> > > Ginastera, Alberto: Orchesterwerke, Vol.1
Sonntag, 17. November 2019

Ginastera, Alberto - Orchesterwerke, Vol.1

Ein südamerikanischer Copland?


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die erste Folge einer dreiteiligen Ginastera-Reihe bei Chandos bietet fein ausgearbeitete Deutungen, die allerdings mancherlei Härten, die diese Musik auch auszeichnen, in mildes Licht tauchen.

Der Argentinier Alberto Ginastera gilt neben seinem brasilianischen Kollegen Heitor Villa-Lobos als die zentrale Figur für die musikalische Moderne auf dem südamerikanischen Subkontinent. Ebenso wie Villa-Lobos beruft er sich in seinen Kompositionen auf die vorkoloniale Zeit, richtet seine retrospektiven Utopien zurück in eine Welt von Indianern und Gauchos, die im Einklang mit einer unberührten und magischen Natur leben. Villa-Lobos und Ginastera bezogen neben ihrer Erfahrung in Frankreich entscheidende Inspirationen für eine jeweils autochthone ‚nationale‘ Klangsprache ihrer Länder im ‚amerikanischen Stil‘ eines Aaron Copland.

Für Ginastera war Copland nicht nur ein Kollege, mit dem er zwischen 1945 und 1947 in Tanglewood sein musikalisches Handwerkszeug erlernte, sondern auch ein Freund und Inspirator, mit dem er zeitlebens in einem engen Briefwechsel stand. Dass Ginastera und Copland Seelenverwandte waren, beleuchtet die erste CD von einer auf drei Alben ausgelegten Ginastera-Edition bei Chandos. Die auf ihr versammelten drei Orchesterwerke 'Pampeana' Nr. 3, 'Ollantay' und 'Estancia', eingespielt vom BBC Philharmonic unter Juanjo Mena, zeugen von einer geteilten Faszination: einer Ursehnsucht nach dem Ursprünglichen und Unverfälschten in der Musik. Das musikalische Band, dass Ginasteras Werke mit denen seines nordamerikanischen Kollegen verbindet, wird schon beim ersten Hören offensichtlich: Die minimalistische Reduktion des musikalischen Materials und dessen oft expressive Behandlung, die Rehabilitation des Rhythmus als Gestaltungsmittel und die weit aufgespannten mehrdimensionalen Streicherflächen. Auch die Auswahl von Themen, die das Volkstümliche und das Archaische zelebrieren, teilt Ginastera mit Copland. Nicht zuletzt versuchen beide Komponisten die Idee von Freiheit, von grenzenlosen Landschaften und räumlicher Weite in einen aufgefächerten, mehrschichtigen Klang eines groß besetzten Sinfonieorchesters zu übertragen.

Die dreiteilige 'Pampeana' Nr. 3, eine Art Mini-Sinfonie, zeigt dieses Spannungsfeld exemplarisch auf. Unterschiedlicher als hier können musikalische Sätze kaum sein. Während im ersten Satz ein fein gewebter kontemplativer Streicherklang aufgespannt wird, oft mit polytonalen Sequenzen, bricht sich im zweiten Satz eine rhythmische Explosion Bahn. Das Schlagwerk der BBC Philharmonic, in das sich hier auch das Klavier einreiht, agiert hier unter der Leitung von Juanjo Mena geradezu entfesselt. Im dritten Satz führt Ginastera das Stück zurück in ein gespenstisches Leuchten der Streicher, das sich in expressiven Klangverdichtungen entlädt. Auch hier versucht Mena mit seinen Musikern, die Spannungen bis in die letzte Dissonanz, bis zur letzten Note auszukosten.

Dass Ginastera auch ein hervorragender musikalischer Geschichtenerzähler ist, beweist sein orchestrales Triptychon 'Ollantay'. In dieser Geschichte aus der grauen Maya-Vorzeit um den mythischen Kampf der Söhne von Erde und Sonne führt Ginastera seine meisterhaften Fähigkeiten als Orchestrator vor. Mal gibt er sich spätromantischer, filmmusikalischer Ekstase hin, mal sucht er ungewohnte Klangextreme, wie im kriegerischen zweiten Satz. Piccolo-Flöten in höchsten Lagen kreisen hier über einem marschierenden Rhythmus, bei dem man unweigerlich an Strawinskys 'Sacre du printemps' denken muss.

Das vielleicht bekannteste Werk von Ginastera, das Ballett 'Estancia', bildet den Abschluss dieses Albums. In dieser Hymne auf die Freiheitsliebe der Gauchos und die Unendlichkeit der argentinischen Pampa nimmt Ginastera wiederum Anleihen beim Primitivismus. Die BBC Philharmonic klingt hier mal wie eine überdimensionierte Spieluhr (wie im 'Little dance'), mal – auch dank der formidablen Aufnahmetechnik – wie ein mehrdimensional gestaffeltes Streichorchester (wie im 'Nocturno'). Besonders das Porträt der Pampa-Cowboys gelingt den britischen Musikern hervorragend: Mena fängt hier Ginasteras aufgerauten Klang aus Hornrufen, tiefen Streichern und Paukenschlag subtil ein. Was das Hörvergnügen dieses Meisterwerks trübt, ist einerseits der Verismo-Bariton von Lucas Somoza Osterc, der die Melancholie der langsamen Stücke durch überflüssiges Pathos und forcierten Vokalklang schlicht entzaubert. Andererseits scheint man es mit dem Raumklang bei der Aufnahme des Orchesters teilweise etwas übertrieben zu haben – sowohl bei 'Ollontay' als auch bei 'Estancia' stellt sich der ungute Eindruck ein, dass vor allem Streicher und der Bariton aus der Tiefe des Raums heraus agieren.

Vergleicht man die Interpretationen auf dieser CD mit der bereits bei Naxos vorliegenden Einspielung des London Symphony Orchestras aus den Abbey Road Studios (dirigiert von Gisèle Ben-Dor) so kann man auch feststellen, dass Mena und seine Musiker sich trotz ihres sensiblen Umgangs mit den Partituren vor allzu grellen klanglichen Kontrasten scheuen. Die LSO-Einspielung von 1997 bietet rhythmisch straffere und klanglich stärker zupackende Versionen von 'Ollontay' und 'Estancia'. Auch der Bariton Luis Gaeta liefert auf dieser 2006 erschienenen CD eine deutlich angenehmere und zurückhaltendere Leistung als der Bariton der Chandos-Einspielung ab. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass die Naxos-Einspielung zudem deutlich preisgünstiger in eine Klangwelt einführt, die die kulturelle Begegnung der beiden amerikanischen Subkontinente im 20. Jahrhundert dokumentiert.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ginastera, Alberto: Orchesterwerke, Vol.1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
08.01.2016
Medium:
EAN:

CD
095115188422


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Ginastera, Alberto


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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