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Sonntag, 16. Januar 2022

Experimentalstudio - 40 Years Anthology, Vol. 2

Im Labyrinth der Klänge


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zwei hochwertige SACD-Produktionen des Labels Neos ermöglichen einen Einblick in die mehr als 40-jährige Geschichte des Experimentalstudios Freiburg und seine kreative Arbeit mit Elektronik und Raum.

Das Experimentalstudio des SWR sieht sich als Schnittstelle zwischen kompositorischen Ideen und deren technischer Realisierung an. Mit seiner mehr als 40-jährigen Präsenz in der internationalen Musikszene ist es daher zu einem Hauptzentrum für ambitionierte musikalische Werke mit Live-Elektronik geworden. Jedes Jahr werden Stipendien an Komponisten und Musiker vergeben, damit diese ihre Ideen mit der speziellen Ausrüstung des Experimentalstudios in Wechselwirkung mit seinen Mitarbeitern realisieren können. Im Anschluss daran übernimmt das Studio eine aktive Rolle bei der weltweiten Aufführung der hierbei entstandenen Kompositionen. Seit einigen Jahren erscheinen in loser Abfolge beim Labeli Neos neue Produktionen, die mit der Arbeit des Studios vertraut machen. Vol. 1 und 2 dieser Serie widmen sich nun einem Rückblick auf die inzwischen mehr als 40-jährige Geschichte des Studios.

Chaya Czernowin und Mark Andre

Im Mittelpunkt der zweiten SACD stehen zwei Kompositionen aus den 1990er Jahren, die von weiteren Differenzierungsmöglichkeiten im Umgang mit der Studiotechnologie Zeugnis ablegen. Chaya Czernowins Komposition 'Shu Hai mitamen behatalat kidon' für eine Frauenstimme und neun vorab aufgenommenen Spiegelbilder mit Live-Elektronik (1997) lokalisiert die live singende Altistin Noa Frenkel im Kontext eines Gebildes, das aus einem Labyrinth von Klangreflexionen besteht, wodurch jeglicher Vorrang eines ‚Originalinterpreten‘ vor dessen Reproduktion verschwindet. Die Wirkung dieser Konzeption ist umso stärker, als die Stimme hier niemals im Sinne von Verfremdungen elektronisch manipuliert wird, sondern sämtliche Stimmklänge – ganz gleich welcher Art – immer als solche identifizierbar bleiben. Dabei macht Czernowin allerdings vom vielfältigen Umgang mit den Möglichkeiten der Vokalität Gebrauch, bezieht neben gewöhnlicher Klanggebung auch Stimmknattern und andere Artikulationsformen wie Röcheln und Atmen ein, um diese Farben dann in Klangkaskaden oder rhythmische Impulsketten aufzufächern.

Ganz anders arbeitet Mark Andre in der Komposition 'ab II' für Kontrabassklarinette, Violoncello, Cimbalom, Schlagzeug, Klavier und Live-Elektronik (1996–97), die von Musikerinnen und Musikern des Collegium Novum Zürich unter Leitung von Detlef Heusinger wiedergegeben wird. Von Anfang an stellt Andre differenzierte, aus dem Miteinander von Instrumentalklang und elektronischer Manipulation resultierende Klangblöcke in den Raum, die er anschließend in feinste Klangbänder und Vibrationen auflöst. Dass vor allem die Momente an der unteren Grenze der Hörschwelle – sie füllen den Ereignisraum zwischen den massiveren Ereignissen aus – zu intensiven und ständig sich verändernden Klangspuren geformt werden, erweist sich letzten Endes als Herausforderung für das Hören: Denn hier wird die Musik zunehmend von ihren Ursprüngen losgelöst, sodass das Ergebnis als Abstraktionsprozess erkennbar wird, der sich von der körperlichen Hervorbringung des Klangs abwendet.

Ausblick

Angesichts des Umstands, dass seit Entstehung der hier dokumentierten Werke mittlerweile zwei Jahrzehnte verstrichen sind, die Edition aber mit ‚40 Years Anthology‘ überschrieben ist, wirkt die Abwesenheit jüngerer Kompositionen etwas befremdlich. Die Ursache dieser Entscheidung mag in der bereits im Handel verfügbare Dokumentation jüngerer Projekte zu suchen sein, die entweder – wie alle auf der Produktion ‚Folk Songs‘ (Neos, 2014) versammelten Kompositionen – thematisch gebündelt oder – wie im Falle von Mark Andres aufwendiger Musiktheaterpassion '…22,13…' (2004) (Neos, 2012) – als Einzelwerke erhältlich sind. Immerhin ist der begleitende Bookletbeitrag von Martion Iddon ausführlicher als jener zum ersten Teil der Jubiläums-Edition, wodurch es möglich wird, tiefer in die sehr unterschiedlichen Konzeptionen beider Arbeiten einzusteigen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Experimentalstudio: 40 Years Anthology, Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
13.11.2015
Medium:
EAN:

SACD
4260063115165


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

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