> > > Schneider, Enjott: Geistliche Musik Vol.13
Dienstag, 9. August 2022

Schneider, Enjott - Geistliche Musik Vol.13

Lobgesang auf die universelle Schönheit


Label/Verlag: Ambiente Audio
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Spiritualität ist für Enjott Schneider der Motor für seine Klangkunst jenseits diktierter Modernität am Übergang von der geistlichen zur universellen Musik. Bestes Beispiel dafür sind seine Orgelsinfonien Nr. 12 und 13.

Was bei Enjott Schneider am Anfang stand, ist schwer zu ermitteln: Organist oder Komponist, Interpret oder einer, der mit dem freien Geist die Enge zu überwinden trachtet und das auch für die Kunst reklamiert? Dafür stehen seine Kompositionen. Fast ist es gleich, ob es sich um Filmmusik, Instrumentalmusik oder Chorwerke in unterschiedlichster Besetzung handelt. Schneider blendet das Schattenhafte nicht aus, entwickelt daraus das Verbindende, das Tröstliche, die Mutation, die Schwingungen unter der Oberfläche, um in kreativer Vielfalt klanggewaltig wie geheimnisvoll von einer Universalität zu künden, die jegliche Individualität zulässt und daraus ihr Kapital für eine Form von Einheit speist, wie sie in der Realität aufgrund menschlicher Unzulänglichkeiten Vision bleibt. Trauer entsteht darüber nicht, denn Enjott Schneider weiß mit seinen Lobgesängen im Chor wie auf der Orgel überaus feinfühlend zu trösten und über seine Musik individuelle Impressionen anzustoßen. Davon kündet seine CD "Laudato si", aufgenommen mit den Regensburger Domspatzen unter der Leitung von Roland Büchner sowie mit zwei Organisten, die Enjott Schneiders Klangsprache zu übersetzen verstehen, dem Regensburger Domorganisten Frank Josef Stoiber und dem Rektor der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg, Stefan Baier.

Charakteristisch für seine Musiksprache ist der 'Sonnengesang des Franz von Assisi' für achtstimmigen Chor a capella. Enjott Schneider bezeichnet Franz von Assisi als den poetischsten aller Heiligen. Tatsächlich verfasste dieser den Text in einer absoluten Ausnahmesituation. Völlig entnervt, nahezu blind und sterbenskrank erfuhr er im Gebet die göttliche Offenbarung von der ewigen Freude des Himmelreichs. Schneider wählt archaische Klänge, die sich aus beschwörend geflüsterten lateinischen Worten herauslösen, um litaneiartig und mit einer Mischung aus scheinbaren Naturklängen das Lob über die Schönheit der Natur und die Größe Gottes, die alle Leiden erträglich werden lässt, anzustimmen. Die Regensburger Domspatzen faszinieren durch ihre geradlinige, vibratolose und überaus reine Intonation und ziehen den Hörer mit ihrer unaufgeregten Interpretation in den Bann.

Die Orgelsinfonie Nr. 12 bildet den Abschluss der Reihe, die Enjott Schneider in der Tradition französischer Orgelsymphonik komponierte. So merkt er es an. Doch was heißt das konkret? Komponisten wie Vierne, Dupré oder Franck prägen Schneiders Einfälle, die sich für einen Zeitgenossen unerwartet harmonisch in majestätischer Pracht entfalten oder völlig zurückgedreht auf kammermusikalische Sparsamkeit filigrane Verästelungen hörbar werden lässt, aus welchen bekannte Weisen kurzzeitig hervorschimmern.

Orient und Okzident fallen sich in der Toccata 'Jubilissimo' in die Arme, was nicht unbedingt Gleichklang bedeutet. Es ist ein hochdramatischer Akt mit herrlich witzigen und skurrilen, verspielten und leidenschaftlichen Momenten, die im Aufprall verschiedener Klang- und Geisteswelten aufbrausen oder unterschwellig mittönen und einen spannenden Diskurs führen. Für den Spieler stellt dieses Werk einen wahren Drahtseilakt dar, den Franz Josef Stoiber mit absoluter Akkuratesse bewältigt.

Mondbetrachtungen thematisiert Enjott Schneider in seiner viersätzigen Orgelsinfonie Nr. 13. Jeder Satz ist mit einer Inspiration überschrieben, die den Hörer leiten oder auch irritieren kann. Tiefsten Orgelregistern und fahlen Flötentönen entlockt Schneider die Farben der "dunklen Nacht der Seele". Mit den Folgen aus 7 und 13 Taktschlägen verpasst er dem Tanz der Mondgöttinnen im zweiten Satz einen ureigenen Impuls. Überraschend klassisch gelingt der dritte Satz als Elegie auf Robert Schumanns 'Mondnacht'. Die Anklänge sind überdeutlich. Doch weit über das Zitat hinaus gelingt Schneider durch die Wahl der Register und der Mischung daraus eine über das ursprüngliche Lied weit hinauszeigende Interpretation. Als Fundament generiert er einen für die Orgel typischen leicht wabernden, pochenden Gleichklang, worüber sich die Erinnerungsgedankenfäden in unterschiedlicher Qualität zwischen zarten Impressionen und einer an Wagners Hornklänge erinnernden Feierlichkeit entwickeln. Der vierte Satz ist als Huldigung des Vollmonds gedacht, doch weniger pompös im Klang als rätselhaft fern unerreicht. Stefan Baier, dem dieses Werk gewidmet ist, bietet eine sehr plastische Interpretation und unterstreicht die Fähigkeit von Enjott Schneider, die Orgel aus dem Kontext einer weltlichen oder geistlichen Zuordnung herauszulösen und sie als universelles Instrument in den Dienst der künstlerischen Aussage zu stellen.

Seine Gedanken zu den Werken hat Enjott Schneider im beiliegenden Booklet zweisprachig formuliert. Ebenfalls fehlen nicht aussagekräftige Darstellungen der Ausführenden. Besonderes Interesse wecken die Erläuterungen der Dispositionen der Orgeln, die auf der CD erklingen: die viermanualige Regensburger Domorgel und die noch junge dreimanualige Saalorgel der Goll-Orgelbauer, die durch eine hervorragende klangliche Konzeption besticht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schneider, Enjott: Geistliche Musik Vol.13

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ambiente Audio
1
20.01.2016
Medium:
EAN:

CD
4029897030354


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