> > > Pärt, Arvo und Byrd, William: The Deer's Cry
Mittwoch, 15. Juli 2020

Pärt, Arvo und Byrd, William - The Deer's Cry

Fruchtbare Begegnung


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es präsentiert sich mit The Sixteen ein wunderbar vielseitiges Ensemble mit unüberschaubar reicher Diskografie, in der auch die aktuelle Platte einen vornehmen Platz einnehmen wird. Byrd und Pärt - das funktioniert.

Nach einigen anderen prominenten Formationen hat auch das englische Vokalensemble The Sixteen den letztjährigen 80. Geburtstag  Arvo Pärts gewürdigt, auf eine durchaus typische Weise: indem es Werke des populären Esten mit Kompositionen der englischen Renaissance konfrontiert, hier der ‚Hausgötter‘ William Byrd und Thomas Tallis.

Vor allem Byrd prägt die Szene, mit etlichen Werken aus den 1575 gedruckten 'Cantiones Sacrae'. Sein kultivierter Satz kennt komplexe Kontrapunktik ebenso wie konzentrierte Gesten, die den 1623 gestorbenen Komponisten gelegentlich erstaunlich modern wirken lassen, in manch melodischer Schönheit etwa oder in leicht fasslichen Akkordfolgen. Aber Byrd ist auch ein begnadeter Konstrukteur: So erweist sich die Motette 'Diliges Dominum', ihres Texts entledigt, als perfekt gesetztes klingendes Palindrom. Der ältere Thomas Tallis überzeugt mit noblen Linien in lichtem Satz, konzentriert und fast schlicht in der Wirkung, gerade in einem englischsprachigen Beitrag, der ein Schlaglicht auf typische Merkmale in Tallis‘ Schaffen wirft, einschließlich herrlich scharfer Dissonanzen.

Mit Blick auf die drei Pärt-Sätze – es sind im einzelnen 'The Deer’s Cry', dazu das bekannte 'The Woman with the Alabaster Box' und das feine 'Nunc dimittis' – erstaunt ein Aspekt auch in diesem programmatischen Kontext: wie selbstverständlich sich Pärts oft als schlicht verkannter oder als anspruchslos diffamierter Stil, wie sich sein Idiom auch in direkter Konfrontation mit hochkomplexen, gelegentlich verdichteten Sätzen mühelos behaupten kann – und eben gerade nicht als Möglichkeit, in diesem Meer der Kontrapunktik hörend Atem zu schöpfen, sondern mit deutlichem Eigengewicht, mit attraktiver Substanz, mit eigenständiger ästhetischer Position. Und es ist gleichfalls frappierend, wie sehr Pärt auch mit diesem nicht einmal 20 Minuten währenden Anteil das gewichtige Zentrum eines fast 70-minütigen Programms sein kann.

Vielseitige Stilisten

Harry Christophers hat für diese Einspielung etliche seiner bewährten Vokalisten zusammengeführt, etwa Sally Dunkley, Julie Cooper, Ian Aitkenhaed, Jeremy Budd, Mark Dobell, Steven Harrold, Ben Davies, Eamonn Dougan oder Robert Macdonald, sämtlich mit feinstem Potenzial. Harrold und Macdonald haben sich in der Vergangenheit auch solistisch oder als Teil des Hilliard Ensembles als berufene Pärt-Deuter hervorgetan.

Und Harry Christophers hat sie mit weiteren Vokalisten zu prächtigen, klar konturierten Registern versammelt, zu einem Ensemble, das seine üppigen Mittel perfekt kontrolliert und immer wieder kultiviert-kraftvoll entfaltet. Vor allem Pärt wird in seiner ganzen dynamischen Differenziertheit gedeutet, aber auch bei Byrd zeigt sich die Formation klangfreudig wie eh und je. Die Soprane wirken erfreulich gerundet, auch in dynamisch avanciertem Vortrag – ohne jene Schärfen, die bei The Sixteen gelegentlich zu hören waren.

Intoniert wird herausragend, es ist ein Fest natürlicher Perfektion zu erleben, ausgehört auf ganz selbstverständliche Weise, die dem Hörer das sehr zufriedenstellende Gefühl beschert, dass es gar nicht anders als so wunderbar sein könne. Artikulatorisch sind bei Byrd natürlich architektonische Größe und weit ausgreifende Linien zu hören. Und bei Pärt überzeugen die Vokalisten in der Kunst, große Bögen – gelegentlich nur gedachte, nicht wirklich im Kontext erklingende – zu spannen und mit klar konturierten kleineren Partikeln auszubalancieren und zu versöhnen. Das Klangbild ist klar und konturscharf, geprägt von hervorragend kontrollierter Größe und zugleich mit den sinnlichen Qualitäten versehen, um Pärt angemessen darzustellen.

Es präsentiert sich ein wunderbar vielseitiges Ensemble mit unüberschaubar reicher Diskografie, in der auch die aktuelle Platte einen vornehmen Platz einnehmen wird. Byrd und Pärt – das funktioniert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pärt, Arvo und Byrd, William: The Deer's Cry

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coro
1
05.02.2016
Medium:
EAN:

CD
828021614026


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Byrd, William
Pärt, Arvo


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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