> > > Farnaby, Giles und Bull, John: The Fitzwilliam Virginal Book, Vol.4
Donnerstag, 20. Juni 2019

Farnaby, Giles und Bull, John - The Fitzwilliam Virginal Book, Vol.4

Neuer Ausflug ins britische Cembalorepertoire


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Den vierten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' bestreitet Pieter-Jan Belder mit Kompositionen von Giles Farnaby und John Bull.

Die Handschrift des ‚Fitzwilliam Virginal Book‘, heute aufbewahrt im Fitzwillam Museum in Cambridge und benannt nach ihrem früheren Besitzer Viscount Richard Fitzwilliam, ist eine der bedeutendsten und umfangreichsten britischen Sammlungen von Musik für Tasteninstrumente. Der Folioband versammelt rund 300 Einzelwerke, darunter vor allem zahlreiche zwischen 1562 und 1612 entstandene Stücke von Komponisten wie William Byrd, Orlando Gibbons oder Peter Philips, aber auch anonyme Beiträge und Stücke weniger bekannter Tonsetzer wie William Inglott, John Mundy, Edward Johnson und Martin Peerson. In der bislang vierten bei Brilliant Classics erschienen Folge seiner Gesamteinspielung fokussiert der Cembalist Pieter-Jan Belder mit jeweils einer CD auf die beiden britischen Komponisten Giles Farnaby (um 1563–1640) – in biografischer Hinsicht als Protestant eine Ausnahmefigur unter den der Sammlung vertretenen Persönlichkeiten – und John Bull (1562 oder 1563–1628).

Besonders gelungen ist Belders Umgang mit Farnaby, dessen gesamtes Schaffen für Tasteninstrumente im ‚Fitzwilliam Virginal Book‘ überliefert ist. Hier ragen vor allem die längeren Stücke hervor, so die eröffnende 'Farmers Pavan' mit ihren unterschiedlichen Abschnitten, stärker aber noch die vier 'Fantasias', deren freiere Diktion der Cembalist in einem Schwanken zwischen gesanglichem und deklamatorischem Zugang zu den Linienführungen umsetzt. Einer der Höhepunkte – neben der kantablen Wiedergabe der reich verzierten Bearbeitung von John Dowlands 'Lachrimae Pavane' (CCXC) – ist die Pavana Nr. XXXIX, deren drei Großteile Belder als logisch aufeinander aufbauende Umschreibungen gestaltet und dabei sehr frei mit dem Verhältnis zwischen führenden und harmonisch gearbeiteten Stimmen umgeht. Die Möglichkeiten der benutzten Cembali – verwendet werden Instrumente von Cornelis Bom, Gerhard Boogard und Titus Crijnen, doch erfährt man nicht, welche Stücke damit jeweils vorgetragen werden – kommen vor allem in Werken wie dem Variationsstück 'Wooddy-Cock' (CXLI) zur Geltung, wo Belder der Musik mit Vollgriffigkeit einen stellenweise geradezu majestätischen Klang verleiht. Kürzere Stücke hingegen sind, wie beispielsweise der 'Meridian Alman' (CCXCI) oder 'Quodlings Delight' (CXIV), prägnant auf die jeweiligen Tanzcharaktere hin ausformuliert, die jedoch zumeist durch Momente freierer Gestaltung eine Brechung erfahren.

Die CD mit Werken John Bulls unterscheidet sich insofern von diesen Farnaby-Lektüren, als Belder hier immer wieder dezidiert übergeordnete Zusammenhänge zwischen einzelnen Stücken hervorhebt: Während er in der 'Pavana of my Lord Lumley' (XLI) die einzelnen Abschnitte durch abweichende klangliche Dispositionen mittels Registrierung voneinander absetzt und dabei einen deklamierenden Duktus anstimmt, folgt er in der nachfolgenden 'Galliarda to my Lord Lumley’s Pavan' (XI) ganz den tänzerischem Duktus, den er freilich agogisch ausgestaltet, wobei er zusätzlich die motivischen Gemeinsamkeiten beider Stücke hervorhebt. Quasi als Finale der Veröffentlichung fungieren die drei gedanklich zusammenhängenden Stücke 'The Quadran Pavan' (XXXI), dessen 'Variation' (XXXII) und die 'Galiard to the Quadran Pavan' (XXXIII), da hier im Rahmen einer rund 20-minütigen musikalischen Abfolge all das vereinigt ist, was die besondere Qualität von Belders Einspielungen ausmacht.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Farnaby, Giles und Bull, John: The Fitzwilliam Virginal Book, Vol.4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
2
22.01.2016
Medium:
EAN:

CD
5028421952543


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Bull, John


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