> > > Schubert, Franz: Symphonien Nr. 1, 3 & 4
Donnerstag, 2. Juli 2020

Schubert, Franz - Symphonien Nr. 1, 3 & 4

Bedeutungsschwere Akzente und transparente Leichtigkeit


Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Seine Klangvielfalt und Musikalität stellt das Orchester Royal Flemish Philharmonic, dirigiert von Philippe Herreweghe, bei seiner Interpretation der Ersten, Dritten und Vierten Sinfonie von Franz Schubert unter Beweis.

‚Zu leichter Sinn birgt meistens ein zu schweres Herz‘, soll Franz Schubert einmal gesagt haben. Ob sich daraus Rückschlüsse auf seine Sinfonien ziehen lassen, deren musikalische Inhalte größtenteils gewiss nicht als ‚leicht-sinnig‘ bezeichnet werden können, sei dahingestellt. Bereits in jungen Jahren entdeckte Schubert die Sinfonik für sich und vollendete im Alter von sechzehn Jahren seine Erste Sinfonie. Von den insgesamt zwölf Sinfonien, die er bis zu seinem Tod mit 31 Jahren komponierte und nur teilweise vollendete, hat nun das Orchester der Royal Flemish Philharmonic die Erste, Dritte und Vierte Sinfonie neu für Phi auf CD aufgenommen.

Unter der Leitung von Philippe Herreweghe lässt das Royal Flemish Philharmonic die jeweils viersätzigen Sinfonien auf zwei CDs erklingen und offenbart dabei einen erstaunlich vielfältigen Klang. Die Aufnahmequalität – obgleich erst 2015 aufgenommen – lässt zwar noch Spielraum für Verbesserungen, aber auch der große Hall und die zu sehr hörbare Distanz zum orchestralen Klangkörper verschleiern glücklicherweise nicht, wie gut das Orchester in der Lage ist, in Ausdruck und Dynamik zu differenzieren.

Schon in der Ersten Sinfonie D-Dur D 82, die mit einer schicksalhaften Passage beginnt und einer Ouvertüre ähnelt, kommen die Unterschiede in Dynamik, Artikulation und Expressivität gut zur Geltung. Ein Piano ist kein Mezzoforte und ein Dolce ist kein Marcato – was in vielen Interpretationen nicht so eindeutig ist, wie es sich anhören sollte, erscheint hier umso klarer. Durch die daraus entstehende Vielfältigkeit an Klängen entsteht eine so abwechslungsreiche Musik, dass das Ohr weit davon entfernt ist, zu ermüden. Der zweite und dritte Satz der Sinfonie erscheinen sanft und leicht, transparent und doch immer mit einer gewissen Wehmut gespielt. Sämtliche Sinfonien auf diesen beiden CDs spielt das Orchester nicht mit der zu erwartenden ‚mozartschen‘ Leichtigkeit, sondern setzt bedeutungsschwere Akzente und betont schicksalhafte Passagen – eben so, wie Schubert sie komponiert hatte. Obgleich er sich an klassischen Vorbildern orientiert haben mag, schwingt hier schon die schwermütige, romantisch anmutende Grundidee mit.

Die Dritte Sinfonie D-Dur D 200 erklingt gläsern, sanft und in ihrer Offenheit brutal zugleich. Besonders gelungen ist hierbei der zweite Satz, in dem das Ensemble vor allem die leisen Stellen mit viel Witz und Gefühl ausgestaltet, mal das Tempo verzögert, mal steigert und so aus dem 'Allegretto' einen Tanz mit Augenzwinkern werden lässt. Nach einem entschlossenen Menuett, das Aufbruchsstimmung signalisiert, treibt alles in einem hektisch gespielten Finale zusammen. Mit Pauken und Trompeten jagt das Ensemble dem Ende zu und überzeugt einmal mehr von der weiten Spanne seiner dynamischen und expressiven Fähigkeiten.

Ob aus musikalischer oder rein ökonomischer Sicht – die Vierte Sinfonie c-Moll D 417, die von Franz Schubert selbst den Beinamen ‚Die Tragische‘ erhielt, ist als einzige auf der zweiten CD zu finden und setzt sich in ihrem Ausdruck deutlich von den vorherigen ab. Wieder begeistert das Ensemble in lyrischen Passagen durch einen fein ausbalancierten Klang, erstmals sind jedoch hier an manchen Stellen Unsicherheiten in Intonation und Abstimmung zu hören. Doch das kontrastreiche Spiel, mit dem auch die Vierte Sinfonie zu einem angenehmen Klangereignis wird, überzeugt über intonatorische Schwächen hinweg. Nun ist die Vierte Sinfonie im Grunde nicht tragischer als die vorherigen – doch der Ausdruck ist ernster geworden.

Im beigefügten Booklet äußert sich der Musikwissenschaftler Xavier Hascher nicht nur aufschlussreich zur Entstehung und Veröffentlichung der angeführten Werke, sondern hält gleichsam auch ein leidenschaftliches Plädoyer für die allgemeine Rezeption der Werke Franz Schuberts: ‚Diejenigen, die Schubert […] kompositorische Faulheit vorwerfen, sollten sich die Frage nach ihrer eigenen intellektuellen Faulheit stellen, um deren Sinn zu verstehen‘ (aus dem Französischen übersetzt von Monika Winterson).

Insgesamt präsentiert das Royal Flemish Philharmonic hier drei Sinfonien in einem runden, ausgewogenen Klang, der zu keiner Zeit in Routine zu fallen scheint, sondern den Zuhörer durch stetige Wechsel in Dynamik und Ausdruck erfreut und den Werken gerecht wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Miriam Thaler Kritik von Miriam Thaler,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Symphonien Nr. 1, 3 & 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Phi
2
06.11.2015
Medium:
EAN:

CD
5400439000193


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Phi

Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion.
Mit der Realisierung dieses Katalogs erfüllt sich Philippe Herreweghe seinen Herzenswunsch, die Ergebnisse seiner musikwissenschaftlichen Forschungen und der im Laufe einer langen Karriere gewonnenen Erfahrungen hörbar werden zu lassen.
Mit vier bis fünf Neuproduktionen pro Jahr wird der Katalog Aufnahmen des wichtigsten symphonischen und chorischen Repertoires umfassen, Polyphonisches und natürlich die Werke von Johann Sebastian Bach, die Philippe Herreweghe in dem Bestreben wieder aufgreifen wird, immer vollendetere Versionen zu schaffen.


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