> > > Medtner, Nikolei und Rachmaninoff, Sergei: Klavierwerke
Samstag, 6. März 2021

Medtner, Nikolei und Rachmaninoff, Sergei - Klavierwerke

Sudbins Märchenwelt: Harmonies pathétiques


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nikolai Medtners 'Märchen' und Sonaten sind originelle Erzählungen für das Klavier - mitunter auch hochvirtuose. Yevgeny Sudbin erfüllt beeindruckend die Rolle des Virtuosen - aber auch die eines Erzählers?

‚Late Russian Romantics‘ - so hieß eine Zusammenstellung von Aufnahmen von Vladimir Horowitz, die im Rahmen einer Sony-Gesamtedition seine Rachmaninoff- und Skrjabin-Aufnahmen für CBS aus verschiedensten Jahren zusammenfasste - daneben auch Medtners 'Märchen' op. 51 Nr. 3, eine singuläre frühe Einspielung der Musik dieses Komponisten. Auch Sudbins Russen-Recital erscheint zunächst als eine Kompilation diverser älterer (Gelegenheits?-)Einspielungen aus den Jahren 2009 bis 2014 (leider ohne genauere Stück-Zuordnung). In der Gegenüberstellung zweier Komponisten-Fixsterne seiner Karriere - die drei Klavierkonzerte Medtners hat Sudbin bereits für sein Hauslabel produziert, jeweils gekoppelt mit passenden Referenz-Konzerten Tschaikowskys, Rachmaninoffs und Skrjabins und summa cum laude in der Kritik gefeiert - nähert sich Sudbin seinem mutmaßlichen Idol Horowitz weiter an (es gibt auch eine charmante Scarlatti-Auswahl von ihm, ‚celebrated‘ wie vom alten Meister). Im selbst verfassten Booklet-Einführungstext bricht der 1980 in St. Petersburg geborene und dort, in Berlin und London ausgebildete Pianist nicht nur erneut eine Lanze für den bedeutenden Klavierkomponisten Medtner und sein platonistisch-mystizistisches Musik-Verständnis, sondern illustriert auch seine breite mediale und aufführungshistorische Bildung durch die ein oder andere die Interpreten Horowitz oder Emil Gilels betreffende Anekdote (schön auch der Gedanke, das gis-Moll-Prélude op. 32 Nr. 12 als ‚Darth-Vader‘-Vorahnung zu hören). Da erfasst jemand das historisch-kulturelle Kontinuum, in dem sich sein eigenes Schaffen positioniert.

Anknüpfung an eine Horowitz-Tradition?

