> > > Sergei Rachmaninow: Ganznächtliche Vigil op. 37: und weitere A-cappella-Werke
Mittwoch, 20. September 2017

Sergei Rachmaninow: Ganznächtliche Vigil op. 37 - und weitere A-cappella-Werke

Europäische Sicht


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der WDR Rundfunkchor stellt unter Nicolas Fink Rachmaninows 'Ganznächtliche Vigil' akkurat musiziert und differenziert gestaltet vor. Der eigentliche intime Glaubensgedanke dieser sakralen Musik bleibt aber zu wenig nachempfunden.

Das im Deutschen selten verwendete Wort ‚Vigil‘ kommt ursprünglich vom Lateinischen ‚vigilia‘, das mit Wachen bzw. Nachtwache übersetzt werden kann. Es wird heute einerseits für das nächtliche Gebet in der mönchischen Gebetsordnung und andererseits für die liturgische Feier am Vortag eines kirchlichen Festes verwendet. Die Vigil ist auf einen positiven Zustand des Wachens ausgerichtet, in dem Bewusstsein, Willen sowie Einsatz von Lebenskraft involviert sind. Im byzantinischen Ritus des 16. Jahrhunderts verschmolzen Vesper und Matutin – Abend- und Morgengebet – miteinander zur ganznächtlichen Vigil, die auch heute noch Bestandteil der russisch-orthodoxen Kirchenmusik ist. Dabei sind die Melodien der Anfangszeit bis in die Gegenwart beinah unverändert geblieben. Auch Rachmaninow verwendete in zwei Drittel seiner 'Vigil' diese Melodien; für die restlichen Gesänge erfand er hingegen neue, jedoch stilistisch an die kirchenmusikalischen Traditionen angelehnte Melodien. Er komponierte das Werk 1915, noch im christlich geprägten Zarenrussland, und vertonte darin die 15 grundlegenden Gebete zur Huldigung des Schöpfers sowie der Mutter Gottes. Die 'Ganznächtliche Vigil' op. 37 stellt letztlich den Höhepunkt von Rachmaninows kirchenmusikalischem Schaffen dar, da er veranlasst durch die Oktoberrevolution 1917 ins amerikanische Exil ging und dort aufgrund der dortigen Gegebenheiten und Umstände keine weitere Kirchenmusik mehr schrieb.

Kennzeichen des Werks

Die 15 Gesänge der 'Ganznächtlichen Vigil' teilen sich in sechs Gesänge zur Vesper sowie neun zum Morgenlob auf. Es handelt sich dabei ausschließlich um a-cappella Chöre, wobei in vier Nummern eine Solostimme auftritt. Der Chor ist vielstimmig und in weitem Umfang gesetzt, denn überwiegend verläuft er sechs- bis siebenstimmig, teilweise sogar achtstimmig. Der sechste Gesang, das 'Ave Maria', fällt aus dieser Anlage jedoch heraus, denn hier ist der Chorsatz sehr eng und nur vierstimmig angelegt. Er erinnert an einen schlichten Satz von Joseph Rheinberger und steht damit in auffälligem Kontrast zu der sonst breiten Setzweise in diesem Werk. Grundsätzlich ist die 'Ganznächtliche Vigil' musikalisch sehr komplex. Rachmaninow schrieb etwa sehr viele Tempo-, Takt- und Dynamikwechsel vor, mit denen er den Charakter der Musik zu verändern und zu gestalten wusste. Die Spanne dieser Charakterzüge ist breit: Von schwebend atmosphärisch über lyrisch sanft bis deklamatorisch perkussiv, von tiefer innerer Ruhe zu expressiv freudiger Anbetung. Ebenso vielfältig stellt sich die Beziehung der einzelnen Stimmgruppen zueinander dar, wenn einerseits der Chor als große, gemeinschaftliche Einheit homophon agiert oder andererseits verschiedene Klangebenen miteinander in korrespondierend-kontrastierenden Kontakt treten. So kommt es beispielsweise vor, dass die Männerstimmen kraftvoll deklamieren, während die Frauenstimmen darauf mit zarten, melodiösen Akkorden antworten.

