> > > Tippett, Michael: King Priam
Montag, 20. Mai 2019

Tippett, Michael - King Priam

Langjährige Wirkungsstätte


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Kent Opera brachte anlässlich Michael Tippetts 80. Geburtstag 'King Priam' auf die Bühne. Die Wiederauflage kann nicht nur technisch überzeugen, sondern ist musikalisch vollauf gelungen. Die Charaktere werden sehr gut und treffsicher eingefangen.

Seit seiner Gründung 1969 bis 1984 war Roger Norrington Musikdirektor der Kent Opera, einer kleinen experimentierfreudigen Opernkompanie, die lange vor Glyndebourne neue Wege der Opernregie erkundete, die ungewöhnliches Repertoire erarbeitete, mit neu in Auftrag gegebenen Kinderopern neue Zuhörerschichten heranziehen konnte, schlussendlich aber finanziell nicht rentabel genug arbeiten konnte und 1989 aufgegeben werden musste. Wie in Nordengland Opera North, bespielte die Kent Opera eine ganze Reihe an Theatern im Süden der Insel; allerdings war die Kent Opera die frühere Gründung und musste wie die meisten Theater in Großbritannien ohne öffentliche Fördermittel auskommen. Die Liste der rekrutierten Regisseure liest sich ebenso illuster wie die der Gastspielreisen. Zu Michael Tippetts 80. Geburtstag wurde 1985 'King Priam' aufs Programm gesetzt und fürs Fernsehen produziert. Die Videokassette blieb eine gesuchte Rarität, nicht zuletzt weil Covent Garden Tippett-Opern nicht nur selten aufs Programm setzten, sondern vor allem nicht vermarkteten bzw. öffentlich zugänglich machten.

'King Priam', 1960-2 entstanden und möglicherweise Tippetts international erfolgreichste Oper überhaupt, beleuchtet den Trojanischen Krieg aus der Perspektive vierer Paare – Priam und Hecuba, Hector und Andromache, Paris und Helen sowie Achilleus und Patroclus. Achill und Patroklos als Liebespaar auf die Bühne zu bringen, war bei dem offen homosexuellen Tippett keine Überraschung, verursachte aber – nicht zuletzt wegen der musikalisch ungemein reichen und vielfältigen Partitur – weder damals noch später einen Skandal, auch wenn damals Homosexualität noch strafbar war. Bis heute wurde nur eine Schallplattenproduktion der Oper veröffentlicht (im November 1980 für Decca produziert, heute auf Chandos lieferbar), obschon Live-Mitschnitte u.a. aus den Jahren 1962 (Uraufführung!), 1975, 2003 u.v.m. greifbar wären. Mit Nicholas Hytner und Roger Norrington war an der Kent Opera ein Dreamteam am Werk, und Norrington, der die musikalische Leitung der Kompanie im Vorjahr an Iván Fischer übergeben hatte, ließ es sich nicht nehmen, seiner leider viel zu wenig dokumentierten Liebe zur britischen Musik zu frönen.

Hytners stark stilisierter 'King Priam' ist ein Werk der starken Kontraste, auch wenn man die visuelle Umsetzung der von Paris ausgehenden ‚Gefahr‘ (er ist als einziger der gesamten Besetzung der Produktion ein Farbiger) heute als alles andere als politisch korrekt bezeichnen muss. Da Tippetts Oper (nicht zuletzt des antiken Sujets wegen) auch selbst stark stilisierte Züge trägt (Figur des Hermes, Rückblende des Urteil des Paris mit Andromache, Hecuba und Helena als Inkarnationen der drei Göttinnen), ist Hytners Zugang ausgesprochen nahe am Originalkonzept. Unterstützt wird er durch den Ausstatter David Fielding und dem Beleuchter Paul Pyant; die für das Fernsehen eingerichtete Bühneninszenierung wurde von Robin Lough äußerst überzeugend visuell eingefangen.

Rodney Macann weiß die anspruchsvolle Titelrolle von Anfang bis Ende in vielen Facetten auszuspielen und auch musikalisch auszuarbeiten. Neben seinem farbenreichen und flexiblen Bassbariton ist er auch dramatisch jeden Moment in seinem Element, auch über die Spannweite mehrerer Jahrzehnte (Geburt Paris bis zum eigenen Tod). Die Verzweiflung über Hectors Tod ist musikalisch ausgesprochen differenziert musikalisch und darstellerisch ausgearbeitet, und es ist bedauerlich, dass Macann nicht die Bühnenkarriere machte, die man ihm gewünscht hätte.

