> > > Rolle, Johann Heinrich: Matthäuspassion
Montag, 24. September 2018

Rolle, Johann Heinrich - Matthäuspassion

Lohnenswerte Wiederentdeckung


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rolles Matthäuspassion lohnt ihre Wiedererweckung. Angelegt wie Bachs Passionen bietet sie einen alternativen Blickwinkel. Die Komposition aus dem Zeitalter der Empfindsamkeit hält jedem Vergleich mit den Vertonungen Carl Philipp Emanuel Bachs stand.

Der 1716 in Quedlinburg in eine Kantorenfamilie hineingeborene Johann Heinrich Rolle teilt das Schicksal einer Vielzahl seiner komponierenden Zeitgenossen: Er gilt heute als ein kaum beachteter Kleinmeister, doch zu seinen Lebzeiten hatte man ihm beträchtliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. Dabei fragt sich, welchem Zeitalter nun wohl die höhere Urteilskraft zuzubilligen ist, immerhin hatte sich der anfangs der Jurisprudenz zugeneigte, aber hoch musikalische und vom Vater ausgebildete Johann Heinrich Rolle 1767 um die Nachfolge Georg Philipp Telemanns in Hamburg beworben. Dass er hierbei seinem Konkurrenten Carl Philipp Emanuel Bach mit nur einer Stimme Abstand unterlag, zeigt die hohe Anerkennung, die der in den Vierzigerjahren fünf Jahre lang in der Berliner Hofkapelle Friedrichs II. aktive Geiger und Bratscher genoss. Von Berlin wechselte Rolle 1746 nach Magdeburg, zunächst als Organist an die dortige St. Johanniskirche. Nach dem Tod des Vaters wurde er 1752 als dessen Nachfolger ins Kantorenamt am Altstädtischen Gymnasium und als städtischer Musikdirektor berufen. Man schätzte Rolle als Komponisten von Kirchenmusik, doch er initiierte in seinem Wirkungsort Magdeburg auch regelmäßig stattfindende öffentliche Konzerte, in denen er eigene musikalische Dramen und Singspiele aufführte. Auch einige Orchester- und Kammermusik ist aus seiner Feder überliefert. 1785 starb Rolle in Magdeburg.

Johann Heinrich Rolle hat neben mehreren Passionsoratorien, denen ihrer Gattung gemäß keine Bibeltexte, sondern frei gewählte, das Leiden Jesu betrachtende Libretti zugrunde liegen, auch vier oratorische Passionen nach den vier Evangelisten komponiert. Hier in diesem Genre liegt die Leitschnur auf der Vertonung des vollständigen Bibeltextes, der mit freien Chorsätzen zum Eingang und Ausgang sowie mit Chorälen und freier Lyrik in Form von eingestreuten Arien angereichert wird. Rolles Matthäuspassion stammt aus dem Jahr 1748, sie wurde aber möglicherweise 1767 erneut (und vielleicht überarbeitet) wiederaufgeführt. Musikalisch zeigt sich Rolle in diesem knapp zweistündigen Werk ganz als Kind seiner Zeit. Der empfindsame Stil prägt die Arien und die Chorsätze, und die Rezitative – aufgeteilt in die Erzählung des Evangelisten (die hier mit der Ankündigung der Verleugnung des Petrus einsetzt) und Rollenzuweisungen an die einzelnen Personen und die Volksmenge gemäß des biblischen Berichts und variierend zwischen einfacher Secco-Form und auskomponierter accompagnato-Weise- überraschen mit Wendungen, die tonartlich des öfteren (vor allem an den Phrasenenden) in unerwartet fremde Gefilde hinüberleiten können. Rolles Melodieführung in den Arien und den Ariososätzen erweist sich als spannungsreich und phantasievoll, und sie stellt an die Vokalisten wie an die Instrumentalisten (Rolle weist die Melodielinien hier gerne auch Hörnern und Holzbläsern zu) recht hohe Ansprüche. Es nimmt heute im Vergleich betrachtet überhaupt nicht wunder, dass Rolle seinerzeit in Konkurrenz mit Carl Philipp Emanuel Bach hat treten können.

