholungen als Gestaltungselemente einsetzt, um damit den finalen, an einen gewaltigen Trauermarsch gemahnenden Abschnitt vorzubereiten. Darüber hinaus bleibt das Stück etwas blass, da dem Höreindruck wesentliche Dimensionen zum Verständnis fehlen. Eine einzige Farbabbildung im Einführungstext von Patrick Hahn – auch diesmal auf der Innenseite eines mehrfach gefalteten Posters abgedruckt, dessen Vorderseite mit einem Gemälde Gerhard Richters (‚Blumen‘ von 1994) versehen ist – genügt da eben leider nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sterben: Ensemble Musikfabrik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
11.03.2016
Medium:
EAN:

CD
4010228686326


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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