> > > Brahms, Johannes: Violinkonzert in D Op. 77; Streichquintett Nr. 2 G-Dur Op. 111
Sonntag, 16. Januar 2022

Brahms, Johannes - Violinkonzert in D Op. 77; Streichquintett Nr. 2 G-Dur Op. 111

Brahms einmal anders


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der Personalunion von Orchesterleiterin und Solistin wagt sich Antje Weithaas an eine Wiedergabe des Brahms'schen Violinkonzerts und überrascht mit einigen ungewöhnlichen Details.

Mit ihrer neuen CD wagt sich Antje Weithaas in zweifacher Hinsicht auf unübliches Terrain: Im Zentrum steht zunächst eine Wiedergabe des Violinkonzerts D-Dur op. 77 von Johannes Brahms – Mitschnitt einer Aufführung von Dezember 2014 –, bei der die Geigerin selbst in Personalunion von Orchesterleiterin und Solistin agiert. Ergänzt wird diese Live-Aufzeichnung durch eine orchestrale Adaption des Brahms’schen Streichquintetts Nr. 2 G-Dur op. 111, die das Werk in einem ungewöhnlichen Klanggewand erscheinen lässt. Beide Aufnahmen verdanken sich dem Umstand, dass Weithaas aufgrund ihrer Funktion als künstlerische Leiterin der Camerata Bern in den zurückliegenden Jahren genügend Gelegenheiten hatte, vom Konzertmeisterposten aus mit dem Klangkörper zu experimentieren und die für eine Interpretation des Brahms-Konzerts notwendigen kommunikativen Strategien zu erarbeiten.

Mit dem Versuch, das sinfonisch konzipierte Werk auf diese Weise aufzuführen, steht die Geigerin bislang weitgehend allein da – wenn man einmal von einer ähnlich motivierten, aber nicht so recht überzeugenden Interpretation durch Thomas Zehetmair und die Northern Sinfonia absieht (Avie Records, 2007). Im Gegensatz zu Zehetmair, der sich vielfach in eine manieristische Zeichnung von Einzelheiten versteigt, spürt Weithaas bei ihrer Brahms-Lektüre den weiträumigen musikalischen Spannungsbögen und Sinneinheiten des Werkes nach. Dies gelingt ihr nicht nur bei der Darstellung des Soloparts und der von Joseph Joachim geschriebenen Kadenz (eine Information, die wieder einmal in der Trackliste des Booklets fehlt), sondern auch im Hinblick auf die orchestralen Teile und die teils sehr enge Verzahnung beider Bereiche ausgesprochen gut. Was dabei vielleicht am meisten überrascht, ist die klangliche Mischung, die sich aufgrund der reduzierten Streicherbesetzung von sieben Violinen, drei Violinen, drei Violoncelli und zwei Kontrabässen ergibt und dem Werk ausgesprochen gut steht, weil sich die Balance zugunsten einer stärker klanglichen Teilhaber der Bläser verschiebt.

Zwar erscheinen streicherdominierte Passagen wie etwa der Beginn des Kopfsatzes relativ kompakt; doch tritt gerate hier der sinfonische Charakter zurück, während zugleich viele erstaunliche Details von Seiten der Bläser zu hören sind, so etwa die klangvoll eingestreuten Hornpassagen oder die Soli in der Coda des Kopfsatzes, wo es in Wechselwirkung mit den zarten Farben des Soloparts zu einem ungemein filigranen Wechselspiel kommt. Wie an dieser Stelle ermöglicht die reduzierte Besetzung eine weit stärker auf die Feinheiten ausgerichtete Handhabung des Violinparts, was Weithaas bei ihrer rundum gelungenen Interpretation weidlich auszunutzen weiß. Gerade im langsamen Satz vollbringt sie dabei Höchstleistungen, indem sie nach dem Leuchten der bläserdominierten Einleitung und dem von Streichern grundierten Rahmenteilen den Mittelabschnitt als fahles, unruhiges Klanggebilde von großer Eindringlichkeit anlegt.