Michael Alexander Willens‘ Darstellung des Werks mit der Kölner Akademie, die hier unter diesem Namen und unter Einbeziehung der Vokalsolisten einen achtstimmigen Chor und ein historisch informiertes Orchester aufbietet, zeigt sich von hoher Intensität getragen. Vokal und instrumental wird außerordentlich klangschön, farbenreich und biegsam phrasiert, die klangliche Linie erhält lebhafte Akzente und sie erweist sich im diffizilen Aufspüren der spezifischen melodisch-figürlichen Lösungen des Komponisten als wendig und agil, und dem Textinhalt wird ausdrucksstark und engagiert nachgegangen. Neben den allesamt stimmschön und mit Leidenschaft agierenden Vokalsolisten Ana-Marija Brkic (Sopran), Sophie Harmsen (Alt), Joachim Streckfuß (Tenor), Thilo Dahlmann und Raimond Spogis (beide Bass), gebührt die besondere Anerkennung dem Evangelisten Georg Poplutz, der dem biblischen Bericht stimmlich sehr geschmeidig und in der Herangehensweise differenziert und beweglich nachspürt. Die Chorsätze der Volksmenge, die in der kompositorischen Ausarbeitung stilistisch vielfältig und abwechslungsreich (teils mit homophonem, teils mit kontrapunktischem Zuschnitt) und mitunter außerordentlich aufwendig angelegt sind, erlangen mit dem zum Chor geweiteten Ensemble eine ansprechende Klanglichkeit und ein prägnantes Profil. Die Choräle belässt die Kölner Akademie ohne ein überhöhendes gestalterisches Anliegen dagegen zu Recht in ihrer kompositorisch betont schlicht gehaltenen Setzweise.

Rolles Matthäuspassion lohnt ihre Wiedererweckung. Angelegt wie Bachs Passionen bietet sie einen alternativen Blickwinkel. Die Komposition aus dem Zeitalter der Empfindsamkeit hält jedem Vergleich mit den Vertonungen Carl Philipp Emanuel Bachs stand.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Rolle, Johann Heinrich: Matthäuspassion

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
EAN:

761203504626


Cover vergössern

Rolle, Johann Heinrich


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Blühende Viola: Standard-Bratschen-Repertoire aus dem Biotop der Wiener Klassik: Andra Darzina liefert als Solistin und Dirigentin eine 'professorale' Referenz-Einspielung in sehr gutem Klangbild. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Aufgefrischt: Überfällige neue Würdigung eines nicht zentralen Schaffensbereichs Mozarts. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Auf die schottische Art: Schottische Volkslieder werden in der vorliegenden Interpretation von drei Klaviertrios Leopold Kozeluchs eher als exotisches Beiwerk denn als essenzieller Teil der Musik gesehen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Thomas Bopp:

  • Zur Kritik... Bach und sein Kreis: Eine Silbermann-Orgel jenseits der Alpen, das ist schon etwas Besonderes. Auf dem nachgebauten, gut klingenden Instrument und mit Werken von Komponisten aus dem Schülerkreis um J. S. Bach weiß der ausübende Künstler Emanuele Cardi zu überzeugen. Weiter...
    (Thomas Bopp, )
  • Zur Kritik... Farbensprühend: Jedes Mitglied der Bachfamilie ist eine Entdeckung wert: Hier nun kann Johann Sebastians Vetter Johann Bernhard Bach gehörig Eindruck machen, dessen vier Ouvertüren nicht weniger brillant gesetzt sind als die Johann Sebastians. Weiter...
    (Thomas Bopp, )
  • Zur Kritik... Fülle und Farbe: Im Regerjahr2016 hat MDG mit dem Interpreten Christoph Schoener an den Orgeln der Hamburger St. Michaelskirche eine sehr ansprechende Einspielung von Regers Orgelbearbeitungen von fünf der Cembalotoccaten J. S. Bachs vorgelegt. Weiter...
    (Thomas Bopp, )
blättern

Alle Kritiken von Thomas Bopp...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unbedingter Ausdruckswille: Strauss, der avantgardistische Revolutionär Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Glaubens-Bekenntnisse: Restlos überzeugend: Der junge Dirigent Risto Joost inszeniert mit dem MDR Rundfunkchor eines der bedeutendsten Zeugnisse russischer Kirchenmusik. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Konkurrenzfähig: Die Klaviersonaten von Johann Nepomuk Hummel erklingen hier erstmals vollständig auf Hammerklavier. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2018) herunterladen (3001 KByte) Class aktuell (3/2018) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Michael Haydn: Symphony No.13 in D major - Andante

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich