> > > Brahms, Johannes: Sämtliche Klavierwerke, Vol.3
Freitag, 16. November 2018

Brahms, Johannes - Sämtliche Klavierwerke, Vol.3

Weder elegant noch elegisch


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jonathan Plowright hat hierzulande noch nicht für die Aufmerksamkeit gesorgt, die seinen Aufnahmen in der britischen Heimat regelmäßig zukommt. Große Erwartungen erfüllt diese (dritte) Brahms-Folge allerdings nicht.

Aufnahmen ‚romantischer‘ polnischer Klavierkonzerte (in der Hyperion Reihe ‚The Romantic Piano Concerto‘) zeigen Plowright bislang als einen technisch versierten, emotionale Ausbrüche wie vor allem auch chopineskes Passagenwerk elegant bewältigenden Virtuosen mit Sinn für spätromantische Idiome. Auch dass er nun ‚den ganzen‘ Brahms für das schwedische Label BIS aufnimmt, überrascht nicht (es existiert auch eine frühe Aufnahme von 2003, u.a. der in dieser Folge 3 enthaltenen Stücke op. 76, für das Label Kingdom); ‚Plowright und Brahms‘ als ein ‚britisch-deutsches Dreamteam‘ (Zitat Radio Bremen im Booklet) scheint zumindest in den ersten beiden Ausgaben aufgegangen zu sein, insbesondere bei der am ehesten auf pianistische Fulminanz und Eleganz ausgerichteten zweiten Sonate, deren Koppelung mit den eingängigen Intermezzi op. 117 der Zusammenstellung der beiden herauragenden Klavierwerke - Sonate Nr. 3 und Händel-Variationen - in der ersten Folge kaum nachstand. In der Repertoireverteilung kündigt sich damit eigentlich schon ab Folge 3 das Problem weniger populärer ‚Zugpferde‘ an: Hier sind es neben den mittleren ‚Charakterstücken‘ op. 76, die großen klanglichen Einfallsreichtum und rhythmische Einfühlung erfordern, die recht sperrigen späten Stücke op. 118 nebst der oft bagatellisierten Walzerfolge op. 39. Eingangs zudem die wenig beliebten Variationen über ein ungarisches Lied op. 21 Nr. 2, die Plowright allerdings keineswegs folkloristisch-idiomatisch oder gar als virtuose Eröffnung exponiert; stattdessen spürt er fast zurückhaltend motivischen und rhythmischen Verästelungen nach, hebt hier fast nachdenklich eine Nebenstimme hervor und dort ein vorsichtiges und unerwartetes Rubato, das offenbar die Möglichkeit von Melancholie andeuten will, ohne sich rührselig in sie ergeben zu wollen.

Diese Haltung setzt sich leider fort. Das Capriccio h-Moll op. 76 Nr. 2 wird geradezu zum Präzedenzfall: Von Beginn an stören kleine Unsauberkeiten in der rhythmischen, technischen Koordination (eklatanter sogar noch im folgenden As-Dur-Intermezzo). Es stellen sich auch keine eigentlich fast selbstverständlichen klanglichen Belichtungen durch die vielen Variantenbildungen mit Lagenwechseln ein - man höre nur mal vergleichend Arthur Rubinstein mit diesem seinem Brahms-Paradestück oder Evgeny Kissins spitzfindig-verzweifelte Zelebrierung der reibenden Final-Klimax, oder auch nur Julius Katchens klassischen, auch nicht ganz sauberen, aber beherzten Zugriff. Dass in Plowrights bleicher Version stattdessen wieder Mittelstimmen als (vermeintliche) Entdeckung vorgeführt werden, macht die Sache nicht spannender, so gänzlich fehlt der aus vielen gehörten Versionen erinnerte erzählerische Duktus.

Das scheinbar Durchdachte der von Jonathan Plowright präsentierten Stimmführungen kann eine tatsächliche Durchdringung der Dramaturgien jedes einzelnen Stückes nicht ersetzen. Beim dritten Durchhören habe ich es endgültig aufgegeben, noch einen Reiz in dieser CD zu finden, ebenso schwer enttäuscht von den Walzern, deren geradezu einkomponierter, idiomatisch ‚elegischer‘ Ton durch eine fast sture Gleichmäßigkeit der Tonfolgen statt klarer Schwerpunktsetzung zu Taktbeginn manchmal geradezu konterkariert erscheint. Man höre nur, wie neutral auf einmal die eigentlich wunderschöne Nr. 14 (in schmerzlichstem gis-Moll) dargeboten wird. Die in anderen Klavieraufnahmen (etwa von Sudbin) so präsente, feinzeichnende Aufnahmetechnik von BIS klingt zudem etwas fahler, eindimensionaler, ja mitunter kaum trennscharf und rumpelig - tatsächlich ist aber auch das letztlich Plowrights ziemlich eindimensionalem Spiel zuzuschreiben, denn eigentlich hat der Klavierklang dieser SACD doch irgendwo hinreichend Tiefe und Spektrum. Nicht alles, nein, kaum etwas wirkt hier weit genug durchdacht. Da hilft auch der intelligente, paradoxerweise auf die sich in den Stücken ankündigende Klangwelt Claude Debussys hinweisende Booklettext von Bryce Morrison nicht weit.

(P.S.: Ich habe mir kompensativ die Folge mit der fis-Moll-Sonate besorgt und kann von daher die Kollegen von Radio Bremen ansatzweise doch verstehen.)


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sämtliche Klavierwerke, Vol.3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
13.01.2016
EAN:

7318599921273


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Brahms, Johannes


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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