> > > Wagner, Richard: Sämtliche Overtüren und Orchesterwerke aus den Opern
Sonntag, 22. Juli 2018

Wagner, Richard - Sämtliche Overtüren und Orchesterwerke aus den Opern

Irgendwer macht Wagner


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf drei CDs sind sämtliche Vorspiele und Orchestermusiken aus den Opern Richard Wagners enthalten, großteils eingespielt vom Philharmonia Orchestra unter Yuri Simonov.

Das Label Brilliant Classics vermarktet diese Zusammenstellung als esoterische Berieselung. Zu sehr erinnert das Coverbild an ein typisches Standbild der unzähligen YouTube Uploads von Wagners Stücken, bei denen dann oft nicht mal die Interpreten vermerkt sind. So scheint auch hier der Komponist ganz allein in den Vordergrund gerückt zu werden: in Großbuchstaben thront die fette Aufschrift "Wagner" auf dem Coverbild.

Zwischen Hast und Statik

Das Philharmonia Orchestra ist vor allem für seine große Menge an Einspielungen bekannt. Yuri Simonov schafft passagenweise umwerfende Atmosphäre. Besonders an langsamen Stellen verschleppt er teils jedoch das Tempo. So beispielsweise beim Vorspiel zu 'Parsifal' und zu 'Tannhäuser', wenn die Musik eigentlich einen Zug nach vorne hat, hier aber verweilt und ständig gebremst wirkt. Häufig heißt es in Wagners Notentexten 'nicht schleppen', da sich der Komponist der Gefahr bewusst war. Es ist ein schmaler Grad dazwischen, diese Musik nicht zu überhasten und gleichzeitig nicht die Spannung durch Schleppen zu verlieren. Paradoxerweise muss trotz des vermeintlichen Verweilens auf einer Stelle stets eine klare Richtung vorgegeben werden, was die spezielle Schwierigkeit der Interpretation von Wagners Musik ausmacht. Viele Dirigenten neigen dazu, einzelne Klänge ekstatisch zu zelebrieren und verlieren dabei den Sinn fürs große Ganze, das bei Wagner wie bei kaum einem anderen Komponisten an vorderster Stelle steht. Bei gewaltigen Ausbrüchen kommt dann Simonovs Verständnis für die Musik wieder klar zum Ausdruck. Wenn die Musik an Tempo gewinnt, gewinnt sie hier auch an Form. Hervorragend gelingt die Steigerung in der Orchestermusik aus dem 'Ring', wie in 'Siegfrieds Rheinfahrt' oder 'Waldweben' aus dem zweiten Akt des 'Siegfried'. Das Philharmonia Orchestra schafft eine Transparenz, bei der auch viele kleine Details zur Geltung kommen, welche in der gewaltigen Orchestrierung gern untergehen. Die anmutige Führung der Streicher ergänzt den vollen und präzisen Klang des Blechs.

Bunter Mischmasch

Man kann nur mutmaßen, dass die Zusammenstellung wegen der Rechte an den Einspielungen so zustande gekommen ist. Auf der dritten CD begegnen Aufnahmen des Luxembourg Radio Orchestra und der Hamburger Symphoniker unter Alois Springer dem St. Louis Symphony Orchestra unter Jerzy Semkov und den Bamberger Symphonikern unter Heinrich Hollreiser. So unterschiedlich die Interpreten sind, so verschieden sind die hier enthaltenen Werke. Die Luxemburger spielen das Vorspiel zum 'Liebesverbot' als das, was es ist: eine Anlehnung an die Pariser Oper des frühen 19. Jahrhunderts, mit französischen und vor allem italienischen Anklängen. Deutlich wird die Beeinflussung durch die großen Belcanto-Komponisten, denen Wagner später so sehr spottete. Daneben kontrastiert das etwas populärere Vorspiel zu den 'Feen' mit romantischer Wucht, aber auch liedhafter Bescheidenheit. Einen riesigen Zeitsprung gibt es anschließend zur 'Karfreitagsmusik' aus dem 'Parsifal', der fast ein halbes Jahrhundert später entstand. Diese Musik und das 'Siegfried-Idyll', welches die Einspielung abschließt, hat die Romantik längst überwunden. Gewaltige Klangflächen werden hier von den Musikern ausgebreitet.

Kaum Konkurrenzfähig

Viele gute Einzelmomente reichen schwerlich, um sich neben den zahlreichen Höhepunkten der Wagner-Interpretation zu behaupten. Seit Anbeginn der Tonaufzeichnung bis in die heutige Zeit gibt es zahlreiche Dirigenten, die sich einen Ruf als Wagner-Interpreten gemacht haben und die neben sich kaum Raum für Alternativen lassen. Zweifellos ist es immer eine Leistung, Wagner überhaupt zu bewerkstelligen; wer sich in die Musik jedoch einmal weiter hineingehört und hineingedacht hat, wird immer bei den Großen landen, deren Namen auch über den Tod hinaus mit Wagner verbunden sind.

Ouvertüre oder Vorspiel

Wagners Vorspiele stellen einen Mikrokosmos dar, sind sind Ergebnis seiner bis ins letzte Detail greifenden und jedem Werk eigenen Tonsprache. Bezeichnend ist auch, dass Wagner die Vorspiele vorwiegend schon zu Beginn seiner Arbeit an einem Werk verfasste, während es früher (bei Mozart etwa) nicht unüblich war, die Ouvertüre zuallerletzt zu schreiben. Dieses Vorgehen ist Ausweis dessen, dass kleine Tongruppen und Motive die Wurzel des gesamten abendfüllenden Musikdramas sind. Diese Formeln werden nicht erst im Nachhinein im Vorspiel zusammengeschnitten, sondern sind Basis der Gesamtnalge und von Anfang an miteinander verwoben. Eigentlich ist das ganze Werk bereits in den bis zu fünfzehnminütigen Vorspielen enthalten.

Konstantin Parnian Kurzkritik von Konstantin Parnian ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Sämtliche Overtüren und Orchesterwerke aus den Opern

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
3
19.02.2016
EAN:

5028421949376


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