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Samstag, 22. Februar 2020

Smolka, Martin - Poema De Balcones

Ambition mit Klangsinn


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Martin Smolka schreibt ästhetisch anspruchsvolle, gedanklich wie klanglich ambitionierte Musik. Eine Musik, die nur ganz wenigen Ensembles überhaupt zugänglich ist: Das SWR Vokalensemble gehört ganz eindeutig an führender Position dazu.

Der 1959 geborene Tscheche Martin Smolka hat als Komponist avancierter Chormusik beachtliche Erfolge gefeiert, beginnend mit einer Donaueschinger Präsentation 1992. Acht Jahre später führte das SWR Vokalensemble Stuttgart wiederum dort den fünfteiligen Zyklus 'Walden, the Distiller of Celestial Dews' nach Texten von Henry David Thoreau auf. Und damit schien er der ästhetischen Ambition nicht gerecht zu werden, die das theoriegestählte Publikum hegte.

Das Thoreau-Stück ist dabei ein direktes Abbild der eigenen Ansprüche, die Smolka in einem ‚Manifest des um-gestimmten Komponisten‘ formuliert hat: ‚Keine Revolutionen mehr in der Musik, bitte. Treibt die Musik nicht voran, erweitert nicht ihren Horizont, kämpft nicht um neue Räume, neues Territorium und um neue Welten und was auch immer. […] Zwingt sie nicht dazu, neue Klänge hervorzubringen, sondern entdeckt seltsame Klänge in ihrem Reich…‘

Das tut Smolka. Er agiert in einem von Viertel- und Sechsteltonalterationen durchzogenen, oft tatsächlich fasslich wirkenden Raum, der Dur und Moll kennt, diese sonderbare Würze aber auch zu beeindruckend aufgefächerten akkordischen Ballungen auszuprägen weiß. Immer wieder gibt es von dort Wege zu elegischen, dichten Betrachtungen, die eben einfach klangsinnlich sind, ja, tatsächlich, bei aller Ambition des Satzes sind sie das.

Diesem Werk des Jahres 2000 geht das titelgebendem, knapp eine Viertelstunde umfassende Stück 'Poema de balcones' von 2008 voraus, das zunächst von wunderbar flächig wogenden Entwicklungen gekennzeichnet ist, dynamisch aus dem Nichts gesteigert, wie eine langsam aber stetig sich stärker aufwerfende Meeresbrandung. Hinzu treten ein oft sphärisch wirkendes Pfeifen, dann auch immer wieder von leichten Verschiebungen überformte harmonische Kontexte. Die Texte von Federico García Lorca gewinnen selten wirklich plastische Gestalt, wirken eher fragmentarisch in das Geschehen integriert.

Am Schluss steht das Stück 'Salz und Traurigkeit' von 2006, entstanden auf ein Gedicht des Polen Tadeusz Różewicz, auch das nicht linear sondern in kleineren Partikeln auftretend. Ästhetisch ist dieser Satz dem Walden-Stück verwandt, mit kleineren Fragmenten, Wiederholungen, höchst fragil platzierten Abweichungen. Und auch hier bricht sich immer wieder ein fahler, ätherisch rein wirkender Klang Bahn, freilich auch kontrastiert mit wirklich herzhaft das Spektrum des gemischten Chors nutzenden Clustern.

Große Expertise

Es gibt nicht viele Vokalensembles oder Kammerchöre, die solch anspruchsvolle Musik gültig aufführen können – das Uraufführungsensemble des ältesten hier vertretenen Stücks, das SWR Vokalensemble Stuttgart, gehört zweifellos dazu. Die Musik verlangt einiges: Die Anmutung des Einfachen im Ambitionierten, eine perfekt zu dosierende Virtuosität und Explosivität der Register, dazu die souveräne Vereinzelung der Stimmen, die stimmtechnische Gelenkigkeit, die technische Souveränität  jeder einzelnen Sängerin, jeder einzelnen Sängers, dazu eine ausgefeilte Differenzierung im Dynamischen: In keinem Moment die Kontrolle zu vernachlässigen, die reichen vokalen Mittel auf fast instrumental beherrschte Weise einzubringen – das ist eine stupende Leistung.

Bei all dem – wir erinnern uns: Smolkas Musik ist klangsinnlich – wird ein geradezu selbstverständlich scheinender Ensembleklang konturiert, der charmant ist und in seinen sinnlichen Qualitäten sehr viel mehr als reine Kopfgeburt. Die hervorragende Qualität des Ensembles ist zweifellos die Intonation: Nur so kann das Ensembles die Herausforderung durch Smolkas mikrotonal sich eintrübende Sätze so souverän bestehen. Das gelingt wirklich virtuos. In der Phrasierung weit ausgreifender Linien werden wahre Wunder vollbracht, fein kontrastiert mit der impulsreichen Klanglichkeit der Sprache. Der Booklettext von Thomas Meyer informiert vielschichtig und originell, das Klangbild ist präzis und ausgewogen, plastisch und strukturklar, vielleicht sogar ein wenig kühl, was ästhetisch mitdeutend durchaus angemessen scheint.

Es mag sein, dass sich die Donaueschinger Hardliner mit Martin Smolkas jüngeren Werken unterfordert gefühlt haben. Ästhetisch anspruchsvoll, in ihrer gedanklichen wie klanglichen Ambition sind sie hörbar gleichwohl. Eine Musik, die nur ganz wenigen Ensembles überhaupt zugänglich ist: Das SWR Vokalensemble gehört ganz eindeutig an führender Position dazu.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Smolka, Martin: Poema De Balcones

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
11.03.2016
Medium:
EAN:

SACD
4010228733228


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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