> > > Reinecke, Carl: Die wilden Schwäne
Dienstag, 30. November 2021

Reinecke, Carl - Die wilden Schwäne

Wilde Schwäne in Detmold


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach Reineckes 'Dornröschen' folgen nun 'Die wilden Schwäne', die hoffentlich von Detmold aus erfolgreich weiterziehen können.

In Detmold werden in den letzten Jahren mit viel Liebe und Sinn für Raritäten die dramatischen Werke des zu Unrecht vergessenen Komponisten Carl Reinecke wiederentdeckt. Maßgeblich treibende Kraft ist hier der Sänger und Professor Markus Köhler. Im Jahr 2011 durfte Reineckes 'Dornröschen' aus seinem langen Schlaf erweckt werden und im Februar 2014 gab es eine Aufführung der Dichtung 'Die wilden Schwäne' von 1881 nach Hans Christian Andersens Märchen, die wiederum beim Label cpo auf CD erschienen ist.

Wie auch bei 'Dornröschen' gehören die 'Wilden Schwäne' am ehesten in die Kategorie anspruchsvolle Hausmusik, was in keiner Weise despektierlich gemeint ist. Diese Mini-Opern für wenige Solisten, einen kleinen Chor und in der Regel Klavierbegleitung haben ihren Ursprung genau dort: im heimischen Salon, wo im 19. Jahrhundert bemerkenswert versierte Laienmusiker mit wenig szenischem Aufwand eine kleine Opernaufführung realisieren konnten, die vor allen Dingen akustisch reizvoll ist. Dieses Erlebnis zwischen Lied, Kammeroper und Melodram ist vielleicht mit dem heutigen Genuss einer Operneinspielung auf Tonträger vergleichbar. Man holt sich eine Oper ins Haus und lauscht gebannt der märchenhaften Geschichte, die mit musikalischen Mitteln erzählt wird. Umso sinnvoller erscheint es, diese liebevollen Haus-Opern-Schätze Reineckes auf CD zu bannen und sie einer breiten Hörerschaft wieder zugänglich zumachen.

Tatsächlich springt der Funke beim Lauschen der 'Wilden Schwäne' auch sofort über. Das Konzept, ein Märchen mit einem Sprecher zu erzählen und den handelnden Figuren in liedhaften Gesangsnummern eine authentische Stimme zu verleihen, geht restlos auf. Auch der zeitliche Rahmen einer knappen Stunde Spieldauer erweist sich als ideal, um nicht an Prägnanz und Direktheit zu verlieren.

Großen Anteil am Zauber der vorliegenden Einspielung haben neben Carl Reineckes romantischer Musiksprache der Pianist Peter Kreuz und der ätherische Damenchor, der sich Schwanen-Ensemble nennt. Unter der Leitung von Hagen Enke meistert das Vokalensemble die teils volksliedhaft schlichten bis harmonisch anspruchsvolleren Chorpassagen mit bemerkenswerter Souveränität. Es sind aber vor allem die Klangfarben und Schattierungen, die in ihren Bann ziehen. So schlüpfen die Choristinnen in die verschiedensten Charaktere von klagenden Schwänen, über Engel, Glühwürmchen, quirlige Mäuse bis hin zu den geisterhaften Lamien.

Am Klavier ersetzt zudem Peter Kreutz ein ganzes Orchester. Reinecke selbst war Pianist – und das hört man. Das Klavier ist deutlich hörbar kein zusammenfassendes Ersatzinstrument, sondern ein vielschichtig genutzter Klangkörper. Kreutz versteht es vortrefflich, alle Register zu ziehen und eine breite Farbpalette aus den Tasten zu zaubern. Einzelne Instrumentalsolisten, die Carl Reinecke ad libitum hinzukomponiert hat, bereichern die dramatischen Situationen: Hörner für den Königssohn, eine Harfe und ein Violoncello.

