> > > Clementi, Muzio: Gradus ad Parnassum op.44
Dienstag, 19. November 2019

Clementi, Muzio - Gradus ad Parnassum op.44

Clementi klettert zum Glück


Label/Verlag: Arts music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Angenommen, man geht zu einem Notenhändler und fragt nach Clementis ?Gradus ad Parnassum?; so wird man in den meisten Fällen ein einziges Heft in die Hand gedrückt bekommen, beim genauen Hinschauen wird man jedoch darüber stolpern dass das, was man dort in der Hand hält noch lange nicht das komplette Werk, sondern lediglich eine von Carl Tausig getroffene Auswahl einiger Fingerübungsstücken ist. Das ?Gradus ad Parnassum? umfasst nämlich nicht nur neunundzwanzig, sondern nicht weniger als hundert Stücke in vier Bänden.

Und wie bezeichnend ist es gerade für dieses Werk, nur die Auswahl in die Hand gedrückt zu bekommen, denn den wenigsten ist diese Sammlung noch in ihrem ganzen Umfang bekannt. Von Klaviermusikführer belehrt und zurechtgewiesen, erkennt der willige Hörer, dass es sich hierbei um ein ebenso epochales Werk handle, wie es zum Beispiel Bachs ?Wohltemperiertes Clavier? darstelle.
Letzteres sei einmal als Behauptung dahingestellt. Bleibt die Tatsache, dass Muzio Clementis ?Stufen zum Parnass?, zum Tempel der Musen, bewusst als Lehrwerk für den heranreifenden Musiker gedacht war und ihm alle damals notwendigen Techniken und Handwerkszeuge mitzugeben, deren er sich als fertiger Musiker zu bedienen wissen muss.

Bekommt man nun gesagt, Clementis Opus sei auf vier CDs à fünf Stunden Hörvergnügen eingespielt worden, zieht vor dem geistigen Auge das Bild eines klavierübendes Kindes herauf, das Stunden damit verbringt, mit der ein Hand die Tonleiter herauf und mit der anderen wieder hinunterzuspielen. Seien wir ehrlich ? jemandem bei seinen täglichen Fingerübungen zuzuhören hat schon etwas Sinnentleertes. Es muss uns also noch etwas anderes angeboten werden, um unser Interesse wecken zu können.
Fügt man hinzu, dass es sich beim ?Gradus ad Parnassum? nicht nur um technische Übungen, sondern in gleicher Weise auch um formelle handelt, klingt das schon etwas interessanter. Clementi wollte etwas erschaffen, dass den Techniken seiner Zeit Rechnung trägt, und schreibt somit eine Sammlung mehrerer Stücke unterschiedlichen Charakters, die sich zum einen natürlich der Geläufigkeit, zum anderen aber auch Formprinzipien wie beispielsweise dem Kanon, der Sonatenhauptsatzform oder der Fuge widmet.

Hier liegt genau das Problem einer Gesamteinspielung. Nicht alle Stücke sind von gleicher Qualität, und so bleibt einem nur die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen zu sortieren. Gerade die Fugen sind mit das Interessanteste, was das Werk zu bieten hat, und nicht zuletzt die langsameren, meditativeren Stücke, denen man zumindest einen gewissen Grad an musikalischer Tiefe unterstellen kann.
Mit Sicherheit ist das Opus ein Unterrichtswerk, dem sich einen Lernender durchaus anvertrauen könnte, doch sind im Laufe der Zeit neue technische Problemstellungen aufgetaucht, mit denen Pianisten konfrontiert sind, und durch die Masse an vorliegendem Notenmaterial fällt die Wahl zwangsläufig auf die Werke, die außerhalb ihrer technischen Anforderungen eine ganz andere Tiefendimension erreichen. Und so verbleibt Clementis ?Gradus ad Parnassum? als historisch interessant im Schatten anderer Werke.

Dass das auch die für die Gestaltung der Aufnahme zuständigen Mitarbeiter des Labels ?Arts? so sehen beweist schon die Tatsache, dass sich die Einspielung zehn in Deutschland eher weniger bis unbekannte italienische Pianisten teilen. Jeder darf genau zehn Stücke spielen, nicht mehr und nicht weniger. Eine Art olympischer Fackellauf zum Feuer des Parnass. Wollten die alle nicht mehr spielen, oder durften sie nicht. Doch da diese Frage ohnehin nebensächlich wird, sparen wir uns eine nähere Analyse in den Unterschieden des Klavierspiels der einzelnen Akteure, damit diese Besprechung nicht ins Bodenlose abrutscht. Außerdem ist es ohnehin schon schwierig, nach zehn Stücken unterschiedliche musikalische Anlagen in der Interpretation bei zehn unterschiedlichen Pianisten auszumachen

Insgesamt ist also diesem nicht ganz preiswerten Spaß nicht unbedingt und euphorisch zuzuraten. Wer die Box nun unbedingt haben muss, soll sich nicht aufhalten lassen, denn es ist nicht unbedingt Schund, was er dort geboten bekommt. Und vielleicht kommt er ja dem Parnass ganz nah. Und wenn er nicht gestorben ist, dann klettert er noch heute.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Florian Wetter Kritik von Florian Wetter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Clementi, Muzio: Gradus ad Parnassum op.44

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Arts music
4
27.01.2005
4:59:00
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0600554768724
47687-2

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Clementi, Muzio


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Arts music

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