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Samstag, 6. März 2021

Tanejew & Glasunow - Streichquintette

Verve ohne Überdruck


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Gringolts Quartett unterstreicht mit Unterstützung des Cellisten Christian Poltéra den expressiven Reichtum der Streichquintette von Tanejew und Glasunow.

Ilja Gringolts ist mit dem Schaffen und den Besonderheiten des russischen Komponisten Sergej Tanejew vertraut. Schließlich wirkte der russische Geiger an der seinerzeit hochgelobten Einspielung des Klavierquintetts op. 30 an der zweiten Violine neben Vadim Repin, Nobuko Imai, Lyn Harrell und Mikhail Pletnev (Deutsche Grammophon, 2005) mit und 2009 legte er bei Hyperion als Kopplung mit Arenskys Violinkonzert a-Moll die für Solovioline und Orchester angelegte 'Suite de concert' op. 28 von Tanejew vor. Nun nähert sich Gringolts ein weiteres Mal dem Schaffen Tanejews (1856–1915), aber in wiederum anderer Funktion; diesmal tritt er als Primarius des nach ihm benannten Gringolts Quartetts in Erscheinung, das er 2008 ins Leben gerufen hat.

Kunstfertigkeit und Geselligkeit

Die beim schwedischen Label BIS erschienene Aufnahme vereint zwei großartige russische Streichquintette, bei denen das Gringolts Quartett um den schweizerischen Cellisten Christian Poltéra verstärkt wird. Das 1900/01 entstandene Quintett G-Dur op. 14 ist das erste von zwei Streichquintetten im Schaffen von Tanejew (das zweite Quintett C-Dur op. 16 sieht eine Verdopplung der Bratschen vor), während das 1892 vollendete Streichquintett A-Dur in Alexander Glasunows Œuvre einzeln dasteht. Während Glasunows Beitrag in Faktur und Tonfall gesellige (und mit reichlich Wodka verflüssigte) Kammermusikabende des russischen Musikmäzens Mitrofan Beljajew reflektiert, zeugt das dreisätzige Quintett Tanejews von polyphoner Kunstfertigkeit. Der ausladende und an Länge die ersten beiden Sätze übertreffende Variationensatz als Finale (eine Schlussgestaltung, die Glasunow später in seinem Streichquartett Nr. 6 aufgegriffen hat) zeigt zudem Tanejews Meisterschaft, ein Thema nicht nur klanglich, sondern auch charakterlich umzuformen, zu verkleiden, zu entwickeln – gipfelnd in einer äußerst dichten Tripelfuge.

Leidenschaft statt knöcherner Gelehrsamkeit

Das Gringolts Quartett mit Unterstützung von Christian Poltéra tappt nicht in die Falle, die ausgeklügelte Kombinatorik im kunstvollen Satz des ‚russischen Brahms‘ schulmeisterlich herauszustellen, sondern kehrt schattierungsreiche Dimensionen des Ausdrucks und die Leidenschaftlichkeit der musikalischen Erfindung hervor. Tanejew ist (vor allem hier!) kein knöcherner Setzmeister, das machen die Musiker in höchst anregender Weise deutlich. Nun hat dies in jüngster Zeit erst eine andere Aufnahme deutlich gemacht – jene bei MDG erschienene mit dem Utrecht String Quartet –, doch diese Einspielung des in Zürich beheimateten Quartetts kann mühelos neben letzterer bestehen, ja als attraktive Ergänzung dazu fungieren.

Die Musiker um Ilja Gringolts verwandeln Tanejews kunstvollen Satz in wellenartige Spannungsverläufe und beleben mit süffigen, dynamisch fein gezeichneten, nie übertriebenen Phrasierungen das intrikate Satzgeflecht, so dass es eine vitale, atmende, geradezu pulsierende Qualität bekommt. Ein solcher Zugang, der Einzelstimmen stärker profiliert als einen unbedingt homogenen, verschmelzenden Ensembleklang zu verfolgen (wie zuletzt das Leipziger Streichquartett in seiner mediokren Aufnahme des Klavierquintetts), bringt die Qualitäten von Tanejews Musik in unmittelbar greifbarer Weise zum Vorschein. Denn wie der lesenswerte Beihefttext ausführt, verstand des Tanejew meisterlich, den musikalischen Verlauf dramaturgisch zu beleben; hier waltet nirgends Schematismus, alle Motivabwandlungen haben Richtung und Ziel. Das Gringolts Quartett zeichnet dies schlüssig, anschaulich und mit bezwingendem Schwung nach. So entfaltet Tanejews Musik pulsierende Energie und rhythmische Zugkraft, gerade auch in der Grundierung der tiefen Stimmen, die den ‚gärenden‘ Urgrund liefern, über dem sich das melodische Geschehen sehr geschmackvoll mit agogischer Biegsamkeit entfaltet.

Lyrische Unbeschwertheit und klanglicher Feinsinn

Die Musiker agieren bei aller Impulsivität des Vortrags auch in klangfarblicher Hinsicht feinfühlig. So wirken die eigenwilligen Klangfärbungen des 'Vivace con fuoco' bei Tanejew ebenso plastisch wie das Pizzicato-Scherzo in Glasunows Quintett A-Dur op. 39. Das Gringolts Quartett trifft auch in Glasunows heiterem, eingängigerem Quintett den richtigen Ton und schafft es, dass dort, wo der Komponist oft mehr oder weniger wiederholt (statt umzuformen wie Tanejew), trotzdem kein Leerlauf entsteht; vielmehr stellt sich der Eindruck lyrischer Unbeschwertheit und rhythmischer Energie ein. Letzteres gilt vor allem auch für das volksmusikalisch getönte Finale 'Allegro moderato', dessen Glasunow-typische rhythmisch-metrische Spielereien unwiderstehliche Zugkaft besitzen. Das ist vielleicht die höchste Qualität dieser Einspielung: dass die Musiker es schaffen, der Musik mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Leidenschaftlichkeit und Impulsivität zu begegnen, ohne sie expressiv zu überfrachten. Hier wird mit Verve musiziert, nicht mit Überdruck.

Übrigens ist das musikalische Geschehen klanglich exzellent eingefangen, mit der nötigen Räumlichkeit der Klangentfaltung einzelner Stimmen, dabei jedoch detailscharf und angenehm dicht. Dies sowie der sehr gute Beihefttext sind weitere Gründe dafür, hier von einer außergewöhnlich glücklichen Produktion zu sprechen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tanejew & Glasunow: Streichquintette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
13.01.2016
Medium:
EAN:

SACD
7318599921778


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Glasunow, Alexander
Tanejew, Sergej


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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