Ähnliches lässt sich von Omar Ebrahim als Hector sagen. Vom oberflächlichen, verwöhnten Teenager, der unbeabsichtigt Paris‘ einzigen Besitz, einen zahmen Stier, tötet, den Jungen dann aber sofort an die Hand nimmt und ihm brüderlich zur Seite steht, ihn aber angesichts der Feigheit im Kriege zurückstößt, ist gesanglich und darstellerisch ausgezeichnet gemeistert, nicht zuletzt auch dank Ebrahims gutem Aussehen, das in der Eröffnungsszene geradezu zelebriert wird. Paris hat insgesamt drei Inkarnationen: Das schreiende Baby ist Felix Boakyu-Kuffour, der Heranwachsende (Knabensopran) Nana Antwi-Nyanin und der Erwachsene der Tenor Howard Haskin. Die anspruchsvolle Partie (der Ruf ‚Helen‘ durchzieht die ganze Oper und muss immer wieder musikalisch variativ verlebendigt werden – in der Schallplattenaufnahme übernahm Philip Langridge den Part) ist bei ihm in den allerbesten Händen, die sorgsame Probenarbeit zeigt auch bei ihm ein äußerst facettenreiches Charakterbild der widersprüchlichen Figur.

Neben den ‚Nonames‘ bietet die Produktion auch eine ganze Reihe renommierter britischer Sänger auf. Die vier weiblichen Hauptpartien sind hierzu zu zählen – Janet Price als schon zu Beginn merkwürdige alte Hecuba, Sarah Walker als expressiv-starke Andromache in einer ihrer besten Rollen, Enid Hartle als fürsorglich-anteilnehmende Amme und Anne Mason in der von Tippett charakterlich äußerst undankbar angelegten Partie der Helen. Richard Suart spielt den (hier gar nicht so alten) ‚Alten‘ (mit der Amme und dem jungen Wächter – Mark Curtis den griechischen Chor übernehmend, während Einsätze des Kent Opera Chorus – Choreinstudierung Timothy Dean – vor allem Einwürfe von hinter der Szene sind), Christopher Gillett den Wagners Loge gar nicht so fernen Gott Hermes (ganz in Goldmakeup und in gänzlich unterschiedlicher Robe, vom knappen Slip bis zum Kriegsmantel). Neil Jenkins ist musikalisch ein rundum überzeugender Achilles – nachdenklich-sehnsuchtsvoll, später kriegswütend im zweiten Akt, liebestrauernd im dritten. Was ihm aber mangelt, ist das visuell äußerlich Heroische, das gerade in den Fällen von Priam, Hector und Paris so sehr in Übereinstimmung mit der dramatischen Situation steht. Da gibt es keine erotische Beziehung zwischen Achilles und Patroclus (sowohl musikalisch als auch darstellerisch ein deutlicher Schwachpunkt, der einen eher eindimensionalen Bass und eine eher schwächliche Physis aufzubieten hat – ohne Frage nie auf dem Schlachtfeld mit Achilles zu verwechseln: John Hancorn). So fehlt eine gerade im Falle Tippett wichtige Komponente, die aber mit Blick auf das Gesamtergebnis zu vernachlässigen ist: Musikalisch ist die Darbietung ansonsten auf allerhöchstem Niveau, und von der genannten darstellerischen Schwäche abgesehen ist auch die szenische Umsetzung sehr überzeugend. Gleich ob im Tutti oder in den Instrumentalsoli (Konzertmeister Peter Thomas, Sologitarre Colin Downes, Soloklavier Susan Tomes), rundum ist das Kent Opera Orchestra bestens einstudiert, Norrington zeigt sich als Meister der musikalischen und musikdramatischen Struktur und der Klangfarbenstaffelung. Seine sorgsame Befassung mit dem Notentext, gleich welcher Epoche, zeigt sich hier auf beste Weise.

Im Vergleich zur DVD sind sowohl Klang als auch Bild nochmals überarbeitet worden – vor allem verschwanden im Bild teilweise arge Filmlaufschatten. Der Klang, gerade in 128 kHz Stereo, ist noch natürlicher, klarer als auf der DVD, das Bild wurde farblich geprüft und in Richtung der Farbnatürlichkeit nachkorrigiert (vielleicht ist die Farbausleuchtung jetzt sogar etwas zu stark – seinerzeit sicher eine Konsequenz der Produktion fürs analoge Fernsehen mit problematischeren Kontrastwerten). Dass das Booklet gleichzeitig noch ärger auf weniger als die essenziellen Grundinformationen reduziert wurde, gereicht Arthaus Musik aber auf keinen Fall zum Lobe. Mehr könnte hier mehr sein – aber dafür bräuchte es echte Musikliebhaber, keine, die etwas zu starr auf das Budget sehen.


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    Tippett, Michael: King Priam

Label:
Anzahl Medien:
Arthaus Musik
1
EAN:

807280917994


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Tippett, Sir Michael


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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