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Dienstag, 17. September 2019

Dvorak, Antonin - Stabat Mater

Entrückte Klage


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mariss Jansons Einspielung von Dvořáks 'Stabat mater' gestaltet sich als Hörerlebnis der Sonderklasse.

Wer zum ersten Mal dem Beginn des 'Stabat mater' von Antonin Dvořák lauscht, dem mögen diese einleitenden Takte erscheinen wie einer der merkwürdigsten und zugleich eindrücklichsten Werkanfänge überhaupt. Ein einziges fis erfüllt den Raum, tastet die verschiedenen Oktavlagen ab, gibt sich je nach Kombination der Orchesterinstrumente mal in heller, mal in matter Schattierung. Der Zuhörer ist noch nicht sicher, was da überhaupt geschieht: Hat das Stück schon begonnen? Suchen die Musiker noch nach dem Gesamtklang? Ganz allmählich erst beginnt das Ohr die Regelhaftigkeit dieses in sich modulierenden fis-Klanges wahrzunehmen, beginnt den Prozess der Transformation vom einzelnen Ton, vom Vor-Artifiziellen, Undefinierten zur kalkulierten, strukturierten Kunstmusik nachzuvollziehen: Aus der ungeformten Klangfläche entwickelt sich jene melodische Linie, der später bei Hinzutreten des Chores der zentrale Textteil 'Stabat mater dolorosa' unterlegt werden soll: Die Musik hat erst jetzt konkrete Gestalt angenommen.

In der unlängst beim Label BR-Klassik erschienenen Einspielung des Chores und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung des Dirigenten Mariss Jansons (in Kooperation mit den Solisten Erin Wall, Mihoko Fujimura, Christian Elsner und Liang Li) wird diese Verwandlung vom Formlosen zum Gestalthaften zum Ereignis. Es bleibt jedoch nicht bei einem initialen Schlüsselerlebnis: Jansons' Interpretation präsentiert das monumentale geistliche Werk in einer Weise, die zum Zuhören regelrecht verpflichtet.

Schon die lange erste Nummer wird trotz ihrer enormen zeitlichen Ausdehnung als geschlossene musikalische Einheit dargeboten. Während der ausgedehnten Orchestereinleitung halten sich weiche, sanfte Tongebung und großartige Steigerungen, die machtvoll, aber nie aggressiv wirken, die Waage. Der erste Choreinsatz in den Männerstimmen scheint ebenso allmählich aus den Klangmassen aufzusteigen wie zu Beginn die Melodie aus dem Einzelton; dem ganzen Chor ist zu jeder Zeit eine Mischung aus präziser Formung und dennoch klanglicher Üppigkeit eigen, die die Atmosphäre dieses von Schmerz und Wunden erzählenden Eingangsstücks ins Herz trifft. Gerade in Passagen, in denen Chor und Orchester miteinander in Dialog treten, wird dank der absolut homogenen Klanglichkeit des Chores deutlich, dass die Stimmen auch instrumental eingesetzt werden können, dass die Sänger sich solcherart je nach den Erfordernissen des Satzes mal vom Orchester absetzen, mal bruchlos in diesem aufgehen können. Jansons gelingt es, den Charakter des Vorgeformten, Vor-Artifiziellen in der ganzen ersten Nummer latent zu erhalten: Die Musik scheint zeitweise entrückt, wie aus höheren Sphären herabsteigend und sich hienieden erst bildend. Der unvorhergesehene Einsatz des Tenor-Solisten Christian Elsner durchfährt jäh das Klagelied von Chor und Orchester, ohne dabei an Wärme und Weichheit der Stimme einzubüßen. Die nachfolgende Quartett-Passage schließlich besticht durch reflektierte Ausgewogenheit zwischen den vier Solisten und freie, aber plausibel geformte Phrasen.

Auch im zweiten Satz des 'Stabat mater', dem als Solisten-Quartett konzipierten 'Quis est homo', fällt einerseits die Anpassungsfähigkeit der Sänger an den Gesamtklang, die Wandelbarkeit der Stimmen, andererseits die trotz allem immer gewahrte individuelle Prägung einer jeden Stimme auf. In der Arie 'Fac, ut ardeat cor meum' beeindruckt der Bassist Liang Li durch den Wechsel zwischen dramatisch deklamierenden Passagen und lyrisch bewegten Kantilenen. Auf die warme und weiche Tongebung des Tenors Christian Elsner sei wiederholt hingewiesen, und die Arie 'Fac me vere tecum flere' lässt dank dieses besonderen Timbres erst den verhaltenen Trost des "Lass mit dir mich herzlich weinen" aufleuchten. Einen reizvollen Kontrast zur Tenorstimme bildet im Duett 'Fac, ut portem Christi mortem' die helle und leichte Stimme der Sopranistin Erin Wall, die gleichwohl das ihrige beiträgt zur ekstatisch-drängenden Steigerung gegen Ende des Stücks. Dramatisch akzentuierend präsentiert sich die Altistin Mihoko Fujimura in der Arie 'Inflammatus et accensus'. Auch hier frappiert die Variabilität der Stimme, die zu energischem Zugriff ebenso fähig ist wie zu betörender Lyrik.

