> > > Godard, Benjamin: Symphonische Werke
Dienstag, 30. November 2021

Godard, Benjamin - Symphonische Werke

Fundstücke unter Gemischtwaren


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das steigende Interesse an Benjamin Godard (1849-1895) scheint gerechtfertigt: Seine 'Symphonie gotique' brachte ihm 1883 auch in Deutschland den Ruf ein, einer der wichtigsten französischen Symphoniker zu sein.

Die französische Symphonik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (vor Debussy) bleibt im populären Kernrepertoire wohl beschränkt auf die d-Moll-Symphonie von César Franck, Bizets spätentdeckte C-Dur-Symphonie und die ‚Orgelsymphonie‘, letzter von fünf Gattungsbeiträgen von Camille Saint-Saëns. Bereits die wichtigen Symphonien von Édouard Lalo, Paul Dukas und Ernest Chausson, allesamt zwischen 1880 und 1895 entstanden, haben jenseits einer hervorragenden Studie zur französischen Symphonik von Fabian Kolb hierzulande wenig Aufmerksamkeit bekommen. Kolb nennt zurecht auch Benjamin Godard einen der wichtigsten Wegbereiter neuer, spezifisch französischer Formen jenseits zyklischer Prinzipien, welche die Symphonien von Franck bis Magnard dominieren. Zum einen komponierte Godard Vokalsymphonien (nur zwei von vieren wurden vollendet), die meines Wissens noch einer Einspielung harren. Zum anderen spielt die Idee des Charakteristischen eine entscheidende Rolle: Auch die 'Symphonie gotique' gehört in die Reihe von vier eher suitenähnlich aufgebauten 'Symphonies charactéristiques' (die letzte, 1892 begonnene trägt explizit diesen Namen, zudem gibt es eine orientalische und eine Tanz-‚Symphonie‘). Unter den ‚rein instrumentalen‘ Symphonien ist mit der – merkwürdigerweise wohl ihrer Premiere und nicht Entstehung nach als 'No. 2' bezeichneten – Symphonie op. 57 (1880) nur ein Werk vollendet worden, bezeichnenderweise das schwächste der hier aufgenommenen. Dass Godard das Pittoreske, auf eine poetisch erfassbare Szenerie Eingestimmte besonders lag, machen die neben der 'Symphonie gotique' (komponiert 1874, uraufgeführt 1881) als Drittes enthaltenen 'Trois Morceaux' op. 51 deutlich – deren zyklischer Zusammenhalt umso fraglicher erscheint, als ihr Erfolg sich ebenfalls um 1880 bereits in Pariser Einzelaufführungen einstellte.

Trauermarsch, Exotik und Kirmes

Diese drei recht divergenten Orchesterstücke zeigen exemplarisch Godards Fähigkeiten: Das etwas ziseliert Tänzerische der 'Brésilienne' erzielt nicht zuletzt wegen der abwechslungsreichen Instrumentierung eine gewisse Wirkung, hinsichtlich ihrer Exotik allerdings eher an alten höfischen Tänzen orientiert (nebst modalem Marscheinschub) statt an authentischerer Folkloristik. Eingängig auch der pastorale Beginn der anschließenden 'Kermesse', die bereits in sich selbst als ein 'Recueil de danses' in loser Verknüpfung divergenter thematischer Abschnitte einschließlich eines prototypischen Walzers angeordnet ist. Mit diesen orchestral farbigen, melodisch und satztechnisch aber ziemlich konfektioniert erscheinenden Genrebildern hatte Godard – den im Booklet von Emmanuel Pelaprat nicht gerade mustergültig zitierten zeitgenössischen Kritiken zufolge – deutlich mehr Erfolg als mit der Opus 51 einleitenden, kompositorisch weitaus anspruchsvolleren und originelleren 'Marche funèbre', 1881 karfreitags uraufgeführt und in ihrer gleichwohl modal gefärbten Melodik und Harmonik weniger griffig. Gerade die chromatischen Bögen und der stimmungsvolle Einsatz der Glocke als Gliederungsidee zeigen Godards Vermögen, gescheit instrumentierend nahezu opernhafte dramatische Spannung aufzubauen bis hin zum grandiosen Mittel- und Höhepunkt nach knapp vier Minuten im weniger kontrastiv als ‚vertiefend‘ angelegten Mittelteil (genau das Fehlen eines belebenderen Trios wurde dem Stück vorgeworfen). Vage thematische Ähnlichkeiten der folgenden Brésilienne rechtfertigen aber die inhaltlich und qualitativ absurde Verbindung der drei Stücke zu einer Art Suite nicht. Übrigens bleibt die Differenzierung der orchestralen Genres im Booklettext von Pelaprat recht vage, und die nicht immer glückliche deutsche Übersetzung verstärkt mehrfach die Undeutlichkeiten, etwa indem Pelaprats für die suitenartige Zusammenstellung von Orchesterstücken gleichwohl passender Begriff des 'Recueil' in Unkenntnis als ‚Werk‘ statt ‚Sammlung‘ übersetzt wird. Einen brauchbaren Überblick vermittelt der deutsche, mehr noch der französische Text trotz kleinerer Abstriche und Verständnisschwierigkeiten.

