> > > Pedrini, Teodorico: Sämtliche Violinsonaten
Samstag, 22. Februar 2020

Pedrini, Teodorico - Sämtliche Violinsonaten

Verpasste Gelegenheiten


Label/Verlag: Paladino
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Gesamteinspielung der Violinsonaten op. 3 von Teodorico Pedrini, einziges erhaltenes Werk des in China tätigen Barockkomponisten, enttäuscht fast auf ganzer Linie.

Dass Teodorico Pedrini (1671–1746) nicht gerade zu den bekanntesten Barockkomponisten gehört, hängt vor allem mit den Eigenheiten seiner Karriere zusammen: Im Jahr 1703 wurde er als Angehöriger des Lazaristenordens vom Papst nach Peking gesandt, wo er bis zu seinem Tod lebte, als Hofmusiker im Umfeld der Kaiser Kangxi, Yongzheng und Qianlong agierte und ganz entscheidend zum Aufbau gegenseitiger kultureller Beziehungen zwischen China und Europa beitrug. Darüber hinaus ist Pedrini der einzige Komponist, von dem für den Zeitraum des 18. Jahrhunderts in China komponierte europäische Musik überliefert ist. Sein einziges erhaltenes Opus, die 'Dodici Sonate a Violino Solo col Basso del Nepridi' op. 3, dessen Manuskript heute in der Nationalbibliothek in Peking aufbewahrt wird, ist Gegenstand der vorliegenden Doppel-CD von Paladino Music und weist den Komponisten als versierten Geiger aus, der, auf den formalen und technischen Eigenschaften Arcangelo Corellis aufbauend, zu einem durchaus individuellen Zugang zur Gattung der begleiteten Solosonate fand.

Leider erweist sich die Veröffentlichung mit Nancy Wilson (Violine) und Joyce Lindorff (Cembalo) als herbe Enttäuschung, denn es gelingt den beiden Musikerinnen nur bedingt, die Schönheit der Werke greifbar zu machen. Zum einen liegt dies an der klanglichen Beschränkung der Besetzung – sie hätte durch Hinzunahme eines Bassinstruments ganz wesentlich bereichert werden können –, deren Wirkung durch einen extrem schematisch anmutenden Umgang mit den dynamischen Verhältnissen verstärkt wird: Wilsons Violinspiel weist gerade in den raschen Sätzen neben einzelnen Echoeffekten kaum dynamische Differenzierungen auf, und insbesondere ihre Wiedergabe von Passagenwerk und Sequenzen erscheint auf Dauer extrem öde. Verschärfend kommt hinzu, dass Lindorf die Registrierungsmöglichkeiten ihres Cembalos zwar nutzt, um den Sätzen individuelle Farben zu verleihen, dass sie aber ansonsten innerhalb der einzelnen Werkteile eher zur Monochromie tendiert. Aufgrund des Zusammenwirkens solcher Details muten gerade die Allegro-Sätze häufig klanglich unbeweglich und mechanisch an.

Anders sieht es hingegen in den langsamen Sätzen aus, denn gerade dort, wo Wilson und Lindorf sich Zeit lassen, entfalten Pedrinis Werke am nachhaltigsten ihre Wirkung. Der improvisatorische Gestus etwa, mit dem die beiden Interpretinnen das eröffnende 'Grave' der Sonata Nr. 3 D-Dur anheben lassen, aber auch das 'Preludio' von Sonata Nr. 10 c-Moll mit seinen alternierend angeordneten, agogisch ausgestalteten 'Grave'- und 'Allegro e forte'-Abschnitten, zeugen von viel musikalischer Einbildungskraft bei der Umsetzung. Dies gilt auch für langsame Binnensätze wie das 'Grave' aus Sonata Nr. 2 g-Moll, dessen Duktus man fast schon als narrativ bezeichnen könnte, oder das 'Adagio' aus Sonata Nr. 11 G-Dur, in dem sich das Cembalo ganz an die quasi-improvisatorischen Auslassungen der Violine anschmiegt und die Musik zu einem langen, freien Deklamieren wird.

