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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Bach, Johann Sebastian - Kantaten für Solo-Sopran

Solistisch


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dorothee Mields und Michi Gaigg mit Bach-Kantaten für Solo-Sopran: Eine in der Summe souveräne, klangschöne Platte mit viel vokaler und instrumentaler Eleganz.

Aktuell hat Dorothee Mields zusammen mit dem von der Geigerin Michi Gaigg gegründeten und geleiteten L’Orfeo Barockorchester eine Platte mit Kantaten für Solo-Sopran von Johann Sebastian Bach vorgelegt, mit einer durchaus überraschenden Programmierung. Schon die eingangs erklingende Kantete 'Ich bin in mir vergnügt' BWV 204 ist weder dem geistlichen noch dem weltlichen, auf konkrete Anlässe bezogenen Teil des Kantatenschaffens zuzuordnen: Als moralische Kantate werden philosophische Aspekte eines genügsamen Lebens verhandelt, auf Texte des Dichters Christian Friedrich Hunold. Neben vier etwas gedrängt wirkenden Rezitativen – freilich voller Klangschönheit – sind vier ausgedehnte, je überaus charakteristische Arien voller Substanz und mit höchst charmanten obligaten Zeichnungen zu hören.

Daran schließt sich die Kantate 'Mein Herze schwimmt im Blut' BWV 199 aus Bachs Weimarer Zeit an – früh vollendete Kunst von großem Ernst, ein hervorragendes Beispiel dafür, in welch bemerkenswertem Zenit sich Bach in jenen Jahren mit seinen Kantatenkompositionen befand. Schließlich ist mit der Aria 'Alles mit Gott und nichts ohn‘ ihn' BWV 1127 eine kompositorische Merkwürdigkeit zu erleben, formal nur entfernt mit dem vertrauten, ästhetisch ambitionierten Kantatentyp verwandt, eher eine schlichtere strophische Komposition, freilich von einiger Kunstfertigkeit. Und vor allem mit einer interessanten Geschichte: Ursprünglich ein handschriftlicher Anhang zu einer Geburtstagsgratulation für Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar im Jahr 1713, entging das Manuskript Ende des 18. Jahrhunderts einem Brand des Weimarer Schlosses. Ähnlich glücklich waren die Umstände dann im Jahr 2004, als sich Bachs Handschrift in der Werkstatt der Restauratoren befand, während die Anna-Amalia-Bibliothek von einem Feuer verheert wurde. Dem Bachforscher Michael Maul war es schließlich vorbehalten – auch das ein wirklich glücklicher Zufall –, in eben jener Werkstatt das Manuskript als von Bachs Hand stammend zu identifizieren.

Hochklassig

Ein interessantes und durchaus nicht ganz geläufiges Programm also, das auf hohem Niveau gesungen und gespielt wird. Dorothee Mields erweist sich auch hier als Meisterin des fein Schattierten, reich Nuancierten. In exzellenter Geläufigkeit perlen die Läufe, zeigt sich die technische Finesse ihrer Stimme. Gelegentlich, in raschen Tempi,  führt sie ihre Stimme mit fast instrumentaler Eleganz. Und sie kann bei Bach viel mehr Facetten ihrer charaktervollen Stimme ausspielen, als bei Purcell, Dowland oder Schütz. Die vokale Intonation ist makellos und frei, artikuliert wird elegant und sinnfällig, aus dem Wort, aus dem Affekt gezeugt, und doch mit einigen Freiheiten. In avanciertem dynamischem Zugriff lässt die Sopranistin einige Härten hören; in hoher Lage scheint die Diktion etwas artifiziell, vielleicht auch eine Spur zu passiv, zu wenig dezidiert.

Der instrumentale Befund ist exzellent: Michi Gaigg leitet ihr schmal besetztes Ensemble zu stimmungssattem Spiel an, lässt der Klangfreude freien Lauf, forciert nichts, ermöglicht einen luxuriösen Ensembleklang, in BWV 199 auch mit der gebotenen Gravität und Ernsthaftigkeit, immer wieder garniert mit wunderbaren obligaten Beiträgen.

Das Klangbild ist klar, wirkt sehr gut strukturiert, in feiner Balance, mit einer sehr überzeugenden Präsenz aller Sphären. Gerade das gut fokussierte Bassregister bietet einen schönen Kontrast zur hohen Vokalsphäre. Eine in der Summe souveräne, klangschöne Bach-Platte mit viel vokaler und instrumentaler Eleganz.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Kantaten für Solo-Sopran

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Carus
1
06.11.2015
67:21
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350833098
8330900


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Bach, Johann Sebastian


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"Johann Sebastian Bachs Musik sucht an Ausdruckstiefe und Gestaltungsreichtum ihresgleichen. Dies wird vor allem in den berühmten Sopran-Solokantaten deutlich, von denen auf dieser Aufnahme Kantaten „Ich bin in mir vergnügt“ BWV 204 und „Mein Herze schwimmt im Blut“ BWV 199 (Weimarer Fassung, 1714) zu hören sind. Ergänzt werden die beiden Kantaten durch die berühmte Sopran-Arie „Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn“ BWV 1127. Dorothee Mields beweist hier einmal mehr, dass sie eine der führenden Interpretinnen unserer Zeit für die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts ist. Mit dem L’Orfeo Barockorchester unter Michi Gaigg legt sie exemplarische Interpretationen dieser eher selten zu hörenden Solokantaten vor."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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