Was im Falle des Violinkonzerts durch Reduzierung der Besetzung zu einer Menge neuer Nuancen führt, gelingt im Falle der orchestralen Präsentation des Streichquintetts nur bedingt: Zu massiv erscheint manchmal die Alt- und Tenorlage durch die Besetzung mit insgesamt sechs Bratschen, was durch Verstärkung der Violoncelli mit einem Kontrabass noch verstärkt wird. Zwar ist die Besetzungsstärke der Camerata Bern so gewählt, dass ein gewisser Ausgleich zwischen den Registerlagen herrscht, doch ist es vor allem die Struktur des Brahms’schen Tonsatzes, die dieser klanglich potenzierten Lesart entgegensteht. Das Stück wirkt denn auch manchmal – vor allem im ersten Satz – seltsam unbeweglich und verliert aufgrund seiner Wucht viele jener Finessen, die für die Quintettfassung so prägend sind. Die stellenweise sehr atmosphärische und zurückgenommene Wiedergabe des zweiten Satzes fängt dies ein wenig auf, doch bleibt der Gesamteindruck eher unbefriedigend, zumal sich gelegentlich auch leichte Intonationsprobleme bei den Musikern einstellen und die Veränderungen in der Klangdisposition den Charakter der Musik entscheidend verändern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Brahms, Johannes: Violinkonzert in D Op. 77; Streichquintett Nr. 2 G-Dur Op. 111

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
13.11.2015
68:09
2014
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4260085533282
8553328


Cover vergössern

Brahms, Johannes
 - Violinkonzert D-Dur Op. 77 - Allegro ma non troppo
 - Violinkonzert D-Dur Op. 77 - Adagio
 - Violinkonzert D-Dur Op. 77 - Allegro giocoso, ma non troppo vivace
 - Streichquintett Nr. 2 G-dur Op. 111 (arr. für Streichorchester) - Allegro non troppo, ma con brio
 - Streichquintett Nr. 2 G-dur Op. 111 (arr. für Streichorchester) - Adagio
 - Streichquintett Nr. 2 G-dur Op. 111 (arr. für Streichorchester) - Un poco Allegretto
 - Streichquintett Nr. 2 G-dur Op. 111 (arr. für Streichorchester) - Vivace ma non troppo presto


Cover vergössern

"BRAHMS Violinkonzert – ANTJE WEITHAAS als Solistin und Leiterin der Camerata Bern „………Sehr häufig ist die Geige umspielend eingesetzt, ähnlich wie im Beethovenkonzert, und deshalb ist für mich bei diesem Stück auch der symphonische Ansatz sehr wichtig. Die geigerischen Schwierigkeiten sollten, wenn man solche Stücke aufnimmt, keine Rolle mehr spielen. Außerdem sind die geigerischen Herausforderungen immer eingebunden in eine größere, übergeordnete Idee. Bei Beethoven ging es darum, die vielen langen Phrasen lebendig zu umspielen. Beim Brahmskonzert ist es viel kompakter – ein durchgearbeitetes Stück. Hier haben wir das, was wir von Beethoven eigentlich erwartet hätten: die vollständige, tiefgründige, dichte Durcharbeitung der Motive, die äußerst konsequente Polyphonie. Und das ist wichtig, herausgestellt zu werden, neben der ganzen Schönheit und Melodienseligkeit, die es auch in diesem Werk gibt. Wir haben es ja angegangen, eine Aufführung und Aufnahme ohne Dirigenten zu machen. Natürlich habe ich auch beim Spiel mit einem Dirigenten den Orchesterpart intensiv verinnerlicht und wäre wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, das Stück ohne Dirigenten zu machen. Aber ich habe sehr häufig das Beethovenkonzert mit der Camerata Bern gespielt und habe also gedacht, es könnte vielleicht doch funktionieren. Weil wir uns über die letzten 7-9 Jahre musikalisch wie auch menschlich sehr genau kennengelernt haben; wir verstehen uns inzwischen blind. Mit einem anderen Ensemble wäre ich das Abenteuer wahrscheinlich nicht eingegangen. Das Entscheidende ist, dass jeder einzelne Musiker in einer kammermusikalischen Idee mit der nötigen symphonischen Energie dabei sein und Verantwortung übernehmen muss. …….“ (Antje Weithaas, Booklettext „Gedanken zum Violinkonzert und Quintett) "


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Der Thomaskantor und der Tango: Martin Klett und sein Ensemble unterstreichen ihre Tango-Kompetenz und ihre stilistische Wandelbarkeit. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Kaum Neues: Das Kölner Streichsextett erkundet britische Raritäten, die aber nicht ganz unbekannt sind. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Rare Streichquintettkost: Zwei ganz unterschiedliche österreichisch-ungarische Zugänge zu einer unterrepräsentierten Gattung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich