> > > Vieuxtemps, Henri: Werke für Violine solo
Mittwoch, 17. August 2022

Vieuxtemps, Henri - Werke für Violine solo

Anspruchsvolle geigerische Aufgaben


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schon zum zweiten Mal überzeugt der Geiger Reto Kuppel mit einer Aufnahme solistischer Violinwerke aus dem 19. Jahrhundert, diesmal von Henri Vieuxtemps.

Hartnäckig hält sich die Ansicht, im 19. Jahrhundert habe es, wenn man einmal von ganz wenigen Solitären wie Niccolò Paganinis Capricci op. 1 absieht, keine nennenswerte – soll heißen: musikalisch anspruchsvolle – Literatur für Violine solo gegeben. Wer sich die bei Naxos veröffentlichten CDs des Geigers Reto Kuppel anhört, wird allerdings rasch eines Besseren belehrt: Nachdem Kuppel vor etwas mehr als einem Jahr eine Aufnahme mit kaum bekannten Kompositionen Ferdinand Davids herausgebracht hat, lässt er nun eine entsprechende Produktion mit vernachlässigten Werken des belgischen Violinisten und Komponisten Henri Vieuxtemps (1820-1881) folgen. Der Geiger beginnt mit sechs Stücken aus den '36 Études pour violon seul' op. 48 (1880) und hat vor allem Miniaturen ausgesucht, die sich über ihre Funktion als technische Übungen hinaus als Charakterstücke verstehen lassen. Indem er die CD mit der 'Erzählung' (Nr. 6) eröffnet – in ihrem ruhig wiegenden Duktus bei gleichzeitiger Einbeziehung von Kantilene, gelegentlichem Doppelgriffspiel und spielerischer Ornamentik eine sehr gute Wahl, da hier die Fähigkeiten des Musikers gleich zu Beginn wie in einem Mikrokosmos positiv zur Geltung kommen – und mit der bildhaft als 'Torment' (Qual) betitelten Etüde in rasendem Tempo fortfährt, steckt er geschickt den Rahmen für alles Weitere ab. Seinen Querschnitt beschließt er wiederum mit der ansprechenden, als Vorbereitungsübung für den Vortrag Bach’scher Solosonaten gedachten Nr. 28 (Moderato) und hängt, die Auswahl perfekt abrundend, die raffinierten, sehr unterschiedliche Ausdrucksbereiche des Violinspiels abdeckenden vier Variationen über eine Gavotte von Corelli (Nr. 32) an.

Sieht man von dieser Selektion und dem Einzelstück 'La Chasse' – Nr. 2 aus den 'Trois pièces de salon' op. 32 – ab, liegt der Schwerpunkt der Produktion auf den technisch wie musikalisch anspruchsvollen Zyklen der 'Six Études de Concert' op. 16 (1845) und der 'Six Morceau pour violon seul' op. 55 (1880-81). In den Konzertetüden rückt – ganz der Tradition von Niccolò Paganinis Capricci op. 1 verpflichtet – der technische Aspekt in den Vordergrund. Dennoch lässt Vieuxtemps auch die Bemühung erkennen, die Dominanz spieltechnischer Problemstellungen durch ein Ausloten besonderer Ausdruckswerte zu verstärken. Kuppels Umsetzung kündet von der Wertschätzung, die er gerade den klanglichen Aspekten dieser Stücke entgegenbringt; zudem reichert er die Etüden wenn irgend möglich auch durch einen gewissen Spielwitz – greifbar etwa im Umgang mit kunstvoll gesetzten Verzögerungen oder pointiert platierten Flageoletts – an. Etwas unverständlich bleibt hier einzig die Temponahme im 'Adagio non troppo' (Nr. 5), wo der Geiger das Tempo beim Vortrag der lang gehaltenen Töne aus den ersten Takten doppelt so rasch nimmt wie bei der darauffolgenden Entfaltung der Melodie, die sich für meinen Geschmack immer noch eine Spur zu rasch fortschreitet, wodurch die nachfolgenden Sechzehntelkonfigurationen allzu nebensächlich wirken.

Weit über diesen Zyklus hinaus gehen die erst posthum veröffentlichten sechs Stücke, die den Interpreten mit komplexen Aufgabenstellungen im mehrstimmigen Spiel konfrontieren. Auch wenn die Wahl der Lautstärke an einigen Stellen etwas eigenwillig erscheint und mitunter auch stärker in die Extreme gehen könnte, überzeugt Kuppel – beispielsweise im Moderato (Nr. 2) – durch vielfältige klangfarbliche Abstufungen, die er mit schönem, differenzierungsfähigen Ton erreicht und durch viele sinnlichen Momente anreichert. Besonders gut gelingt ihm das im 'Andante' (Nr. 5) oder im barockisierenden 'Tempo di minuetto' (Nr. 4). Natürlich spürt man als Hörer allenthalben die teils exorbitanten Schwierigkeiten der Stücke, die dazu führen, dass die Wiedergabe vor allem in grifftechnischer Hinsicht immer ein Kompromiss zwischen Notiertem und der tatsächlichen Realisierbarkeit bleibt – zumal das einzelne Instrument manchmal zu klein für die hier hervorgebrachten Klänge anmutet und unter der darauf applizierten Vielstimmigkeit fast zu platzen scheint. Dennoch zeigt gerade die abschließende Einheit von 'Introduction et Fugue' (Nr. 6), in vielfacher Hinsicht dem Modell der Eröffnungssätze aus Bachs Solosonate BWV 1001 nachempfunden, zu welcher musikalischen Größe sich Vieuxtemps hier gesteigert hat. Was Kuppel bei der Wiedergabe gerade dieses Stückes leistet, ist enorm, auch wenn man sich manche interpretatorische Entscheidung bezüglich des Zusammenhangs von Phrasen auch anders vorstellen könnte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Vieuxtemps, Henri: Werke für Violine solo

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
747313339778


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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