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Sonntag, 20. Oktober 2019

Beethoven, Ludwig van - Klaviersonaten

Virtuos und tiefsinnig


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Beethoven-Interpretation des finnischen Pianisten Paavali Jumppanen verbindet Freude am Risiko und Virtuosität mit ernsthafter, eigenwilliger Gestaltung.

Der finnische Pianist Paavali Jumppanen hat sich mit seinem aktuellen Projekt, eine Gesamteinspielung der 32 Klaviersonaten von Beethoven zu veröffentlichen, keine leichte Aufgabe gestellt. Zweifellos muss Kühnheit und pianistische Überlegenheit besitzen, wer sich daran macht, das ‚Neue Testament‘ der Klavierliteratur in seiner Gänze auf Platte zu bannen – im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass man sich damit einreiht in die große Tradition derjenigen Künstler, die wie Schnabel oder Kempff mit ihren Beethoven-Gesamteinspielungen unverrückbare Maßstäbe für die Zukunft gesetzt haben. Umso erfreulicher ist es, dass Paavali Jumppanens Umsetzung dieses Mammut-Projekts beim Label Ondine auf allen Ebenen zu gelingen scheint: Mindestens mit der hier zur Diskussion stehenden Aufnahme der Sonaten opp. 14, 22, 26, 27, 28 und 49 trifft der Pianist die Mitte zwischen Beethovenschem Ernst und sprühender Virtuosität, die für die Sonaten der sogenannten frühen Schaffensperiode des Komponisten unabdingbar ist.

Jumppanens Werkauswahl für die vorliegende Einspielung ist insofern von besonderem Reiz, als einige Stücke darauf zu hören sind, die sich sonst nicht gerade außerhalb, aber zumindest abseits des gängigen Beethovenschen Sonatenkanons bewegen. So scheint beispielsweise die ‚Grand Sonata‘ op. 22 von Interpreten, die keine Gesamtaufnahme planen, eher gemieden zu werden, und auch die verhältnismäßig kurze Es-Dur-Sonate op. 27/1 beherrscht vergleichsweise selten das Konzert- oder CD-Repertoire. Zum besonderen Hörgenuss aber werden bei Jumppanen diejenigen Stücke, die wie op. 14 und vor allem op. 49 neben den großen Würfen tendenziell vernachlässigt, mindestens aber als ‚klein‘ abgetan werden: Feinfühlig und mit viel Verständnis fürs Detail nimmt der Pianist sich der Kompositionen an und arbeitet auch hier die Charakteristika gewissenhaft heraus.

Bemerkenswert für die Interpretation sämtlicher Sonaten, die auf der vorliegenden Platte präsentiert werden, ist Jumppanens Fähigkeit, bei immer gewahrter Einheit des Zeitmaßes jedem der auftretenden Charaktere sein individuelles Gepräge zu verleihen, also die musikalischen Gestalten in sich schlüssig zu formen, ohne dies je auf Kosten des Tempos, des Vorwärtsdranges der Musik zu tun. Was eine Einheit bildet, was sich vom Vorangegangenen absetzt, was überleitet und was zurückführt, lässt sich stets nachvollziehen; die musikalische Syntax bleibt gewahrt auch in solchen Passagen, die dicht und komplex sind. Trotz der dafür nötigen Zäsuren und Einschnitte zerfällt die Musik dank Jumppanens unnachgiebiger Tempogestaltung nicht in Einzelteile, sondern gerät spannungsvoll und energiegeladen. Die Entschiedenheit im Bereich des Zeitmaßes, die der Interpret an den Tag legt, sorgt besonders dort für den Eindruck typisch Beethovenscher Schroffheit und Kompromisslosigkeit, wo wie im Kopfsatz von op. 22 wilde Fortissimo-Ausbrüche und jäh auffahrende Kasskaden gefordert sind: Durch enorme rhythmische Prägnanz in Verbindung mit klanglicher Direktheit, wenn sie gefordert wird, gewinnt der sperrige, ja unnahbare Satz in Jumppanens Wiedergabe virtuose Brillanz und Kühnheit des Ausdrucks. Im freundlichen, dem Kopfsatz ganz unähnlichen Menuett derselben Sonate scheut der Pianist sich gleichwohl nicht vor nachdrücklichen Sforzati, die als ‚Störenfriede‘ kenntlich gemacht, nicht eingeebnet und angeglichen werden.

