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Freitag, 5. März 2021

Zemlinsky, Alexander - Kammersymphonie

Neue Perspektiven


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zwei gelungene Bearbeitungen von Zemlinsky-Kammermusik durch Richard Dünser erfahren hier eine vorzügliche Interpretation.

Die Bearbeitung von Kammermusikwerken für Orchester (oder Ensemble) hat eine lange Tradition. Oft ging es dem Arrangeur um das Freilegen klanglicher Schichten, die dem Original sozusagen latent innewohnen, aber erst in der Bearbeitung richtig hervortreten. Die Ergebnisse fielen (und fallen) sehr unterschiedlich aus, abhängig nicht nur von den Fähigkeiten des Bearbeiters, sondern auch von der klanglichen Verifizierung der These: Handelt es sich wirklich um ein Stück quasi-symphonischer Kammermusik, das in seiner Orchesterfassung tatsächlich besser klingt? Oder ist das Original dem Arrangement doch vorzuziehen? Historisch besonders interessant ist hier Hans Pfitzners Streichquartett op. 36, das vom Komponisten selbst zu einer Symphonie umgearbeitet wurde. Die symphonische Anlage des Werkes, meinte Pfitzner, sei so offensichtlich, dass er es lieber gleich selbst orchestriere, bevor es ein anderer mache.

Sein Zeitgenosse Alexander (von) Zemlinsky (1871–1942) schrieb vergleichsweise wenig Kammermusik und hat heute vor allem als Opernkomponist einen Namen. Sein zweites Streichquartett, 1918 uraufgeführt, liegt hier in einer Bearbeitung für Kammerorchester von Richard Dünser vor. Beiheft-Autor Christoph Schlüren hat interessanterweise den orchestralen Charakter bei Zemlinskys Kammermusikwerken grundsätzlich verneint und schreibt: ‚Seine Kammermusik entstand (…) gänzlich abseits orchestraler Ambitionen in Konzentration aufs Strukturelle und Erkundung der intimen Ausdruckspotentiale unter bewusstem Verzicht auf die koloristische Palette.‘ Warum also diese Fassung für Ensemble? Weil das zweite Quartett, so Schlüren, die Ausnahme von dieser Regel sei: Es liege nahe, ‚Zuflucht zur farbenreichen Bearbeitung für gemischtes Kammerensemble zu suchen, um die symphonische Dimension in ihrer Ausführung tragfähig zu machen.‘ So viel zur Theorie – wie klingt die praktische Umsetzung? John Storgårds leitet das Lapland Chamber Orchestra; die außerdem zu hörenden 'Lieder von Nacht und Traum', ebenfalls von Dünser orchestriert, interpretiert die Mezzosopranistin Jenny Carlstedt.

Die fünfsätzige Anlage und Dauer von über 40 Minuten sind sicherlich Indizien für eine symphonisch-orchestrale Arbeitsweise des Komponisten. Auch kann man Dünser nicht vorwerfen, in seiner Bearbeitung künstlich nach Effekten zu schielen – der Satz wirkt angenehm transparent und durchhörbar, was nicht nur für den Bearbeiter spricht, sondern auch für Storgårds, der das lappländische Ensemble sorgfältig ausbalanciert. Zemlinskys meist langsamen, düster-verhaltenen Sätze (darunter ein 'Adagio', ein 'Andante' und ein 'Langsam' zu spielendes Finale) erhalten so vielfältige Schattierungen und Abstufungen, die das Quartett tatsächlich in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Auch im schnellen Mittelsatz wird mit höchster Präzision musiziert, die Ensemble-Mitglieder sind Dünsers anspruchsvoller Bearbeitung vollauf gewachsen. Wer Zemlinskys Musik ohnehin nicht schätzt, wird sich von diesem Arrangement wohl kaum umstimmen lassen, doch alle Freunde des Komponisten können hier sein zweites Quartett von einer neuen Seite kennenlernen.

Dies gilt auch für die sieben 'Lieder von Nacht und Traum', die von Jenny Carlstedt mit feinsten dynamischen Nuancierungen vorgetragen werden. Anders als im Streichquartett ist hier eine Nähe zu Mahler hörbar, vor allem zu dessen 'Liedern eines fahrenden Gesellen' – ob Dünsers Bearbeitung hieran einen substanziellen Anteil hat oder nicht, sei dahingestellt. Das klangliche Ergebnis kann sich jedenfalls hören lassen, Storgårds lässt der Mezzosopranistin jedenfalls alle notwendigen Freiräume, ihre sehr wandlungsfähige und hervorragend tragende Stimme zu entfalten. Carlstedts Deutung des dritten Liedes ('Um Mitternacht') hinterlässt durch dramatische Tiefe einen besonders faszinierenden Eindruck.

Insgesamt wirken die sieben Lieder zwingender und auch interpretatorisch gelungener als die Streichquartett-Bearbeitung – vielleicht nicht unbedingt das von Bearbeiter und Label gewünschte Ergebnis angesichts der unterschiedlichen Länge der beiden Arrangements, doch in jedem Fall ein großartiges Plädoyer für den Komponisten Zemlinsky. Nach langen Jahren der Vernachlässigung ist dieser mittlerweile in den Konzertsälen und auf Tonträgern in vielfältiger Weise präsent. Dünsers Bearbeitungen – mögen sie auch von beckmesserischen Kritikern als willkürlich abgelehnt werden – leisten hierzu einen bemerkenswerten Beitrag, nicht zuletzt natürlich auch die sehr gute Interpretation von Carlstedt, Storgårds und dem exzellent aufgelegten lappländischen Kammerorchester.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Zemlinsky, Alexander: Kammersymphonie

Label:
Anzahl Medien:
Ondine
1
Medium:
EAN:

CD
761195127223


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Zemlinsky, Alexander von


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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