Nicht alleine das auf dem Cover gepflegte Erscheinungsbild erinnert an den (jungen) ‚alten‘ Horowitz (nur ohne Krawatte), sondern auch die verfolgte Strategie, die komplizierten Stücke höchst expressiv - mit deutlichen, nicht immer vorgeschriebenen Rubati und manuell manchmal atemberaubenden Beschleunigungen - vorzuführen, zugleich aber auch einer neuen, kontrollierten Klangsinnlichkeit gemäß mit einer Fülle ungewohnter Anschlagsvarianten. Der Klavierklang ist auf der SACD plastisch im Detail, durchsichtig in der Mischung, körperlich vibrierend im lautesten Tastengetümmel eingefangen; in der Stereo-Version (Kopfhörer) wirkt das Bassregister wie so oft bei Hybrid-Veröffentlichungen allerdings etwas beschnitten (um den nicht vorhandenen Subwoofer). Zwei Drittel Medtner, ein Drittel Rachmaninoff sind die Repertoire-Dimensionen, und die Dramaturgie reicht von der eingängigen Synkopen-Evokation einer Engel-Erscheinung aus Medtners Opus 1 (um 1895) bis zu Rachmaninoffs transzendental die Spielbarkeit überschreitendem Endstück seines Opus 32: Vorstöße und Versenkungen in ein Jenseits der musikalischen Bewegung in Ahnung und Vermittlung von verborgener Schönheit der sich herausschälenden melodischen und rhythmischen Grundgestalten. Sudbin gelingt hier die Identifikation mit einer Musik, welche in und durch ihren Verlauf quasi die Aufgabe des Persönlichen, einer distanzierten Haltung erfordert. Er trifft oft genau jene Mischung aus sachlicher Neutralität und virtuoser, nicht überhitzter Emphase, die als heutiges Idealbild erscheinen mag. Nur selten - etwa im von weitspannenden, flügelartigen Bögen der Begleitung durchzogenen Mittelteil des berühmt-berüchtigen g-Moll-Préludes op. 23 Nr. 5 von Rachmaninoff - mag man noch mehr Leidenschaft, ein dezidierteres Bild der Melancholie vermissen. Andererseits beeindruckt gerade, wie Sudbin in Medtners Märchen op. 20 Nr. 1 gelingt, im Gewühl aus Triolen und Hemiolen (zum Teil sogar in einer Hand) schrittweise die Steigerung bis zum Fortefortissimo 'con disparazione' nachzuvollziehen - eine große Interpretation, die etwa Geoffrey Tozers kontrollierte, Basslinien-orientierte Lesart mühelos überflügelt. Es sind die neuen Klang-Details, die manchem Stück von Beginn an besondere Spannung verleihen, etwa die schön mal staccato, mal eher portato voneinander abgesetzten Akkorde der linken Hand zu Beginn des Märchens op. 51 Nr. 3, bevor sich Yevgeny Sudbin in ein kämpferisches Accelerando steigert - neben den Tempo- sind es auch die fantasievollen Klangebenen, die kontrastierend Pianist und Hörer überwältigen.

Man vergleiche auch Medtners eigene Einspielungen

Und gerade das ist manchmal ganz anders als bei den Ahnen: Horowitz wahrt in seiner Erzählung von op. 51 Nr. 3 eine gewisse, gerade im Graziösen sogar humorvolle Distanz, er ist ein auktorialer, allwissender Erzähler, dessen Persönlichkeit uns die Geschichte erst vermitelt, während Sudbin sich direkt einfühlend in die Charaktere, die Rollen begibt und sich unmittelbar mit deren Affekten identifiziert: ein ‚personales‘ Erzählen, das sowohl mit dem Pathétischen als auch dem Virtuosen als Rolle des pianistischen Mediums ohne Einschränkung verschmilzt und den Hörer zu überwältigen vermag. Ganz anders schließlich waren auch die eigenen Einspielungen Medtners, der in den 1930er Jahren für Columbia und HMV vorzugsweise seine eigenen Werke einspielte (remastered u.a. vom Label Appian/apr Ende der 1990er Jahre): irgendwie gelassen, aber doch völlig von dem, was er musiziert, überzeugt. An diese Tradition knüpft Sudbin - anders etwa als Marc-André Hamelin, der auch Werke von Medner edierte - weniger merklich an und unterlässt auch im Booklet einen Hinweis darauf, ohrenscheinlich Medtners Aussage fürchtend, es gebe mehrere Arten, ein Werk zu spielen, aber nur eine sei die beste (und viele mögen tatsächlich glauben, es sei grundsätzlich die des Komponisten). Es ist allerdings schwer, valide Kriterien für das Bessere zu behaupten: Für Historisten mögen Horowitz oder Medtner die goldene Zeit dieser Musik markieren, in der die Fantasie und Faszination des musikalischen Erzählens sich fast unwillkürlich ergab. Sudbin allerdings aktualisiert diese Musik, indem er seine heutigen Möglichkeiten der emotionalen Identifikation und spiel- wie klangtechnischen Darstellung ausschöpft: keineswegs eine überkommene (oder mit Eduard Hanslicks Worten ‚verrottete‘) Gefühlsästhetik, sondern eine zeitgemäße Begeisterung für Unzeitgemäßes. Auch das ist ein guter, wenn nicht gar der beste Zugang zu Medtner in unserer Zeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Medtner, Nikolei und Rachmaninoff, Sergei: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
02.12.2015
Medium:
EAN:

SACD
7318599918488


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Medtner, Nikolai
Rachmaninoff, Sergej


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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