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Sonntag, 15. September 2019

Ablenkungsmanöver - Werke für Fagott und Klavier

Fundgrube


Label/Verlag: Spektral
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine musikalische Fundgrube öffnet die Fagottistin Annette Winker mit dieser CD und hebt dabei wahre Schätze, die auch beim Hörer, der sich mit dem Fagott weniger auskennt, Spannung und Spaß bringen.

Die Fagottistin Annette Winker steckt voller Entdeckerfreude und sie verführt mit dieser CD unmittelbar auch ihre Hörer zum Spaß an Neuem und Ungewohntem. Die aufgenommenen Werke kennt wohl nur der Fagottexperte; höchstens das erste Stück, die Fagottsonate von André Previn, könnte man schon einmal gehört haben. Energisch soll der erste Satz gespielt werden, und energisch geht Annette Winker die Sonate an – eine Herausforderung auch für ihren Pianisten Klaus Simon, die beide souverän bestehen. Der erste Satz erinnert im schnellen Teil stilistisch ein wenig an Hindemith, angereichert durch rhythmische Spielereien. Ein mittlerer Abschnitt gerät lyrisch, eher an Previnsche Filmmusik erinnernd, wie der zweite Satz 'Slowly' auch, in dem Annette Winker alle weichen und geheimnisvollen Klangfarben auspackt, die ihr Instrument nur hergeben kann. Im letzten Satz geht es dann wieder zur Sache, jetzt mit jazziger Virtuosität sowohl in der Melodieführung als auch in den Rhythmen. Im Beiheft steht, die Sonate soll 1999 entstanden sein, andere Quellen reden von 1997.

Aus einem ganz anderen musikalischen Stilkreis kommt der nächste Komponist daher. Julius Röntgen stammt aus einer Musikerfamilie in Sachsen, lebte die längste Zeit aber in Amsterdam, wo er zu den Begründern des dortigen Konservatoriums gehört. Seine Fagottsonate entstand erst sehr spät: 1929, zwei Jahre vor seinem Tod. Röntgen ist von der ‚Neoklassik‘ dieser Zeit ziemlich weit entfernt, seine Musik noch eher der Spätromantik verhaftet, tonal ausgerichtet, mit Ausflügen zum französischen Impressionismus. Das Klavier spielt die heimliche Hauptrolle und das Fagott muss mit überwiegend langen Melodiebögen zurechtkommen. Annette Winker meistert das ohne Probleme, Phrasierung und Tongebung lassen an keiner Stelle zu wünschen übrig.

Weiter geht es mit einer Sonate des ungarischen Komponisten Iván Eröd, die dieser dem großen Milan Turkovic gewidmet hat. Der Titel ‚Sonate‘ sagt auch, dass Eröd trotz seiner Teilnahme an den Darmstädter Musikkursen eher der Tradition seine Reverenz erweist, wobei die sich bei einem Ungarn wohl fast automatisch an Bartók orientiert. Die Musik ist witzig, lebhaft, lotet alle Möglichkeiten aus, die das Fagott nach einer beinahe zweihundertjährigen Entwicklungsphase heute bieten kann. Der elegische langsame Mittelteil führt nahtlos über in einen furiosen Schlusssatz, in dem die beiden Fagottistin und Pianist der Musik nichts schuldig bleiben.

Nach einer 'Improvisation' von Claude Vivier endet die CD mit einem Werk von Moritz Eggert. Wie häufig bei ihm, ist auch hier Musiktheater entstanden, bei dem viele Facetten sowohl der musikalischen Stile als auch insbesondere die des Spiels zweier Musiker mit- und gegeneinander ausgeleuchtet werden. Das ganze ist ein Spaß von beinahe 20 Minuten und gibt seinen Titel 'Ablenkungsmanöver' her für die gesamte CD. Im Beiheft ist zum Glück sehr genau beschrieben, was sich da auf der Bühne zwischen Fagott und Klavier tut. Beim reinen Hören vermittelt sich die Lust am klanglichen Ausloten der instrumentalen Möglichkeiten. Zu hören ist Spielfreude, das klangliche Erkunden instrumentaler Möglichkeiten, aber es ist schade, dass man nicht sehen kann, was so alles passiert. Man hört Weckerklingeln, Flatterzunge, Papierrascheln und immer wieder Einwürfe des Klaviers, als ob jetzt gleich ein Lied von Schubert beginnen würde. Leider fehlt eben der optische Teil, was das Hörvergnügen ein wenig trübt, obwohl so wunderbar gespielt wird.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ablenkungsmanöver: Werke für Fagott und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spektral
1
05.02.2016
Medium:
EAN:

CD
4260130381400


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Eggert, Moritz
Previn, André
Röntgen, Julius
Vivier, Claude


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Spektral

S P E K T R A L :: Label für Musik und Medien :: wurde 2006 gegründet. Kreative Ideen und dynamische Strukturen sind die Basis des jungen Teams für innovative Projekte und Musikveröffentlichungen in den Bereichen CLASSICS, MODERN und HÖRART.

Die Begeisterung, hervorragende Musik in ihrer großen Vielfalt und Bandbreite einem interessierten Publikum zugänglich zu machen, ist das zentrale Anliegen, dem sich SPEKTRAL mit allen Sinnen und Liebe zum Detail verschrieben hat. Die Qualität der Künstler und ihrer Musik sind dabei oberstes Gebot. Damit wurde das Label innerhalb kürzester Zeit zu einer begehrten Adresse bei Musikern aus ganz Europa und Musikhörern in der ganzen Welt. Junge Künstlerpersönlichkeiten präsentieren sich ebenso mit ihren außergewöhnlichen CD-Produktionen wie renommierte Interpreten von internationalem Rang. So entstanden z.B. bereits Alben mit dem Bariton Franz Grundheber, dem Flötisten Jürgen Franz, Wolfgang Seifen (Orgel), dem ensemble cantissimo, dem Deutschen Saxophon Ensemble, oder dem Barockorchester L'Arpa Festante. Die Musik des 20. und des 21. Jahrhunderts bildet einen weiteren Schwerpunkt beispielsweise in der Reihe GRENZENLOS mit Kompositionen interkultureller Musikprojekte.

HÖRART ? das ist die Plattform bei SPEKTRAL für Hörenswertes und Unerhörtes ? wird den Katalog mit spannenden Produktionen erweiteren. Das klassische Hörbuch findet hier ebenso Platz wie Kabarett- oder Kinderhörspielproduktionen.


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