Während Shuang Shi und Rebecca Blanz nur einen kurzen, aber effektvollen solistischen Einsatz als zwei Drosseln haben, sind es vor allen Dingen drei Vokalsolisten, die den handelnden Hauptpersonen Profil verleihen. Und genau das gelingt dem Projekt-Initiator und Reinecke-Verfechter Markus Köhler leider nur bedingt. Er singt die wichtige Partie des verliebten Königssohns, erinnert klanglich aber eher an einen betagteren König. Köhler ist ohne Frage ein versierter Sänger, der um liedhafte Ruhe und Innigkeit bemüht ist und um die Kunst der Textgestaltung weiß. Allein sein Bariton weist ein störendes Vibrato auf, das er mit eiserner Kontrolle zwar zu bezähmen bemüht ist, aber es verhindert, dass man ihm den jungen Königssohn auch nur annähernd glaubt. Sänge er Schuberts 'Winterreise' wäre diese klingende Lebenserfahrung vermutlich authentisch und es gäbe es nichts zu beanstanden.

In der Doppelrolle als böse Königin und gute Fee trumpft Gerhild Romberger wie auch schon in 'Dornröschen' mit dramatischem Zugriff und üppiger Klanglichkeit auf. Der Fluch der bösen Königin duldet keinerlei Widerrede, während sie ihren Alt beim Gesang der Fee mächtig an die Leine legen muss. Christian Kleinert bemüht sich um eine adäquate Umsetzung des in Versform verfassten Erzähltextes, indem er übertriebenen Pathos meidet und einen angenehm direkten, fast schon unbeteiligten Tonfall bedient. Das überzeugt weitaus mehr als noch einige Jahre zuvor bei 'Dornröschen'.

Uneingeschränkten Jubel verdient Kirsten Labonte als Elfriede, die ihren verzauberten Brüdern unter jahrelangen Qualen Hemden aus Brennnesseln flechten muss. Diese Arbeit verrichtet sie laut Märchen schweigend. Doch bevor sie in die verordnete Schweigephase eintritt, verzaubert sie den Hörer mit ihrem kristallklaren Sopran, der sowohl kindliche Naivität klanglich erfahrbar macht wie auch das erduldete Leid. In Elfriedes 'Gruß an das Meer', dem vermutlich zentralen und eindrücklichsten Stück der 'Wilden Schwäne', überzeugt die junge Sängerin mit emotionaler Tiefe und flirrender Sinnlichkeit.

Markus Köhler und seinen Mitstreitern sowie dem Label cpo gebührt großer Dank für diese reizvolle Ausgrabung. Bleibt zu hoffen, dass sich mutige Konzertveranstalter oder engagierte Ensembles finden, um Reineckes Hausmusik-Juwelen ihren verdienten Platz zumindest im Randrepertoire zu erhalten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reinecke, Carl: Die wilden Schwäne

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
1
26.01.2016
52:30
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203794027
777 940-2


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Reinecke, Carl
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 1 Gesang der Königskinder
 - Die wilden Schwäne op. 164 - So tönt aus holder Kindermund
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 2 Fluch der Königin
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Da wandelten auf ihr Geheiß
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 3 Elfriedens Nachtgebet
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 4 Chor der Glühwürmchen
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Als früh Elfriede aus dem Schlaf erwacht
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 5 Chor der Engel
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 6 Elfriedens Gruß an das Meer
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Und Wog' auf Woge zum Strande rauscht
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 7 Chor der Schwäne
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Welch ein Anblick
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 8 Chor der Schwäne
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nun hat Elfriede sich ins Netz gelegt
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 9 Elfriedens Sehnsucht
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Elfriede schläft
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 10 Verheißung der Fee
 - Die wilden Schwäne op. 164 - So sprach sie und entschwebt zur Höh'
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 11 Lied des Königssohns
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Da hob sie der Königssohn auf sein Ross
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 12 Hochzeitsmusik
 - Die wilden Schwäne op. 164 - So ward Elfriede denn die Frau des Königssohnes
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 13 Chor der Lamien
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Entsetzen hat Elfrieden
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 14 Chor der Mäuse und Drosseln
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Vor Tag noch wollt ihr fertig sein
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 15 Chor der Schwäne
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Wie mächtig bebt in lautbewegtem Schlag
 - Die wilden Schwäne op. 164 - Nr. 16 Schlussgesang


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Dirigent(en):Enke, Hagen
Interpret(en):Gulyka, Peter
Stertz, Norbert
McGregor, Hugh
Petri, Mirjam
Kleinert, Christian
Blanz, Rebecca
Shi, Shuang
Köhler, Markus
Romberger, Gerhild
Labonte, Kirsten


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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