> > > Henze, Hans Werner: Being Beauteous / Kammermusik 1958
Mittwoch, 30. September 2020

Henze, Hans Werner - Being Beauteous / Kammermusik 1958

Expressive Schichten


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Endlich. Nun liegt eine tadellose Studioeinspielung von Henzes 'Being Beauteous' vor, mit einer hochexpressiven Anna Prohaska.

Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis jetzt endlich die erste digitale Studioeinspielung von Hans Werner Henzes berühmter Kantate 'Being Beauteous' auf Tonträger vorgelegt wurde – unter der Leitung des langjährigen Henze-Interpreten und -Freundes Peter Ruzicka. Das 1963 komponierte Werk, das seine Uraufführung im Folgejahr in der Berliner Philharmonie mit der Solistin Ingeborg Hallstein erlebte und 1968 mit Edda Moser in einer triumphale Wiedergabe bei der Deutschen Grammophon erschien, ist eine mehr als beeindruckende Tour de force für die ungewöhnliche Besetzung Koloratursopran, Harfe und vier Celli. Das expressive, fast expressionistische Werk wartet mit beeindruckenden harmonischen Entwicklungen (Atonalität vs. mehr oder weniger klares g-Moll) und einer Vielzahl klanglicher Texturen und Farben auf, gekrönt von einem intrikaten, horrend schwierigen Gesangspart. Anna Prohaska mag nicht jenen ganz eigenen Stimmcharakter haben, den Hallstein oder Moser ihr Eigen nennen konnten, doch meistert sie die anspruchsvolle Partie weit mehr als fehlerfrei. Es gelingt ihr überdies eine expressive Ebene beizubehalten, auf der auch die Instrumentalisten agieren. Vielleicht ist ihr Vibrato in der extremsten Höhe etwas zu stark, doch nutzt sie insgesamt das Vibrato (und das Nonvibrato) durchaus als Ausdrucksmittel. Man taucht ein in eine Welt voller Schmerz und Extreme, so ganz anders als in der Vertonung desselben Gedichts in Benjamin Brittens 'Illuminations'.

Fünf Jahre zuvor entstand die 'Kammermusik 1958', erst 1963 folgte das epilogartige 'Adagio'. Hauptprotagonisten der Komposition für Tenor, Klarinette, Fagott, Horn, Gitarre und fünf Streicher (letztere, wie hier, chorisch ad libitum) sind Tenor und Gitarre – die Uraufführungssolisten 1958 waren Peter Pears und Julian Bream. Auch dieses Werk wurde offenbar in der Uraufführungsbesetzung offenbar nicht mitgeschnitten; die drei 'Tento' überschriebenen Sätze für Gitarre allein liegen immerhin mit Julian Bream vor. Ein eindeutiger Einfluss auf die Komposition über Friedrich Hölderlins Gedicht ‚In lieblicher Bläue‘ war Benjamin Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher, doch treibt Henze die musikalische Dichte noch deutlich weiter als Britten fünfzehn Jahre zuvor. Aus der Ferne grüßen auch Michael Tippetts 'Songs for Achilles' aus 'King Priam' (uraufgeführt 1962).

Der niederländische Tenor Peter Gijsbertsen und die Musiker des NDR Sinfonieorchesters legen eine vollendet lyrisch-dichte Interpretation vor, auch wenn Gijsbertsens Deutsch nicht ganz so natürlich und idiomatisch klingen mag wie man es sich wünschen könnte. Sein lyrischer Tenor ist aber von erlesener Schönheit und großer Beweglichkeit und Ausdruckskraft, so dass wir hier sehr nahe an einer idealen Interpretation sind (das Werk wurde bereits mehrfach auf Tonträger vorgelegt). Jürgen Ruck (ausgewiesener Henze-Interpret) lässt der Komposition einen feingliedrigeren Ansatz angedeihen als Bream, was zu dem Werk passt, Breams Lesart (soweit diese verfügbar) in ihrer Überzeugung aber nicht mindert.

Die NDR-Aufnahmetechnik präsentiert beide Werke in größtmöglicher Transparenz und Wärme, das Booklet ist gleichermaßen vorbildlich (einzig eine deutsche Übersetzung von Rimbauds Gedicht fehlt zum vollkommenen Glück).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Henze, Hans Werner: Being Beauteous / Kammermusik 1958

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
12.02.2016
63:54
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228733426
WER 73342


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Henze, Hans Werner


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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