Dass die Aufnahme trotz solch gelungener Momente in ihrer Ganzheit wenig überzeugend bleibt, hängt zum anderen mit den Mängeln der Intonation zusammen, die häufig dort hervortreten, wo der Violinpart aufgrund von Doppelgriffspiel oder fugierter Setzweise anspruchsvoller wird. Besonders akut ist dies in Sonata Nr. 1 A-Dur: Bereits das eröffnende 'Adagio' fällt stark ab, weil die Doppelgriffe unsauber sind und die Terzintervalle der Geigerin nicht zum harmonischen Gerüst des Cembalos passen, doch nimmt dies im nachfolgenden 'Allegro' noch stärkere Ausmaße an, weil hier die Saitenwechselpassagen in denkbar fantasieloser Gestalt dargeboten werden. Besonders verräterisch ist auch die zackige 'Allemanda' aus Sonata Nr. 9 B-Dur, weil hier Cembalo und Violine in rhythmischem und melodischem Unisono agieren, wodurch die nichtidentische Intonation beider Instrumente erst recht hervortritt. Dass darüber hinaus die Resonanzen der leeren Violinsaiten häufig nicht zum Cembalo passen – sehr deutlich wahrnehmbar im vierten Satz der Sonata Nr. 6 B-Dur oder in der gesamten Sonata Nr. 11 G-Dur –, macht die ganze Angelegenheit nicht besser.

Verstärkt werden solche Ärgernisse durch die Aufnahmequalität: Der Klang ist insgesamt rau, aus große Nähe zu den Instrumenten aufgenommen, wodurch das Cembalo oft zu laut und aufdringlich wirkt. Einige Sonaten sind zudem – bedingt durch drei unterschiedliche Aufnahmesessions zwischen 2006 und 2012 – deutlich lauter aufgenommen als andere. Darüber hinaus bleibt auch das Booklet weit unterhalb der Möglichkeiten: Zwar gibt es einige interessante Illustrationen, doch der Textbeitrag von Lindorf bleibt mehr als dürftig angesichts der Tatsache, dass Pedrini, seine Karriere und die eingespielten Werke mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Die vorgebrachten Informationen skizzieren stattdessen vorwiegend die Eigenleistung, die mit der Entdeckung und Realisierung der Sonaten einhergegangen ist, während Basisinformationen wie die Lebensdaten des Komponisten völlig fehlen. Als letzter Punkt sei noch erwähnt, dass man die einzelnen Werke nicht in der Reihenfolge des Manuskripts belassen, sondern ihnen eine abweichende Anordnung gegeben hat – eine Entscheidung, deren Logik nicht nachvollziehbar ist, weil sie nicht von der Spielzeit der beiden Tonträger diktiert wurde.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pedrini, Teodorico: Sämtliche Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Paladino
1
11.03.2016
Medium:
EAN:

CD
9120040730352


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Paladino

Das CD-Label paladino music wurde 2009 von dem Cellisten Martin Rummel gegründet und ist sozusagen die Keimzelle von paladino media, wozu mittlerweile neben paladino music auch Orlando Records, KAIROS und Austrian Gramophone gehören. Inzwischen bei einem Durchschnitt von 15 Veröffentlichungen pro Jahr angekommen, hat paladino music sich zu einem anerkannten Boutique-Independentlabel entwickelt. Die Veröffentlichungen sind zumeist auf einen Komponisten fokussiert, aber auch Rezitalprogramme und aufsehenerregende Debütaufnahmen sind neben Ersteinspielungen von Komponisten wie Franz Krommer, David Popper, Johann Joachim Quantz, Thomas Daniel Schlee, Robert Stark und Johann Wenzel Tomaschek entstanden. Herausragende Interpreten aller Generationen, von jungen Künstlern bis hin zu internationalen Stars wie Vladimir Ashkenazy garantieren, dass die künstlerische Qualität der Einspielungen außer Frage steht. Ursprünglich auf Kammermusik fokussiert, veröffentlicht paladino music in jüngster Zeit auch zunehmend Solokonzert- und andere Orchesteraufnahmen.

Zahlreiche Veröffentlichungen haben Auszeichnungen bekommen oder sind zumindest dafür nominiert worden, und Kritiker in internationalen Medien loben nicht nur die Aufnahmen und das Repertoire selbst, sondern auch die strikt durchgezogene Eleganz des Designs, dass aus dem Firmendesign von paladino media entwickelt ist. paladino music wird von Martin Rummel kuratiert, der von einem kleinen Team an Fachleuten in der Umsetzung, Fabrikation und Distribution unterstützt wird. Das Lager wird von Naxos Global Logistics verwaltet, und ein Netzwerk von über 50 internationalen Vertrieben garantieren, dass jede Aufnahme weltweit über den Fach- und Internethandel sowie über alle wesentlichen Streaming- und Downloadplattformen verfügbar ist.


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