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Sonntag, 24. März 2019

Andante con moto - Dieter Schnebel - ein Porträt

Porträt des Künstlers als alter Mann


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Susanne Elgetis Filmporträt zum 85. Geburtstag von Dieter Schnebel spürt dem künstlerischen Alltag und der Vollendung der Komposition 'Utopien' nach.

Vor fünf Jahren hat das Label Wergo zum 80. Geburtstags des Komponisten Dieter Schnebel (*1980) eine erhellende und qualitativ kaum zu überbietende, von der Filmemacherin Susanne Elgeti betreute DVD-Produktion zu Schnebels vielleicht bedeutendster Arbeit, den 'Maulwerken für Artikulationsorgane und Reproduktionsgeräte' (1968-74) veröffentlicht. Nun folgt – wiederum von Elgeti verantwortet – ein aus Anlass des 85. Geburtstags entstandenes, in gleichem Maße aufschlussreiches wie behutsam in Szene gesetztes Filmporträt. Unter dem Titel ‚Schnebel. Andante con moto‘ geht die 90-minütige Dokumentation auf sehr persönliche Weise der Frage nach, wie sich das Leben eines Komponisten in der gegenwärtigen Gesellschaft vollzieht. Dabei porträtiert sie den Komponisten als geistig regen Denker, zeigt ihn im Gespräch, beim Komponieren oder in der Kommunikation mit Interpreten, und rückt vor allem die Arbeit an seinen 'Utopien' (2008–13), dem ‚letzten großen Stück, das ich mache‘ mit ‚einer Art Vermächtnischarakter‘ (Schnebel), in den Mittelpunkt.

Elgetis Film bewegt sich entlang der finalen Entstehungsphase dieses Werkes und verdeutlicht das Ringen des Komponisten um den Schluss, konfrontiert dies wiederum mit Ausschnitten aus anderen Arbeiten und Erinnerungen an die Vergangenheit, lässt aber auch die theologischen Reflexionen des praktizierenden protestantischen Pfarrers Schnebel aufscheinen und in ihrem Bezug zur kompositorischen Tätigkeit sichtbar werden. Es geht der Filmemacherin also nicht darum, Schnebels Leben im Stil einer TV-Dokumentation von der Geburt bis zur Gegenwart nachzuerzählen, sondern sie will die Künstlerkarriere in gleichsam vorgelebten Fragmenten präsentieren und setzt diese zu einem mosaikartigen Bild von Schnebels Musikanschauung zusammen. Dabei folgt sie in teils sehr intimen Einstellungen dem gemächlichen Lebensrhythmus des Komponisten und seiner Ehefrau Iris Schnebel-Kaschnitz, blickt auf die vielfachen Verschränkungen von künstlerischer Arbeit und Privatleben und zeigt, wie ein Mensch, dessen künstlerische Lebensleistungen einen wichtigen – wenngleich aufgrund des offensiv belehrenden Ansatzes auch nicht unumstrittenen – Fixpunkt in der Musikgeschichte der vergangenen Jahrzehnte einnehmen, in Würde altert.

Obgleich die einzelnen Sequenzen des Porträts gelegentlich etwas beziehungslos montiert wirken, gelingt es der Regisseurin, ein zwar stark fragmentarisch bleibendes, aber gleichwohl – wie es auf der DVD-Hülle treffend formuliert ist – ‚authentisches Bild vom Leben und Schaffen eines bedeutenden Zeitzeugen und Mitgestalters der Musikentwicklung des 20. und 21. Jahrhundert‘ vor den Augen des Zuschauers auszubreiten. Als Bonusmaterial enthält die DVD neben der eigentlichen Dokumentation ein 20-minütiges Interview mit dem Komponisten, und auch das Booklet wartet mit zusätzlichen Materialien auf, die den Film um einzelne Aspekte ergänzen, nämlich mit einem Gespräch von Gisela Nauck mit der Regisseurin, in dem den Herausforderungen dieser filmischen Annäherung an Schnebel nachgespürt wird, sowie mit dem Wortlaut einer Predigt, die Schnebel am 16. Januar 2012 über Johannes 1, 1–17 in der Apostel-Kirche zu Kaiserslautern gehalten hat.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Andante con moto: Dieter Schnebel - ein Porträt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
04.12.2015
1:50
EAN:
BestellNr.:

4010228081251
MV 8125


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Schnebel, Dieter


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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