> > > Experimentalstudio: 40 Years Anthology, Vol. 1
Dienstag, 25. Januar 2022

Experimentalstudio - 40 Years Anthology, Vol. 1

Erkundung von Klang und Raum


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zwei hochwertige SACD-Produktionen des Labels Neos ermöglichen einen Einblick in die mehr als 40-jährige Geschichte des Experimentalstudios Freiburg und seine kreative Arbeit mit Elektronik und Raum.

Das Experimentalstudio des SWR sieht sich als Schnittstelle zwischen kompositorischen Ideen und deren technischer Realisierung an. Mit seiner mehr als 40-jährigen Präsenz in der internationalen Musikszene ist es daher zu einem Hauptzentrum für ambitionierte musikalische Werke mit Live-Elektronik geworden. Jedes Jahr werden Stipendien an Komponisten und Musiker vergeben, damit diese ihre Ideen mit der speziellen Ausrüstung des Experimentalstudios in Wechselwirkung mit seinen Mitarbeitern realisieren können. Im Anschluss daran übernimmt das Studio eine aktive Rolle bei der weltweiten Aufführung der hierbei entstandenen Kompositionen. Seit einigen Jahren erscheinen in loser Abfolge beim Label Neos neue Produktionen, die mit der Arbeit des Studios vertraut machen. Vol. 1 und 2 dieser Serie widmen sich nun einem Rückblick auf die inzwischen mehr als 40-jährige Geschichte des Studios.

Aktuelle Aufnahmen

Man hat für diese Anthologie nicht etwa auf den großen Fundus von Archivaufnahmen aus der Vergangenheit zurückgegriffen, sondern sämtliche Kompositionen neu eingespielt, dabei von der langjährigen Aufführungspraxis und den kreativen Problemlösungsstrategien im Umgang mit den jeweiligen Aufgabenstellungen profitierend. Das hat vor allem den Vorteil, dass die unter Mitwirkung von Musikerinnen und Musikern des Freiburger Ensemble Experimental und des Collegium Novum Zürich entstandenen, teils von Detlef Heusinger geleiteten Aufnahmen klang- und aufnahmetechnisch auf der Höhe der Zeit sind – was sich vor allem würdigen lässt, wenn man die teils frappierenden Raumklangwirkungen der SACD zur Kenntnis nimmt. Kinderkrankheiten, wie sie in Uraufführungsmitschnitten der Stücke gelegentlich zu bemerken waren, sind längst überwunden, was für die Kompetenz der Studiomitarbeiter spricht.

Im Mittelpunkt der ersten SACD stehen Werke, an denen sich die anwachsende Komplexität der Realisierungsmöglichkeiten während der ersten 25 Jahre des Bestehens ablesen lässt. Dokumentiert sind dabei unterschiedliche Aspekte bei der Arbeit mit Live-Elektronik. Das Spektrum, in dem sich die technischen Entwicklungen dieses Bereichs abzeichnen, reicht von der einfachen Zuspielung vorproduzierter Aufnahmen und der Zuspielung zeitversetzter, live-aufgenommener Klänge bis hin zu komplexen Formen der Transformation von Klang und dessen Projektion in den Aufführungsraum sowie zur vollständigen klanglichen Simulation von Raumakustik. Der begleitenden Booklettext von Ulrich Mosch ist zwar kompetent verfasst, jedoch in Anbetracht des Anlasses und der Möglichkeiten, hier etwas weiter auszuholen, viel zu knapp, zumal auf jedes einzelne der Werke nur ein kurzer Textabsatz entfällt.

Critòbal Halffter und Brian Ferneyhough

Bei Cristóbal Halffters 'Noche pasiva del sentido' (1970–71) handelt es sich um eines der ersten in der Frühzeit des Studios unter dem damaligen Leiter Hans Peter Haller realisierten Werke. Bis heute hat die Komposition nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt: Der feine Umgang mit der Stimme von Sopranistin Hélène Fachère und die Verschmelzung hoher, lang gehaltener vokaler Töne mit den Resonanzen von Glocken, gestrichenen Schlagzeugklängen und gezupften Klaviersaiten erzeugt Übergänge zwischen klanglich ähnlichen Phänomenen. Mithilfe von live aufgezeichnet, aber mittels Verzögerer (Delay) zugespielten Klängen werden aus diesem Grundmaterial Klangarchitekturen von unterschiedlicher Komplexität gebildet. Die Assoziationen mit einem Trauerkondukt sind beabsichtigt: Die tiefen, nachhallenden Resonanzen des Klaviers wirken wie Schläge einer Großen Trommel, die Glocken lassen sich mit Totenglocken assoziieren, wie überhaupt das Stück den Charakter einer sich allmählich verdichtenden und wieder entflechtenden Klage annimmt.

Von der gesamten Konzeption her ist Brian Ferneyhoughs 'Mnemosyne' für Bassflöte und Zuspielung (1986) die einfachste der präsentierten Kompositionen, da sich hier tatsächlich nur ein live gespieltes Instrument und ein vorproduzierter Zuspielpart einander gegenüberstehen. Dass die klanglichen Vorgänge dennoch komplex sind, hängt damit zusammen, dass der Solist mit einem achtfachen Mehrfachplayback seiner selbst konfrontiert ist. Aus dieser Ausgangssituation heraus entfaltet sich eine vielfach verschachtelte Musik voller diffiziler und feiner Wendungen und zarter, einander umwindender und durchdringender Klangbänder, die durch ständig fluktuierenden Veränderungen der Klangdichte wie ein lebendiger Organismus wirkt. Auch wenn mittlerweile mehrere Einspielungen des Werkes verfügbar sind, kann der Flötist Martin Fahlenbock durch enorme Differenziertheit und Nuancenreichtum glänzen.

André Richard und Detlef Heusinger

André Richards Komposition 'Glidif. a sonar e cantar, a Luigi Nono in memoriam' für Bass-/Kontrabassklarinette, zwei Kontrabässe und Live-Elektronik (1989/90; revidiert 1991) verdankt sich den musikalischen Erfahrungen, die Richard als Leiter des Experimentalstudios in den knapp zehn Jahren der Zusammenarbeit mit Luigi Nono gemacht hat. Richard denkt diese Impulse aber zu einer eigenständigen Konzeption weiter, die zugleich Hommage an den 1990 verstorbenen Italiener ist. Charakteristisch dafür ist die Arbeit mit tiefen Frequenzen, die teils in Gestalt von Klangblöcken in den Raum gesetzt werden, deren elektronisch veränderte und mit Obertonstrukturen und Geräuschkomponenten aufgeraute Echos aber auch zur Konstruktion von einander überschneidenden Klangräumen benutzt werden. Der Vergleich mit dem anderweitig veröffentlichten Mitschnitt der Uraufführung (Grammont Porträt, 1998) bestätigt den Eindruck, dass das räumlich erfahrbare Klangbild der Neuaufnahme viele zusätzliche Details hörbar macht und dem Werk ausgesprochen gut tut.

Die letzte Komposition der Produktion, 'Abraum II' für Klaviertrio und Live-Elektronik (1995), stammt von Detlef Heusinger, dem seit 2006 amtierenden aktuellen Leiter des Experimentalstudios. Im Zentrum stehen die Klangkomponenten eines Klaviertrios, die räumlich verlagert, gedehnt und verändert werden. Heusinger zelebriert hier eine permanente Metamorphose, sodass jede klangliche Spur traditionellen kammermusikalischen Musizierens verschwindet. Dass das Stück – es handelt sich um eine der stärkeren Arbeiten des Komponisten – gegenüber den übrigen Werken abfällt, resultiert aus dem allerdings immer noch behutsam eingesetzten Showcharakter, der vor allem die Möglichkeiten der Technik inszeniert und daher auch weitaus weniger zwingend wirkt als die Details der übrigen Kompositionen. Heusingers Stück macht denn auch auf die vielleicht größte Gefahr aufmerksam, der sich heutige Komponistinnen und Komponisten gegenübersehen, wenn sie nach Freiburg kommen, um dort ihre eigenen Projekte zu realisieren: dem Nachspüren von Effekten um der Effekte willen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Experimentalstudio: 40 Years Anthology, Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
13.11.2015
Medium:
EAN:

SACD
4260063115158


Cover vergössern

Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Neos:

  • Zur Kritik... Ästhetisch rigoros: Ernst Helmuth Flammers anspruchsvolle Orchestermusik in vorbildlichen Wiedergaben. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Konturiert: Peter Ruzicka weiß seine Musik mit Orchester in Szene zu setzen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Bestechend: Aus der Schweiz kommt eine überzeugende Einspielung mit Neuer Musik. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle Kritiken von Neos...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Glücksfälle: Diese Ausgabe enthält eine Fülle wertvoller pianistischer Dokumente. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Stupende Qualität: Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Scharfe Proportionen: Boris Giltburg mit frühem Beethoven Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich