> > > Steibelt, Daniel: The Classical Piano Concerto Vol.2
Montag, 24. Januar 2022

Steibelt, Daniel - The Classical Piano Concerto Vol.2

Wichtige Ergänzung des Klavierkonzert-Repertoires


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der Literatur zum klassischen Klavierkonzert wird vielfach auf die Bedeutung der Beiträge von Daniel Steibelt (1765-1823) hingewiesen. Jetzt liegt erstmals eine ausgezeichnete Aufnahme der drei prominentesten, bedeutenden Konzerte vor.

Natürlich kann es auch diesmal Richard Wigmore im Einführungstext des Booklets nicht unterlassen, auf Steibelts missglücktes Wiener Duell mit Beethoven im Mai 1800 genüsslich einzugehen. Der entsprechende, natürlich bereits auf Heroisierung des Wiener Klassikers (und entsprechende Diffamierung der Konkurrenz) ausgerichtete Bericht des Beethoven-Schülers Ferdinand Ries – mit der schönen Titulierung Steibelts als ‚anmaßende[m] Klaviergaukler‘ – weist schon deutlich in Richtung jener problematischen, ‚unmoralischen‘ Charakterzüge, welche auch in anderen zeitgenössischen Quellen dem in Berlin geborenen und in Paris, London und Petersburg höchst erfolgreichen ‚composer-pianist‘ Steibelt unterstellt wurden: Eitelkeit, Überheblichkeit, Verschwendungssucht (dabei ist er nicht der einzige Komponist, der mehrfach vor Gläubigern in eine andere Stadt, ein anderes Land fliehen musste).

Als wirksame rezeptionsgeschichtliche Brandmarkung hat sich somit ein wenig sympathisches Bild des Menschen Steibelt gehalten, und das Urteil verwerflicher Oberflächlichkeit hat sich dann musterhaft – man lese nur die entsprechenden Seiten in Paul Bekkers Beethoven-Buch – auf die Wahrnehmung seiner selten (ein)gespielten Klavier- und Kammermusikwerke übertragen. Ein ähnliches Schicksal traf übrigens auch Beethovens Wiener Klavier-Konkurrenten Johann Baptist Cramer, dessen pianistisch ‚brillante‘ Manieren geradezu parodiert werden in Beethovens Variationen F-Dur WoO 75 (über ein Frauen-Quartett aus Peter von Winters erfolgreicher Inka-Oper 'Das unterbrochene Opferfest', in dem es um gewisse Männer als ‚tändelnde Affen‘ geht). Cramers ebenfalls um 1800 populäre Show-Mittel dürften den Manieren Steibelts durchaus entsprochen haben; jener Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte und verbreitete ‚brillante Stil‘, der in der Geschichte der Klaviermusik von Mozarts Schüler Hummel über Steibelt und Cramer hin noch zu Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy reicht, wurde damit historiographisch wirksam gegenüber der dominanten Beethoven-Tradition abgegrenzt und abgewertet (auch wenn er später in den Klavierwerken Chopins, Liszts und sogar Schumanns noch eine massive ästhetische Wirksamkeit entfalten konnte).

Steibelt ein Opfer der Beethoven-Rezeption?

Insofern vermag gerade das berühmteste, diese zweite Folge der Hyperion-Serie ‚The Classical Piano Concerto‘ einleitende Konzert Steibelts, sein Beitrag Nr. 3 mit dem Beinamen 'L’orage' von 1799, zu überraschen und geradezu zu berühren: Das einleitende 'Allegro brillante' orientiert sich – besonders im reizend-melancholischen lyrischen Seitensatz-Thema – deutlich an Mozart, ist aber bereits in der durchaus eigenständigen Orchester-Exposition wie auch in den Themenvarianten und Läufen des Klaviers auch ganz auf dem pianistisch-virtuosen Stand Hummels. Steibelt verfällt wie dieser nicht in die Virtuosen-Masche Kalkbrenners oder Moscheles‘, die Tutti-Anteile im Konzert deutlich zugunsten des Solo-Auftritts zu reduzieren, sondern besitzt durchweg ein Gespür für ‚symphonische‘ Orchesterbehandlung.

Der im Booklet von Wigmore durchaus zu recht kritisierte Mangel an Ideen, einen Mittelsatz zu gestalten, wird aufgewogen durch Steibelts Talent, vorgeprägte volkstümliche Weisen – im Falle der Konzerte Nr. 3 und Nr.5 modisches schottisches Liedgut – in jeweils knapp vier Minuten weniger rein virtuos, sondern vielmehr stimmungsvoll-einfühlsam zu inszenieren. Einzig die (seinerzeit sehr erfolgreich aufgehende) Strategie, mit reißerischen klangmalerischen Finalsätzen das Publikum überraschen und überwältigen zu wollen, führt zu kritischen Ansätzen: Die im 'L‘Orage'-Konzert op. 33 in ein an schottische Tanzmusik anklingendes Rondo eher unorganisch eingebaute Sturm-Episode fasziniert nur durch den explodierenden virtuosen Anspruch (weniger den satztechnischen der banalen Klangmalerei), während der Rest des Satzes durchaus den Ansprüchen des B-Dur-Konzerts Beethovens genügt. Dieses von mehreren Zeitgenossen und Nachfolgern wie Alkan auch kompositorisch rezipierte Konzert sollte man jenseits der Beethoven-Perspektive kennen, ja schätzen.

Auch das Fünfte Konzert Es-Dur von 1802 mit dem Beinamen 'à la chasse' (bezogen wieder nur auf den Finalsatz) ist hörenswert und stilistisch (‚romantisch‘) merklich weiterentwickelt als Station auf dem Weg hin zu Carl Maria von Webers Gattungsbeiträgen (1810/1812). Das 'Adagio' greift das Volkslied 'Ye banks and braes o’bonnie Doon' auf, und bei den langgezogenen Trillern in der Wiederholung des A-Teils lässt es sich recht wohlmeinend schmunzeln. Der Aspekt des Programmatischen im Finale ist ebenfalls recht geschmackvoll eingelöst: Steibelt leitet zwar mit vehementen Hornrufen ein, gestaltet die Episoden aber dann ganz hinreißend als Dialoge zwischen dem geläufigen, gewissermaßen in der Natur laufenden Solopart und den vogelrufartigen Phrasen der diversen Bläsersoli (die die Musiker des beteiligten Ulster Orchestra trefflich gestalten).

Schwer tut man sich nach diesen beiden höchst ansprechenden Werken dann vielleicht mit dem um 1816 in Petersburg entstandenen 'Grand Concerto militaire' (e-Moll, ohne Opuszahl): Hier gibt es sogar schon deutlich Chopineskes zu bewundern, die Gesamtfaktur des langen Kopfsatzes (fast 19 Minuten statt der sonst anvisierten Viertelstunde) bietet allerdings zu wenig Höhepunkte. Mit dem gerade auch rhythmisch und gewissermaßen kämpferisch beeindruckenden verkappten Militär-Konzert Beethovens (das dritte in c-Moll) kann das in keinster Weise konkurrieren; zudem unterschlägt Steibelt hier einen kontrastierenden zweiten Satz. Das Idiomatische eines zweiten Orchesters, nämlich einer Militär-Kapelle (mit Schlagzeug), wird im Final-Rondo ganz in den Vordergrund gestellt; dieser Satz an der Grenze zum Geschmacklosen hat mich am wenigsten beeindruckt.

Howard Shelley als Idealbesetzung

Beeindruckend ist vor allem aber auch die makellose, geschmackvolle, mitreißende Interpretation (gerade auch des Militärkapellenrondos). Howard Shelley ist in seiner wohlbekannten pianistischen Eleganz und Vertrautheit mit den Konzerten dieser Zeit (Hummel, Cramer u.v.a.) der ideale Pianist, um gerade Steibelts Stärken und seine durchaus eindrucksvolle kompositorische Entwicklung zwischen Mozart und Chopin vorzuführen, und das von ihm selbst geleitete Ulster Orchestra spielt farbig und abwechslungsreich, idiomatisch sicher und stilistisch variabel. Eine in der Darbietung perfekte, für die Kenntnis des historischen Repertoires geradezu notwendige Einspielung!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Steibelt, Daniel: The Classical Piano Concerto Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
08.01.2016
Medium:
EAN:

CD
034571281049


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Steibelt, Daniel


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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