Auch in op. 27/1 zeigen die raschen Sätze Jumppanens Lust am Risiko. Die bei Beethoven ständig auftretende Eigenheit, auf ein Crescendo unmittelbar ein Piano folgen zu lassen, nimmt der Interpret durchweg ernst, indem er den Eindruck eines regelrechten ‚An-die-Wand-Fahrens‘ erzeugt. Dass Jumppanen bei aller Spielfreude nichts dem Zufall überlässt, sondern sich auf bemerkenswert hoher Reflexionsebene bewegt, scheint in jedem Augenblick durch: Das Bestreben, zugleich alle Elemente des Tonsatzes deutlich hörbar zu machen, zeigt sich an der Durchsichtigkeit, mit der der Pianist nicht nur Thematisches, sondern auch scheinbar nebengeordnete Begleitstimmen artikuliert. Harmonische Besonderheiten werden, wo nötig, herausgestellt. Im Kopfsatz der als ‚Mondscheinsonate‘ in die Geschichte eingegangenen cis-Moll-Sonate op. 27/2 hingegen ist Jumppanen gerade um ein einheitliches Klangbild bemüht, das einerseits die gewollte Gleichförmigkeit der Musik akzentuiert, andererseits aber umso feinere interne klangliche Abstufungen ermöglicht. Den vorgeschriebenen Alla-breve-Takt nimmt der Pianist sich zu Herzen, ohne das Tempo übertrieben schnell zu gestalten; ein schlackenloser, aber nie dünner Ton und der äußerst sparsame Einsatz agogischer Mittel verleihen dem Satz seine ruhig-düstere Atmosphäre. Auch im Trauermarsch der As-Dur-Sonate op. 26 zahlt sich der Verzicht auf seelenvolles, überzogenes Pathos, das den Satz lediglich karikieren würde, aus: Der ‚Marcia funebre sulla morte d'un Eroe‘ präsentiert sich in aller gebotenen Erhabenheit, wird aber dennoch straff geführt.

Auf die Sonaten opp. 14 und 49 sei wiederholt mit Nachdruck verwiesen. Die Liebe zum Detail, die Jumppanen jedem einzelnen der Sätze angedeihen lässt, das feine Gespür, mit dem er etwa im Mittelsatz von op. 14/1 den Kontrast zwischen dem lieblichen Trio und den kurzatmigen Außenteilen formt oder im Kopfsatz von op. 49/1 die Mitte zwischen sanfter Melancholie und berührender Schlichtheit trifft, lassen den Eindruck eines Interpreten entstehen, der über seine technischen wie musikalischen Mittel klug verfügt. Zuweilen wünscht man sich als Hörer womöglich in den ausgedehnten langsamen Sätzen wie denen von op. 22 oder op. 27/1 eine deutlichere Hervorhebung der Melodie. Gerade in seinem Bestreben, alle Aspekte des Satzgefüges hörbar zu machen, grenzt Jumppanen Unwichtigeres manchmal dynamisch nicht ausreichend von Wichtigem ab.

Paavali Jumppanens Projekt der Gesamteinspielung der 32 Beethovensonaten berechtigt zweifelsohne zu den schönsten Hoffnungen. Als reflektierter, informierter und ernsthafter Künstler widmet sich der finnische Pianist jedem einzelnen der Werke mit derselben Aufmerksamkeit und Detailtreue. Seine Interpretation beeindruckt auf handwerklicher wie musikalischer Ebene durch schlüssige Tempogestaltung, klangliche Geradlinigkeit, rhythmische Präzision und strukturelles Gestaltungsvermögen. Zu bewundern bleibt nicht zuletzt seine hör- und spürbare Lust an Virtuosität und Risiko, die den Aufnahmen alles Sterile und Eingefrorene nimmt.

Als äußerst lesenswert sei auch der Booklettext empfohlen, der aus der Feder des Künstlers selbst stammt. Dass Jumppanen sich mit dem Beethovenschen Sonaten-Oeuvre auch jenseits der Arbeit am Klavier intensiv auseinandergesetzt hat, belegt nicht zuletzt sein geplantes Buch, das sich explizit mit der Interpretation der Klaviersonaten befasst.

Elisa Ringendahl Kurzkritik von Elisa Ringendahl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
27.11.2015
Medium:
EAN:

CD
761195128022


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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