> > > Evgeny Mravinsky Edition Vol.1: Werke von Tschaikowsky, Haydn, Mozart, u.a.
Freitag, 28. April 2017

Evgeny Mravinsky Edition Vol.1 - Werke von Tschaikowsky, Haydn, Mozart, u.a.

Schwankende Qualität


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Box mit Aufnahmen, die Jewgenij Mrawinskij zwischen 1946 und 1962 gemacht hat. Grundsätzlich ein großartiger Dirigent, allerdings sind dies nicht durchweg seine besten Aufnahmen.

Mehrere Labels haben in den letzten Jahren den russischen Dirigenten Jewgenij Mrawinskij mit großen Editionen geehrt, nun erscheinen auch bei Profil Edition Günter Hänssler sechs CDs. Darauf steht der Vermerk Folge 1; man darf sich also wohl auf noch mehr Mrawinskij freuen.

Nun ist zwar Mrawinskij, der über 40 Jahre Chef der Leningrader Philharmoniker war, ohne Zweifel einer der spannendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts gewesen und seine Aufnahmen sind in vielen Aspekten schwer zu übertreffen, allerdings muss man eingestehen, dass ihre Qualität sehr stark schwankt. Teilweise ist das von ihm nicht verschuldet, wenn es nämlich um die klangtechnische Seite geht. Die Aufnahmen der neu erschienenen Box entstanden zwischen 1946 und 1962 und enthalten einige Beispiele dafür, die beim Anhören nur wenig Freude machen.

Das betrifft insbesondere einige Konzertmitschnitte, etwa die Debussy- und Ravel-Aufnahmen von 1960 und 1962, die komplette fünfte CD der Box klingt also phänomenal schlecht. Da ist außerdem der Mitschnitt eines Konzerts vom 16. Oktober 1961, bei dem auch Mozarts Symphonie Es-Dur KV 543 gespielt wurde. Klanglich ist das ein Desaster, das Publikum leistet seinen Beitrag durch ein unwahrscheinliches Gehuste. Auf der musikalischen Seite fallen die (mit Ausnahme des ziemlich gemessenen 'Andante'-Satzes) sehr flotten und absolut konstanten, ja starren Tempi auf, attraktiv ist lediglich das Menuett. In diesem Fall treffen sich also schlechte Aufnahmequalität und mäßige musikalische Umsetzung.

Objektiv genauso furchtbar klingt Schostakowitschs Zwölfte Symphonie, die im selben Konzert aufgeführt wurde. Sie wirkt dennoch nicht so schlimm, vielleicht ist man bei Schostakowitsch einen solchen Klang von anderen alten Aufnahmen eher gewohnt. Es gibt schließlich einige großartige Interpretationen aus dieser Zeit, während man sich Mozart in der Regel doch eher in aktuelleren Einspielungen anhört. Auch diese Interpretation setzt zweifellos Maßstäbe: Sie ist so aufregend, wie man sich das bei Mrawinskij vorstellt, außerdem wurde sie zwei Wochen nach der von Mrawinskij dirigierten Uraufführung aufgenommen und ist schon deswegen ein bedeutendes Dokument.

Von Schostakowitsch, für Mrawinskij sicher einer der wichtigsten Komponisten, ist auch die Sechste Symphonie enthalten. Die Aufnahme stammt von 1946 und klingt daher ebenfalls ziemlich furchtbar. Die Symphonie war damals immerhin auch erst sieben Jahre alt, der Komponist war gerade 40, man muss sich das vor Augen halten. Mrawinskijs Interpretation wirkt allerdings ungewohnt verhalten, zumal im ersten Satz, und letztlich gibt es viele empfehlenswertere Aufnahmen.

Von technisch sehr mäßiger Qualität ist leider auch ein Konzertmitschnitt von 1951, bei dem Mrawinskij zusammen mit Swjatoslaw Richter das Zweite Klavierkonzert von Brahms spielte, doch der Klang ist noch erträglich. Der Ansatz ist – wie zu erwarten – zupackend und kraftvoll, wenn auch technisch mit einigen Fehlern behaftet. Aufnahmen von Solokonzerten mit Mrawinskij gibt es eher selten. Angeblich hat er mit bekannten Solisten nicht allzu gerne zusammen gearbeitet, vielleicht verstand er sich nicht gut mit ihnen. Dennoch ist auch das Erste Klavierkonzert von Tschaikowskij enthalten, ebenfalls mit Swjatoslaw Richter. Diese Einspielung lässt sich mit dem Brahms-Mitschnitt überhaupt nicht vergleichen. Sie entstand einige Jahre später, 1959, vor allem aber im Studio und klingt ganz ordentlich. Außerdem ist sie aber, und das lässt sich von der offenbar mit heißer Nadel gestrickten Brahms-Aufnahme nicht behaupten, wirklich sorgfältig gestaltet sowohl von Richter als auch vom Orchester, bis hin zu den Bläsersoli im zweiten Satz. Auch nach fast 60 Jahren ist dies daher eine sehr beeindruckende Aufnahme.

Tschaikowskij ist sicher neben Schostakowitsch der Komponist, für den Mrawinskij besonders berühmt war, und so sind in der Box auch die Symphonien vier bis sechs enthalten. Von denen hat Mrawinskij, wie übrigens auch von den Schostakowitsch-Werken, gleich mehrere Aufnahmen hinterlassen, die sich teilweise deutlich unterscheiden. Die Aufnahmen dieser Box haben einen großen Vorteil: Sie klingen sehr gut. Entstanden sind sie im November 1960, und zwar dürften dies, obwohl das Beiheft darüber leider keine Auskunft gibt, Studio-Einspielungen sein, die bei einer Auslandsreise des Leningrader Orchesters in London entstanden. Zu hören ist scharfes Blech und ein insgesamt ungeheuer wuchtiger Orchesterklang, immer wieder aber auch überraschend ruhige Passagen. Die Interpretationen sind so mitreißend, dass sie fast allen konkurrierenden Aufnahmen überlegen sind – außer den anderen Einspielungen Mrawinskijs, die teilweise noch weitaus packender geraten sind, dafür freilich meistens nicht so gut klingen.

Immer wieder macht Mrawinskij übrigens auch dort eine gute Figur, wo man es nicht unbedingt erwartet hätte, so gibt es etwa einige sehr lohnende Beethoven-Aufnahmen. In dieser Box ist die größte Überraschung ausgerechnet eine Symphonie von Haydn, nämlich die der Nr. 101 mit dem Beinamen ‚Die Uhr‘. Es hat im Grunde wenig Sinn, diese Interpretation mit anderen zu vergleichen. Sie entstand 1952, und von Transparenz kann keine Rede sein, meistens hört man fast nur die Streicher, während die Bläser kaum eine Rolle spielen. Spannend ist dieser Haydn aber doch. Das Wort ‚energisch‘ reicht zur Beschreibung gar nicht aus, dies ist ein geradezu aggressiver Haydn, und insofern könnte man vielleicht sogar doch eine Parallele zu aktuellen, historisch informierten Ensembles ziehen, die ja häufig genug auch einigermaßen rabiat zu Werke gehen. Langweilig jedenfalls ist diese Aufnahme, ganz im Gegensatz zu den relativ wenigen anderen Haydn-Einspielungen dieser Zeit, gewiss nicht. Mrawinskij hat hier einen eigenen Weg gefunden, Haydns Musik aufregend und frisch zu gestalten, der übrigens auch viel besser funktioniert als bei der oben erwähnten Mozart-Aufnahme.

Die Geschichte der Tonaufnahme muss übrigens offenbar umgeschrieben werden, denn die Platten sind mit dem Kürzel DDD gekennzeichnet, als Digitalaufnahmen also, die folglich zwischen 1946 und 1962 schon verfügbar gewesen sein muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Evgeny Mravinsky Edition Vol.1: Werke von Tschaikowsky, Haydn, Mozart, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
6
08.01.2016
EAN:

881488150001


Cover vergössern

Brahms, Johannes
Debussy, Claude
Haydn, Johann Michael
Mozart, Wolfgang Amadeus
Ravel, Maurice
Tschaikowsky, Peter


Cover vergössern

Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Profil - Edition Günter Hänssler:

  • Zur Kritik... Schüler und Lehrer: Das Trio Margaux musiziert Chopins Klaviertrio auf historischem Instrumentarium und verleiht dem Werk unzählige Farben und Schattierungen. Das tut auch dem Trio von Joseph Elsner gut. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Durchbrechung der Schallmauer: Jeder, der bis jetzt noch nicht in den Genuss der Beethoven-Deutung von Sviatoslav Richter gekommen ist, sollte bei dieser neu erschienenen 12-CD-Box zugreifen. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Virtuosität und beeindruckende Routine: Grandios gespielt präsentiert die Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Bernard Haitink in einem Live-Mitschnitt von 2002 Werke von Weber, Beethoven und Brahms. Als Solist in Beethovens Violinkonzert brilliert Frank Peter Zimmermann. Weiter...
    (Miriam Thaler, )
blättern

Alle Kritiken von Profil - Edition Günter Hänssler...

Weitere CD-Besprechungen von Jan Kampmeier:

  • Zur Kritik... Klaviertrios um 1900: Das Hyperion Trio spielt Klaviertrios von Rubin Goldmark und Felix Woyrsch sowie zusammen mit der Sängerin Carolina Ullrich dessen Lieder op. 2. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Mit Starbesetzung: Gidon Kremer, Daniil Trifonov und Giedre Dirvanauskaite spielen die beiden Klaviertrios von Sergej Rachmaninow in einer ungewöhnlichen, weitgehend überzeugenden Interpretation. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Mozart historisch inkorrekt: Arthur Schoonderwoerd interpretiert mit seinem Ensemble Cristofori drei Klavierkonzerte Mozarts auf historischen Instrumenten als Folge 6 eines geplanten Gesamtzyklus. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Jan Kampmeier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Game of Scores: Stefan Fraas und die Vogtland Philharmonie bleiben ihrer Spezialität treu und legen ihre dritte SACD voller populärster Film- und Serien-Erkennungsmelodien von Bonanza bis zum Drachenzähmen vor. Wirklich abwechslungsreich? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Gänsehaut-Spätromantik aus Schweden: Können nur heimische Orchester die Musik ihrer Landsleute optimal zum Klingen und Leuchten bringen? Die Aufnahme der Fünften Sinfonie von Kurt Atterberg mit dem Nationalen Schwedischen Sinfonieorchester legt dies nahe. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
  • Zur Kritik... Der Klang der Reformation: Die vorliegende Aufnahme liefert einen umfassenden Querschnitt durch die Musik der Reformation. Bemerkenswert ist sowohl die differenzierte Klangsprache der einzelnen Werke als auch die Ausdrucksvielfalt der Stimmen und Instrumente. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (1/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Draeseke: Quintett für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli op. 77 - Langsam und getragen

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich