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Sonntag, 21. April 2019

Brahms, Johannes - Klavierwerke

Brahms im Stil seiner Zeit


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Piet Kuijken nähert sich Klavierwerken von Johannes Brahms auf historischem Instrumentarium und mit stilsicherem Zugriff. Das Ergebnist ist äußerst anregend.

Den Namen Kuijken kennt man seit vielen Jahren in der Musikwelt. Die ältere Generation der Musikerfamilie aus Belgien hat sich hohes Renommee durch ihre Beschäftigung mit der Historischen Aufführungspraxis erworben und vor allem mit dem Ensemble La petite bande einen wichtigen Beitrag zur Interpretation Alter Musik geleistet. Der Sohn des Gambisten Wieland Kuijken, dem ältesten der Musiker, hat sich dem Klavier verschrieben. Und es wäre eine Überraschung, wenn nicht auch er sich mit der Frage, wie ein Werk in seiner Zeit wohl geklungen haben mag, intensiv beschäftigen würde.

Piet Kuijken ist inzwischen auch schon 43 Jahre alt und lehrt am Konservatorium in Brüssel. Hierzulande ist der Pianist wenig bekannt, was sehr verwundern muss, denn er gibt nicht nur sehr erfolgreich Konzerte als Solist, sondern ist auch als Kammermusikpartner gefragt. Aus seiner Diskographie lässt sich ablesen, dass er sich mit allen Stilepochen befasst, zuletzt ganz besonders mit der Romantik, wo er sich im Schumannjahr 2010 im Rahmen eines Forschungsprojektes mit der Klavier- und Kammermusik von Robert Schumann auseinandergesetzt hat.

In Folge dieser Erfahrung hat Piet Kuijken eine CD mit Klaviermusik von Johannes Brahms aufgenommen, die nun erschienen ist. Bevor man sich auf das Hören einlässt, empfiehlt es sich, das Beiheft zu lesen, in dem Kuijken sehr klug darlegt, wie er sich den Klang bei Brahms vorstellt und dass er als Konsequenz aus seinen Überlegungen einen Flügel des Wiener Klavierbauers Streicher von 1868 benutzt, ein zeitgenössisches Instrument also. Auch Brahms selbst hatte viele Jahre einen Streicher besessen und auf ihm gespielt.

Der Einstieg in die f-Moll-Sonate op. 5 gelingt leichter mit diesem Wissen, denn bei den ersten Akkorden befremdet zunächst der Klang, der ein wenig an ein ‚abgenudeltes‘ Instrument erinnert. Man hört sich aber sehr schnell ein, ja, man wird von der romantischen Spielweise, die Akkorde als Arpeggien zu spielen und zahlreiche Rubati einzusetzen, regelrecht gefangengenommen und tief in die Musik hineingezogen. Besonders innig gelingt Kuijken der zweite Satz: Das 'Andante espressivo' rührt zu Tränen, ohne auch eine Sekunde kitschig zu werden. Überhaupt ist viel emotionale Bewegung im Spiel, und trotzdem gerät die Musik nie zu nahe ans rein Gefühlige.

Ähnliches gilt für die Intermezzi und Fantasien opp. 116 und 117. Dass Kuijken jede technische Klippe sicher umschifft, versteht sich von selbst. Dass er aber auch ein Musiker von hohen Gnaden ist, der zudem auch noch gründlich über das nachdenkt, was er spielt, das ist ein Geschenk. Es wäre sehr zu wünschen, dass die Konzertbesucher auch in Deutschland ihn öfter als bisher erleben dürften.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
06.11.2015
EAN:

5425004140098


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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