In den reinen Chornummern hält Jansons durchweg die Balance zwischen freier agogischer Gestaltung, die die schwerblütige Musik flexibel und beweglich hält, und fester, plastischer Struktur. Sowohl Chor als auch Orchester bestechen zu jeder Zeit durch präzise Artikulation und überlegte Phrasierung. Wo im Chor der Text immer verständlich und der Gesamtklang einheitlich ist, ohne dass dadurch Kontraste zwischen den Stimmen preisgegeben würden, wird im Orchester jede Linie klar geformt und in ein hierarchisches Verhältnis zum Rest des Satzes gebracht. Jansons verbindet Transparenz und Plastizität mit Klangsinnlichkeit in einer Weise, die trotz aller musikalischen Einfühlung noch Distanz zur tönenden Klage schafft. Die Chornummer 'Tui nati vulnerati' nimmt Jansons rasch, ohne über entscheidende harmonische Ereignisse hinwegzueilen, solcherart einen unaufhörlichen Fluss produzierend, der das dichte Geschehen auf einer höheren Ebene zusammenfasst. Zum besonderen interpretatorischen Höhepunkt wird das 'Virgo virginum praeclara', in dem die A-Cappella-Passagen des Chores wie von anderem Planeten herabzusteigen scheinen. Dramatische Ekstase beherrscht das 'Amen' der Schlussnummer, in der die Interaktion zwischen Solisten, Chor und Orchester die Musik bis zum Gipfel des vom Ohr noch Unterscheidbaren treibt – um schließlich ausklingend im Nichts zu verebben.

Jansons' Einspielung des 'Stabat mater' lässt auf keiner Ebene Wünsche offen. Die durch und durch hochkarätige Besetzung hält in allen Punkten, was sie verspricht. Wärmstens sei die Aufnahme jedem ans Herz gelegt, der auf der Suche nach einer repräsentativen Interpretation von Dvořáks eindrücklicher Komposition ist.


Elisa Ringendahl Kurzkritik von Elisa Ringendahl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorak, Antonin: Stabat Mater

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
08.01.2016
077:55
2015
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4035719001426
900142


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Dvorák, Antonín


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"Dvořáks eindringliches „Stabat mater“ für Solostimmen, Chor und Orchester ist nicht nur das bekannteste kirchenmusikalische Werk des böhmischen Komponisten – es ist auch eine der eindrucksvollsten Vertonungen der mittelalterlichen Dichtung überhaupt, in der Maria, die Mutter Jesu, dem Schmerz um ihren gekreuzigten Sohn plastisch Ausdruck verleiht. Ein Grund dafür mögen die schweren Schicksalsschläge gewesen sein, die die Entstehung des Werks begleiteten: 1876, wenige Monate nachdem seine neugeborene Tochter Josefa plötzlich verstorben war, hatte Dvořák mit den Entwürfen begonnen. Als dann im August 1877 innerhalb weniger Tage seine Tochter Ružena im Säuglingsalter an einer Vergiftung und sein dreijähriger Sohn Otakar an den Pocken starben und ihre Eltern kinderlos zurückließen, nahm er die Komposition wieder auf; er instrumentierte die Partitur und vollendete sie am 13. November 1877. Als das „Stabat mater“ am 23. Dezember 1880 in Prag erstmals aufgeführt wurde, erlebte es einen überwältigenden Erfolg, der wesentlich zur dauerhaften Festigung der Beliebtheit von Dvořáks Musik beitrug. Bereits die bloßen Dimensionen der umfangreichen Komposition beeindrucken; die durchdachte Konzeption, eine symphonische Ausarbeitung und der durchgehende Ausdruck tief empfundener Innerlichkeit verleihen dieser Musik eine besondere Würde. – Doch selbst das eindrucksvollste Musikstück braucht eine kongeniale Interpretation, um zum Leben erweckt und zu einem wirklichen „Erlebnis“ zu werden. Am 26. März 2015 ist genau dies geschehen: bei dem Konzert im Herkulessaal der Münchner Residenz, das nun im live-Mitschnitt bei BR Klassik vorgelegt wird, waren nicht nur die vier renommierten Solisten bestens disponiert. Der Chor des Bayerischen Rundfunks stellte einmal mehr jenen „glasklaren Klang“ und die „ungeheure Plastizität“ unter Beweis, für die er immer wieder in höchsten Tönen gelobt wird. Und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks musizierte Dvořáks ergreifende Musik unter der Gesamtleitung von Mariss Jansons authentisch und ganz im Sinne des Komponisten: sensibel empfunden und doch mit aller mitschwingenden Klangpracht. Der live-Mitschnitt von Dvořáks „Stabat mater“ wird von BR Klassik auf einer bestens ausgestatteten CD neu veröffentlicht. Erin Wall, Sopran Mihoko Fujimara, Mezzo-Sopran Christian Elsner, Tenor Lian Li, Bass Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Leitung: Mariss Jansons "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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