Adäquate Interpretation trotz manchmal fragwürdiger Tempi

Die melodischen und harmonischen Banalitäten der walzerseligen 'Kirchweihe' finden sich leider auch in der wohl zeitnah entstandenen Symphonie op. 57, die dem normierten ‚klassischen‘ Schema folgt. Das Eingangs-'Allegretto' wird von einem die Kadenzstufen durchlaufenden, ein wenig an Dvořák erinnernden Gedanken eröffnet und wirkt doch weitgehend in seiner Sonatenform wie Themenfindung schematisch. Der langsame Satz variiert ein rhapsodisches Liedthema und nimmt die Züge einer Art Ballettmusik an: Etwas mehr Agogik, Flexibilität in der Phrasen- und Rhythmusgestaltung statt des von David Reiland bevorzugten konstanten Grundtempos täte ihm wie auch anderen Sätzen gut; die Leistungen insbesondere der Bläsersolisten des Münchner Rundfunkorchesters verleihen diesem 'Lento'-Satz trotzdem hinreichend Charme. Das gilt auch für das Scherzo, dessen rhythmische Prägnanz etwas abgemildert erscheint zugunsten klarer Präsenz der diversen Bläsersoli; das streicherdominierte Trio wird hier wunderbar sanglich-kontemplativ ausgeführt. Der Satz ist wie das Finale recht unterhaltsam, aber wenig originell angelegt: Godards Stärke bleibt das orchestrale Variieren; vielleicht erzeugt gerade die wenig signifikante thematische Gestaltung zugleich die Basis und Notwendigkeit dazu.

Symphonie als Suite: Ansätze sakraler Instrumentalmusik

Neben dem Trauermarsch ist die 'Symphonie gotique' als Ganze das zweite ‚Fundstück‘ dieser Aufnahme. Der todernste, monumentale Posaunenbeginn des einleitenden 'Maestoso' macht deutlich, was unter ‚gotisch‘ zu verstehen ist: kein historischer Horizont, sondern schlicht ein sakraler Grundcharakter, den Godard durch Choralsatz und schöne (wenn vielleicht auch allzu viele) Sequenzierungsabschnitte erreicht. Das klangliche Grundgerüst der bevorzugten Bläserstimmen trägt sicherlich zum archaischen Eindruck dieses orchestralen Introitus bei. Tendenzen zu ostinat dominierenden Begleitfiguren, über denen etwa im zweiten Satz die Holzbläser ‚improvisieren‘, stellen ein weiteres Merkmal der Variationskunst Godards dar. Der kontemplative dritte Satz, Zentrum dieser fünfteiligen ‚gotischen Suite‘ bzw. Symphonie (ganz ohne akademische Sonatensatzform), wird unter Reiland ganz wundervoll und ergreifend musiziert – eine dicke Empfehlung! Umso mehr irritiert, dass der Dirigent keinen direkten Kontrast wagt, sondern das folgende 'Presto' fast auf ein 'Andante' abbremst: Das kommt der sauberen Phrasierung im Orchester zugute, verfehlt aber offensichtlich die Idee, das virtuos-gehetzte Intermezzo eines eher alltäglich-erfüllten Lebens vorzuführen vor dem festlich-tänzerischen Finale, das wie in einem grandiosen Orgelstück Widors wieder ganz von einer harmonisch schön gewundenen, apotheotischen B(r)ass-Melodie des Refrains lebt. Ein Kennenlernen lohnt, wobei zu vermuten ist, dass jeder Hörer in diesem stilistisch gemischten Programm ganz nach seinem Geschmack eigene Favoriten finden wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Godard, Benjamin: Symphonische Werke

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
69:11
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203504428
555044-2


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Godard, Benjamin
 - Symphonie Nr. 2 op. 57 - Allegretto
 - Symphonie Nr. 2 op. 57 - Lento ma non troppo
 - Symphonie Nr. 2 op. 57 - Vivace
 - Symphonie Nr. 2 op. 57 - Allegro con moto
 - Trois Morceaux op. 51 - Marche funebre
 - Trois Morceaux op. 51 - Bresilienne
 - Trois Morceaux op. 51 - Kermesse
 - Symphonie gothique op. 23 - Maestoso
 - Symphonie gothique op. 23 - Andantino quasi allegro
 - Symphonie gothique op. 23 - Grave ma non troppo lento
 - Symphonie gothique op. 23 - Presto
 - Symphonie gothique op. 23 - Allegro non troppo


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Dirigent(en):Reiland, David
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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