> > > Donaueschinger Musiktage 2014: Werke von Ablinger, Adamek, Cerha, u.a.
Sonntag, 16. Januar 2022

Donaueschinger Musiktage 2014 - Werke von Ablinger, Adamek, Cerha, u.a.

Ein guter Jahrgang


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alle Jahre wieder wartet das Label NEOS mit einer Dokumentationsbox zu den letztjährigen Donaueschinger Musiktagen auf. Die Box zum Jahrgang 2014 ist besonders gut gelungen.

Im Oktober 2014 fanden die letzten Donaueschinger Musiktage statt, die der damalige, einen Monat später verstorbene Leiter Armin Köhler noch miterleben konnte. Es handelte sich nicht nur um einen der ereignisreichsten Veranstaltungsreigen dieses Festivals – begleitend zum eigentlichen Programm fand die Ausstellung ‚und+‘ statt, die mittlerweile in einer Buchpublikation des Schott-Verlags dokumentiert ist –, sondern auch um einen der besten Jahrgänge seit langem, wie die überwiegend starke Dokumentation mit einer Auswahl von Festivalarbeiten auf drei SACDs und einer DVD demonstriert. Dabei rückt die Veröffentlichung auch die Leistungen Köhlers als Organisator in den Mittelpunkt, sodass sie zugleich eine Würdigung von dessen fast zweieinhalb Jahrzehnte währender Intendanz bietet.

Abwechslungsreiches Programm

Die erste SACD wird vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Leitung von Emilio Pomàrico dominiert. Friedrich Cerha präsentiert mit seiner Komposition 'Nacht' (2012/13) ein starkes, zwanzigminütiges Orchesterstück, das den österreichischen Altmeister als einen in differenziert gearbeiteten Klangschichten denkenden Künstler zeigt, der in seinem Schaffen die wichtigen Orchestertraditionen des 20. Jahrhunderts zu bündeln versteht. Hanspeter Kyburz dagegen formt sein Orchesterstück 'Ibant obscuri' (2014) zu einer abwechslungsreichen Studie über unterschiedliche, mitunter stark kontrastierende Arten musikalischen Fortschreitens, die er innerhalb eines 16-minütigen Verlaufs ansiedelt. Ergänzt werden diese beiden von ihrer Konzeption her sehr unterschiedlichen orchestralen Klangbefragungen durch François Sarhans etwas zähe Komposition 'Zentral Park' für neun Musiker, Elektronik und Videoprojektionen (2014), die gemeinsam vom Komponisten mit dem Jugendensemble für Neue Musik des Landesmusikrats NRW und dem Experimentalstudio des SWR realisiert wird.

Die zweite SACD ist dem Klangforum Wien gewidmet, das hier unter seinem Dirigenten Ilan Volkov agiert. Salvatore Sciarrino bleibt seinen unverkennbaren Stil in 'Carnaval' für fünf Stimmen und zehn Spieler (2010/11) treu. Auch wenn es sich bei diesem Vokalzyklus nicht um seine stärkste Komposition handelt, beeindrucken die mit dem Schaffen des Italieners bestens vertrauten Neuen Vocalsolisten Stuttgart und das Klangforum Wien unter Leitung von Ilan Volkov mit einer leichtfüßigen Interpretation. Chiyoko Szlavinics dreiteiliges Ensemblestück 'Inner Voicings' (2014) überzeugt durch seine jeweils unterschiedlich ausbalancierte und behutsam sich verändernde Arbeit mit instrumentalen Linien und harmonischen Feldern. Dem Solokonzert hat sich danach Wolfgang Rihm zugewandt, dessen um beziehungsreiche musikalische Gestik und differenzierte dialogische Beziehungen zu den Ensemblemusikern zentriertes Werk 'Sound As Will' für Trompete und Ensemble (2011/14) beim Solisten Marco Blaauw in besten Händen liegt.

Die dritte SACD enthält drei Stücke, die vom Ensemble Modern unter Leitung von Jonathan Stockhammer gestaltet werden. Peter Ablingers 'points & views' (2014), basierend auf der Auseinandersetzung mit grafischen und sprachlichen Strukturen, konfrontiert den Hörer immer wieder mit der Frage nach der Beschaffenheit von Wahrnehmungsprozessen. Kryštof Mařatkas 'Mélodictionnaire' (2014), ein Konzert für Klavier und Septett, wirkt hingegen trotz Hermann Kretzschmars kompositorisch in den Vordergrund gerücktem Solovortrag weitaus weniger kohärent als Ablingers musikalische Versuchsanordnung. In seinem Ensemblestück 'Inconjunctions' (2014) setzt Brian Ferneyhough seine Arbeit mit komplexen, einander überlagernden Klangverzweigungen fort, versteigt sich dabei aber in klanglich austauschbar wirkende Kumulationen und figurative Ausprägungen, die selbst nach mehrmaligem Hören nur wenig an Kontur gewinnen.

Visuelle Anteile

Besonders erfreulich ist, dass das Label NEOS die umfangreiche Audio-Dokumentation diesmal um eine DVD ergänzt hat und damit der Bedeutung gerecht wird, den visuelle Anteile in vielen künstlerischen Arbeiten übernehmen. Dies gilt insbesondere für das vielleicht spannendste Stück des Festivals, Simon Steen-Andersens 'Piano Concerto' für Klavier, Sampler, Video und Orchester (2014) – dargeboten von Nicolas Hodges und dem SWR Sinfonieorchester unter François-Xavier Roth –, dessen Konzeption die Zerstörung eines Flügels und die beschädigte Klangwelt des wieder hergestellten Instruments mit einbezieht, wodurch das Ergebnis zu einem Geflecht aus ungewöhnlichen visuellen wie klanglichen Eindrücken wird. Gleichfalls lohnend für Auge und Ohr ist die überbordende Fantasie, mit der Ondřej Adámek seine Komposition 'Körper und Seele' für Air Machine, Chor und Orchester (2014) zu einem humorvollen ‚Klangtheater‘ formt, das hier gleichfalls vom SWR Sinfonieorchester unter Roth sowie vom SWR Vokalensemble Stuttgart und dem Solisten Christoph Grund dargeboten wird.

Schließlich findet auch die 40-minütige Performance 'The Total Mountain' (2014) der irischen Composer-Performerin Jennifer Walshe Platz auf der DVD, wodurch es möglich wird, dem Geschehen in allen Details zu folgen. Ergänzt wird dies alles – auch dies ein begrüßenswertes Dokument – um den dreiviertelstündigen Filmbeitrag ‚Kämpfer für die Moderne. Armin Köhler und die Donaueschinger Musiktage‘ von Syrthos J. Dreher, der den langjährigen Leiter des Festivals und seinen unermüdlichen Einsatz für die zeitgenössische Musik ausführlich würdigt. Abgerundet werden die in einem Pappschuber untergebrachten Medien durch ein 128-seitiges, dreisprachiges Booklet, das neben den Komponistenbiografien die im Programmheft abgedruckten Werkkommentare sowie gegebenenfalls weitere erläuternde Abbildungen zu allen hier dokumentierten Arbeiten enthält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Donaueschinger Musiktage 2014: Werke von Ablinger, Adamek, Cerha, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
4
13.11.2015
Medium:
EAN:

SACD
4260063115226


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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