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Sonntag, 21. Januar 2018

Tanejew, Sergej - Streichquintette op. 14 & 16

So klingt Russisch!


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unbekannte russische Perlen zum Klingen gebracht.

‚Tanejev scheint mir in seinem Streichquintett mit zwei Bratschen, das als op. 16 im Jahre 1905 veröffentlicht worden ist, mindestens ebenso wertvolle Gedanken niedergelegt zu haben wie in seinem Streichquintett mit zwei Violoncellen op.14 und seinen sechs Streichquartetten, aber er verlangt von den Ausführenden und den Hörern sehr viel geistige Mitarbeit, die dadurch, daß das Werk sehr ausgedehnt ist, noch erschwert ist.‘ Diese Einschätzung Wilhelm Altmanns in seinem "Handbuch für Streichquartettspieler" findet seine Bestätigung durch die neue Aufnahme beider Werke mit dem Utrecht String Quartet und seinen Mitmusikern Alexander Zemtsov und Peter Wispelwey. Dabei ist der Name Tanejev heute nur noch Experten bekannt, vor allem durch seine berühmten Kompositionsschüler von Rachmaninoff bis Skrjabin. Seine Werke hört man so gut wie nie, und auch auf dem CD-Markt fristen sie wie viele seiner russischen Zeitgenossen ein Schattendasein. Wie wunderbar also ist es, dass sich das Utrecht String Quartet beim Label Dabringhaus und Grimm immer wieder gerade der russischen Kammermusik widmen darf und sich nach Gretschaninow, Glasunow und Tschaikowsky nun auch Tanejews und seiner Musik annimmt - denn diese Entdeckungsreise lohnt sich uneingeschränkt!

Sergej Tanejew (1856-1915) kam bereits als Zehnjähriger als einer der ersten Studenten ans neu gegründete Moskauer Konservatorium und erhielt Unterricht bei Nikolai Rubinstein (Klavier) und Peter Tschaikowsky (Komposition). Als erster erhielt er in beiden Fächern zu seinem Abschluss die Goldmedaille. 1878 übernahm er von Tschaikowsky dessen Kompositionsklasse und 1881 auch noch kommissarisch Rubinsteins Klavierklasse. Als 28-jähriger wurde er sogar für vier Jahre mit der Leitung des Konservatoriums betraut. Mit Tschaikowsky verband ihn eine lebenslange Freundschaft, die sich darin äußerte, dass dieser ihm seine fertigen Kompositionen zur Begutachtung vorlegte und Tanejew von Tschaikowsky mit dem Solopart bei den Uraufführungen aller seiner Klavierkonzerte bedacht wurde. Tanejew komponierte neben vier Sinfonien und der Operntrilogie 'Oresteia' vor allem Kammermusik. An seinen beiden hier eingespielten Streichquintetten arbeitete er kurz nach der Jahrhundertwende gleichzeitig, nachdem er in einem Konzert ein Quintett Mozarts gehört hatte. Wie auch bei seinen Streichtrios experimentierte er bei den Quintetten mit der Besetzung und wählte für das erste die Boccherini-Besetzung mit zwei Celli, die in Russland durch die Werke Gebels und Glasunows schon eine gewisse Tradition hatte, und für das zweite den etwas helleren Klang mit zwei Bratschen, wie sie sich durch die Werke Mozarts etabliert hatte.

Das Quintett G-Dur op. 14 ist ein dreisätziges Werk mit einem dramatischen Kopfsatz, in dem sich unterschiedlichste Stimmungsbilder in rascher Folge abwechseln. Dabei schwankt das Stück zwischen einfachen, fast klassisch begleiteten Melodien, spätromantischen Klang- und Harmoniefeldern, russisch-orchestralem Tonfall bis hin zu nahezu Mahlerschen Aus- und Abbrüchen. Die Struktur ist zum Teil sehr komplex und erschließt sich nicht unbedingt beim ersten Hören. Auch das kürzere Scherzo des zweiten Satzes ist in großen Teilen dramatisch, stellt aber nur ein Intermezzo vor dem Finalsatz dar, einem Variationssatz, der die beiden vorangegangenen Sätze an Länge übertrifft. Sein Thema trägt bereits Züge einer verdichtenden Verarbeitung, die in den Charakter- und Klangfarbenvariationen weiter vertieft wird. Die Variationen kulminieren in einer Tripelfuge, nicht untypisch für den Polyphoniker Tanejew. Im letzten Abschnitt zitiert Tanejew schließlich noch aus der Oper 'Sadko' Nikolai Rimski-Korsakows, dem das Werk auch gewidmet ist.

War das op. 14 auch wegen seiner dunklen Farben durch die zwei Celli etwas rau im Charakter, so leuchten dem Hörer im op. 16 nicht nur die helleren Klänge der zwei Bratschen entgegen. Das Werk ist insgesamt viel melodiöser und gesanglicher gestaltet. Der erste Satz ist eigentlich ausufernd in jeder Beziehung, maßlos in seiner Klangfülle, schier unerschöpflich in seinem Klangfarbenreichtum und erinnert in seiner Klanglichkeit und Süßlichkeit mitunter an Schönbergs 'Verklärte Nacht'. Auch hier erschließt sich die Struktur nicht beim ersten Hören, aber die Musik reißt den Hörer wie in einem Strom einfach mit. Der langsame zweite Satz stellt quasi eine einzige nicht enden wollende Melodie dar - Musik zum Schwelgen und sich darin Verlieren. Der dritte Satz ist dann ein etwas leichteres 'Allegretto', das aber auch dramatische Kontraste zu bieten hat. Und das Finale nimmt lange Anlauf bis zum Höhepunkt, einer großen Tripelfuge, an deren Ende das C-Dur-Stück ins Moll abdriftet, vielleicht ein kleiner Hinweis darauf, dass es dem Andenken des kurz vor der Vollendung des Werkes verstorbenen Mitrofan Belaieff gewidmet ist, der durch seinen Verlag einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für die russische Musik geleistet hatte.

Altmann erwähnt in dem oben aufgeführten Zitat auch die Schwierigkeiten für die ausführenden Musiker bei diesen beiden Werken. Es ist wirklich beeindruckend, wie überzeugend das Utrecht String Quartet mit seinen beiden Gästen hier zum wiederholten Male agiert. Technisch immer äußerst souverän zaubern die Musiker bei dieser Einspielung eine Vielfalt an Klangfarben und musikalischen Stimmungen, wie man sie nicht oft auf Aufnahmen hört, wie sie aber für diese russische Musik unabdingbar sind, um sie wirkungsvoll zum Klingen zu bringen. Man merkt hier bei jeder Note, dass das Utrecht String Quartet in dieser Musik einfach zuhause ist und sich ihr mit Herzblut hingibt.

Auch das wie immer bei MDG sehr informative dreisprachige Booklet und die schöne grafische Gestaltung runden diese Aufnahme zu einem Gesamtkunstwerk ab, bei dem einfach eins zum anderen passt. Kompliment!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tanejew, Sergej: Streichquintette op. 14 & 16

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
27.11.2015
EAN:

760623192321


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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