Besonders interessant ist in dieser Hinsicht, dass Rachmaninow den Chor in einzelne, voneinander unabhängige Klangebenen völlig verschiedenen Charakters aufspaltet. Musterbeispiel dafür stellt der neunte Gesang 'Gelobt seist du, o Herr' dar, in dem drei Ebenen zu gleicher Zeit verlaufen, die abschnittsweise innerhalb der Stimmgruppen wechseln: Die erste Ebene umfasst einen im Pianissimo gesummten Orgelpunkt. Die zweite einen dreistimmigen, homophonen, eng geführten und sich langsam, aber stetig voran bewegenden Chorsatz, während auf dritter Ebene die Konzentration hauptsächlich auf dem Text liegt, der in kurzen Notenwerten, häufiger Tonrepetition und geringem Gehalt an Melodie deklamiert wird. In der 'Ganznächtlichen Vigil' bedient sich Rachmaninow zwar durchaus musikalischer Mittel, die auch in europäischer Musik keine Seltenheit darstellen, doch kombiniert und setzt er sie so ein, dass sie zu einer den Europäern fremden, musikalischen Einheit verschmelzen. Besonders charakteristisch sind leere Quinten, vor allem in den Unterstimmen, parallel in Terzen beziehungsweise Sexten oder Unisono geführte Stimmen, Tonrepetition in kurzen, deklamierenden Notenwerten, wobei dies hauptsächlich im Morgenlob vorkommt, Töne im tiefen Register der zweiten Bässe, die meist am Ende eines Gesanges erklingen, sowie häufige Orgelpunkte, die im leise gesummten Piano eine besonderes Ambiente erzeugen.

Wie ist die Umsetzung?

Die Einspielung von Rachmaninows 'Ganznächtlicher Vigil', die der WDR Rundfunkchor unter der Leitung von Nicolas Fink aufgenommen hat, ist qualitativ hochwertig. Der Chor weiß mit erstklassiger Intonation und musikalischer Akkuratesse zu überzeugen, nähert sich dieser Komposition jedoch auf europäische Weise und erfasst den Sinngehalt nicht bis ins letzte Detail. Zu den Stärken des WDR Rundfunkchores gehört gewiss die flexible Umsetzung gestalterischer Vorgaben. So gelingt es den Sängerinnen und Sängern, eine breite Spanne an dynamischen Differenzierungen homogen umzusetzen – vom mehrfachen Piano bis zum Fortefortissimo, wobei die Umsetzung einiger Pianostellen sicher noch leiser ausfallen könnte. Wirklich eindrucksvoll sind die Decrescendi, die der Chor besonders weich und gleichmäßig führt und damit eine ganz eigene, positive Spannung erzeugt. Ein solches Maß an Weichheit wäre auch für ihre Crescendi sowie an den Fortissimostellen wünschenswert, denen es an ein wenig an rundem Kuppelklang mangelt.

Der Gesamtklang des Chores ist sehr gut ausbalanciert. Dies trifft auch für die Solo-Stellen zu, an denen ein gutes Verhältnis zwischen Solisten und Chor gefunden wurde. Den Choristen gelingt es aber nicht nur, einen homogenen Mischklang, sondern auch verschiedene innerchorische Balancen zu erzeugen, sodass wechselnd eine oder mehrere Stimmgruppen in den Vordergrund treten, während sich andere wiederum zurücknehmen. Dies verdeutlicht dem Zuhörer sehr gut, wo sich gerade das zentrale musikalische Geschehen abspielt und macht das Zuhören interessant. Insbesondere bei der Übereinanderschichtung verschiedener muskalischer Ebenen vermag der WDR Rundfunkchor, diese deutlich transparent voneinander abzugrenzen und unabhängig voneinander zu gestalten. Die Gestaltungsfreude der Sängerinnen und Sänger zeigt sich auch im Wechsel zwischen akkurater Deklamation und flächigem Legato oder zwischen federnder Leichtigkeit und kraftvoller Schwere.

Die von Rachmaninow vorgegebenen, häufigen Tempowechsel setzt Nicolas Fink im Großen und Ganzen akkurat um und findet grundsätzlich ein ausgeglichenes Tempo. Die äußeren Grenzen seines gewählten Tempospektrums könnten jedoch weiter voneinander entfernt liegen und die Geschwindigkeitsunterschiede größer ausfallen. Es fehlt ein wenig an Mut, die Tempoangaben intensiver auszulegen sowie freier, teilweise auch agogisch lebendiger mit ihnen umzugehen. Langsame Tempi könnten langsamer sein, Ritardandi größer, Pausen länger und Fermaten ausgedehnter. Nichtsdestotrotz ist Nicolas Finks Interpretation hörenswert und dem Notentext entsprechend.

Auf zwei hervorragend gelungene Stellen soll an dieser Stelle verwiesen werden: So vollzieht der Chor in der ersten Hälfte des vierten Gesangs die dort komponierte Modulation ausgesprochen sanft und harmonisch derart fließend, dass der dadurch erzielte Farbwechsel an dortiger Stelle eine ganz neue Klangqualität aufblühen lässt. Im neunten Gesang, aber auch andernorts, beeindrucken vor allem die langen Orgelpunkte, die die einzelnen Stimmgruppen in einem solch feinen Pianissimo singen, dass sie kaum wahrzunehmen und dennoch absolut stabil und intonatorisch sauber sind. Während die Unterstimmen einen warmen, austarierten Mischklang erzeugen, erklingt der Sopran, insbesondere in der Höhe, zuweilen grell und flach; er könnte manchenorts engelsgleicher und runder sein.

Zu kritisieren ist die Aussprache des Chores und der Solisten, die wenngleich präzise artikuliert, den Fehler aufweist, die im Russischen bei unbetonten Vokalen vorzunehmende Vokalveränderung unbeachtet zu lassen. Dies beeinflusst die gute Qualität der Aufnahme gleichwohl recht wenig. Beide Solisten, die Altistin Beate Koepp und der Tenor Kwon-Shik Lee, singen gesangstechnisch sehr gut; sie führen die Linien weich und gleichmäßig und fügen der Musik eine angenehme Farbe hinzu. Während jedoch Beate Koepp ein inniges Gebet zum Erklingen bringt und damit den Stil des Werkes trifft, singt Kwon-Shik Lee seine Partien zu konzertant und nach außen an ein Publikum gerichtet. Es fehlt ihm, aber auch dem Chor an tiefgläubiger Intimität und Insichgekehrtheit.

Vorliegende Aufnahme mit dem WDR Rundfunkchor ist eine aus Sicht der europäischen Chortradition interpretierte und auf hiesige Qualitätsaspekte ausgerichtete Einspielung, die allen diesen Anforderungen gerecht wird. Einen russischen Originalklang erzielt sie jedoch nicht, da es an Verständnis und Nachvollziehbarkeit der Sinnes- und Glaubenstiefe dieses heiligen Gesanges fehlt, bei dem es ausschließlich um Inwendigkeit, Intimität, stilles Gebet und absolute Hinwendung zu Gott und Mutter Maria geht, die dem europäischen Konzertgedanken fremd sind und ihm in gewisser Weise widersprechen. Es ist in dieser Einspielung aber gelungen, sich der russischen Kirchenchormusik auf musikalisch qualitativ hochwertigem Niveau zu nähern und damit auch dem europäischen Publikum eine wunderbare Möglichkeit zu bieten, diese im Rahmen seiner Gewohnheiten kennenzulernen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sergei Rachmaninow: Ganznächtliche Vigil op. 37: und weitere A-cappella-Werke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
08.01.2016
051:49
2013
EAN:
BestellNr.:

4009350834712
83471


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Rachmaninoff, Sergej


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"Sergei Rachmaninows Ganznächtliche Vigil op. 37 (auch als "Vesperliturgie" oder "Das große Morgen- und Abendlob" bekannt) ist sein letzter Beitrag zur russisch-orthodoxen Kirchenmusik. Die liturgische Vorlage ist der Gottesdienst am Vorabend kirchlicher Feiertage und besteht aus einer Abfolge von Gebeten, Lesungen und Gesängen. Rachmaninow gelang es, in seiner 1915 entstandenen Komposition für Chor a cappella einstimmige Kirchengesänge der russisch-orthodoxen Kirche den spätromantischen Klangvorstellungen anzupassen. Mit seiner warmen Klangpracht gilt das Werk seither als Paradestück für große Chöre. Seine emotionale Tiefe tritt in der exzellenten Einspielung des WDR Rundfunkchors unter Nicolas Fink besonders eindrücklich zutage. "


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Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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